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Traumtor: Lars Ricken trifft mit einem Heber zum 3:1 im Champions League-Finale 1997 gegen Juventus Turin.

Sportsendungen ohne Sport

Wie Sky, Dazn und Sport1 auf das Coronavirus reagieren

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Deutsche Sportsender kramen in der Vergangenheit, um ihr Programm der Gegenwart zu bewältigen.

Obwohl das Epizentrum des hiesigen Sportfernsehens in München und Peripherie liegt, die Deutschlandzentralen von Sky, Dazn, Sport 1 und auch Eurosport entweder direkt in der Stadt oder in Vororten wie Unterföhrung und Ismaning angesiedelt sind, scheint das zuschauende Publikum mitunter nicht ganz so viel an der süddeutschen Millionenstadt zu liegen, und vor allem nicht an deren Vorzeigefußballklub, dem FC Bayern. Anfang dieser Woche war es, da hatte der Bezahlsender Sky die eigenen Kunden gefragt, welche Klassiker der Kickerei sie denn nun gerne sehen wollen in den fußballfreien Corona-Zeiten.

Der denkwürdigen Nachspielzeit-Niederschlag der Bayern gegen Manchester United im Champions-League-Finale 1999 im Camp Nou von Barcelona? Oder lieber der Elfmetertriumph von San Siro, 2001 gegen Valencia mit Titan Oliver Kahn? Nein, nein, stimmten die Kunden des Pay-TV-Senders relativ eindeutig ab. Keine Bayern, lieber Dortmunder. Fast 18 000 Stimmen, rund 50 Prozent, entfielen auf den Finalklassiker von 1997 zwischen dem BVB und Juventus Turin. Also ertönte tatsächlich Mitte dieser Woche noch einmal die Stimme von Kommentator Marcel Reif in manch deutschem Wohnzimmer, als er völlig losgelöst „Ricken...Lupfen, jetzt! Jaaa. Fünf Sekunden auf dem Platz, Lars Ricken“ in sein Mikro schrie und damit dem Matchwinner des Dortmunder 3:1-Sieges huldigte.

Alte Zeiten, die doch zur Gegenwart (und wohl auch zur nahen Zukunft) gehören. Aufzeichnungen und Dokus werden die nächsten Wochen im Sport-Programmplan bestimmen. Klar ist natürlich, dass Sky auf eine baldige Fortsetzung der Bundesliga- und Europapokalpartien hofft, Geisterspiele hin oder her, dann würde sich gewiss auch der Groll bei manch Abokunden ob seiner weiterhin gezahlten Beiträge in akzeptablen Grenzen halten. Ist das nicht möglich, könnte die Sache schon anders aussehen. In England wird Kunden bereits angeboten, das Sport-Abo vorerst einzufrieren.

Wie sich das zwangsläufige Fehlen von Livesport für das Kündigen von Abonnements auswirken wird, lässt Sky noch offen. Anfragen von deutschen Kunden werden bisher weitgehend abgeblockt. Und offiziell heißt es recht schwammig: „Wir sind uns bewusst, dass sich die Situation schnell entwickelt und arbeiten mit Hochdruck daran, auch weiterhin unsere Leistungen für alle unsere Kunden erbringen zu können.“ Schwierig, konkret derzeit unmöglich. Als Ausgleich für die fehlenden Sport-Übertragungen hat sich der Pay-TV-Anbieter daher nun dazu entschieden, seinen Kunden auch diverse Filmpakete für einen Monat kostenlos freizuschalten.

Härter noch als das weitgehend durch Jahresabos finanzierte Sky trifft die fußballfreie Zeit Dazn. Anders als bei Sky stehen beim Streamingdienst keine Serien oder Filme als Alternativen bereit – dafür greift Dazn aber ebenfalls auf eine Menge aus der Vergangenheitskiste gekramte Sportinhalte zurück. So steht aktuell zum Beispiel das Champions-League-Finale 2013 zwischen den Bayern und Dortmund zum Abruf bereit. Außerdem werden durchaus sehenswerte Dokus über diverse Fußballstars wie Mario Götze, Cristiano Ronaldo oder Neymar prominent angepriesen, ebenso wie beispielsweise das finale Karrierespiel von Deutschlands Basketball-Ikone Dirk Nowitzki. Dazn arbeite mit Hochdruck an kreativen Ideen, erklärte ein Unternehmenssprecher im Gespräch mit der FR.

Wer bei Dazn ein Monatsabo für 11,99 Euro bezahlt, der kann eine viermonatige Pause einlegen oder gar sofort kündigen. Bei einem Jahresabo für 119,99 Euro wird es schwierig, denn das musste zu Vertragsbeginn bezahlt werden. „Ein Jahresabo kann nicht pausiert werden“, heißt es. Dazn stehe aber „täglich in Kontakt mit Rechteinhabern und Partnern, um die Auswirkungen des Virus auf unsere Branche, unseren Service und unsere Kunden zu verstehen und zu bewältigen“. Dem Vernehmen nach ist Dazn aufgrund der aktuellen Krise und der vergleichsweise hohen Zahl an Abokündigungen im anstehenden Bieterwettbewerb um die Bundesligarechte in eine nicht mehr wirklich komfortable Situation geraten. Und das, so erfuhr die FR aus Mitarbeiterkreisen, sei noch milde ausgedrückt.

Derweil hat die Telekom auf die Ausfälle auch mit finanziellem Entgegenkommen für ihre Kunden reagiert. „Weil nahezu der komplette Sport durch Absagen stillsteht, können wir leider den Fans und unseren Kunden nicht wie gewohnt packenden Livesport zeigen. Daher werden wir allen Kunden zunächst den Abopreis für einen Monat erstatten“, sagte Sponsoringchef Henning Stiegenroth. Allerdings, und das muss ehrlicherweise angefügt werden: Für die Telekom, die sonst Basketball, Eishockey und Drittligafußball zeigt, ist das finanzielle Entgegenkommen kein riesiges Problem. Sportübertragungen sind – anders als bei Sky oder Dazn – bei weitem nicht die wichtigste Einnahmequelle.

Auch die größtenteils kostenfrei empfangbaren Eurosport- und Sport 1-Angebote sind natürlich betroffen. „Um den fehlenden Livesport programmlich aufzufangen, werden wir unsere Sendepläne anpassen und etliche der großen Momente noch mal in Erinnerung bringen“, heißt es dazu aus München von Eurosport. Und bei Sport 1 arbeite man ohnehin stets an „Alternativszenarien“ für mögliche Ausfälle. Die aktuelle Situation stelle allerdings in ihrem Umfang ein Novum dar und führe zu vielfältigen Anpassungen.

So wird zum Beispiel am 29. März die Doku „Inside United Volleys - Profisport zwischen Traum und Wahnsinn“ über die Frankfurter Erstligavolleyballer ins Hauptprogramm genommen. Zudem werden im Anschluss an die am Sonntag live ausgestrahlte Doppelpass-Talkrunde, es war die tausendste Jubiläumsausgabe des Kultstammtisches, Höhepunkte der 999 vorherigen Sendungen ausgestrahlt. Die Stimme von Marcel Reif dürfte auch dann wieder durch die deutschen Wohnzimmer tönen. (mit dpa)

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