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Silbrige Aussichten: Der Deutschland-Achter wird Zweiter.
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Silbrige Aussichten: Der Deutschland-Achter wird Zweiter.

Party nach dem ersten Frust

Silber als Trostpflaster

  • VonMichael Wilkening
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Für den Ruder-Achter zerplatzt der Goldtraum, doch dann mischt sich Stolz in die Enttäuschung.

Irgendwann war die Kampfkraft zurückgekehrt, zumindest bei der anschließenden Party. „Wir fliegen in zwei Tagen zurück, aber vielleicht schaffen wir es, dass die Japaner uns vorher nach Hause schicken“, sagte Hannes Ocik. Der Schlagmann des Ruder-Achters führte eine unerwartete Wendung auf, denn kurz zuvor wirkte er noch derart niedergeschlagen, dass fraglich schien, ob er die Freude am Leben überhaupt zurückerlangen würde. Kurz vor der Siegerehrung kauerte der 30-Jährige in der Hocke an einem Absperrgitter, wirkte ganz weit weg vom Hier und Jetzt. Ein paar Momente später würde er die Silbermedaille um den Hals gehängt bekommen, aber Ocik war zu diesem Zeitpunkt noch nicht in der Lage, ihren Wert erkennen zu können.

Das Paradeboot des Deutschen Ruderverbandes (DRV) war im „Sea Forest Waterway“ im Hafen von Tokio an den Start gegangen, um zu gewinnen. Auf der 2000 Meter langen Strecke hatten Ocik und seine Kollegen jeden Ruderschlag so ausgeführt, als wäre es der letzte. „Wir haben von vorne alles reingeworfen, was wir im Tank hatten, haben ihn so schnell wie möglich leergeschossen und dann draufgehauen“, beschrieb der Schlagmann die Vorgehensweise.

Klingt simpel, aber genauso funktioniert Rudern. Der eigene Körper muss in den Grenzbereich der Leistungsfähigkeit gebracht werden, um anschließend noch etwas mehr aus ihm herauszuquetschen. Die Deutschen hatten genau das getan, aber das Boot aus Neuseeland war bei gleicher Herangehensweise noch einen Tick schneller im Ziel. „Wir haben uns nichts vorzuwerfen“, schob Richard Schmidt nach: „Die Neuseeländer waren bärenstark.“ In den ersten 30 Minuten nach dem Rennen waren die deutschen Ruderer nicht in der Lage, Freude über eine Silbermedaille nach außen zu transportieren, aber als das Edelmetall am Hals baumelte, brach sich die Zufriedenheit vorbei an Erschöpfung und Enttäuschung ihre Bahn.

Neuseeland zu stark

Zum Abschluss der Ruder-Wettbewerbe sollte der Deutschland-Achter die bis dahin magere Bilanz des DRV aufpolieren, möglichst mit einer Gold-Medaille sollten die Rückschläge des Doppelvierers der Frauen und von Einer-Fahrer Oliver Zeidler überdeckt werden. Beide Boote waren klare Medaillenkandidaten, blieben jedoch hinter den Erwartungen zurück. Bei den Frauen sorgte ein technischer Fehler kurz vor dem Ziel dafür, dass sie aus den Medaillenrängen fielen. Zeidler scheiterte im Halbfinale an den schweren Bedingungen auf der olympischen Regattastrecke. Der Achter hat eine große Tradition in Deutschland, vier Olympiasiege gab es in der Vergangenheit.

Bis zur 1000-Meter-Marke war die Neuauflage des Goldtraums realistisch, ehe die Neuseeländer mit einem unwiderstehlichen Zwischenspurt weit davonzogen. „Die dritten 500 Meter waren sie zu stark“, räumte Schmidt ein, der bereits 2012 und 2016 im Boot saß. Schmidt gewann vor neun Jahren die Goldmedaille, vier Jahre danach kam Silber hinzu. Eine neuerliche Goldmedaille kam in Tokio nicht hinzu, weil der starke Schlussspurt die Deutschen noch einmal nah an die Neuseeländer heranbrachte, aber nicht mehr erreichte. „Das ist der Leistungssport“, sagte Ocik, der sich von Minute zu Minute besser mit dem Resultat zu arrangieren schien.

Das olympische Rennen ist für die Besatzung eines Ruderbootes das Ende eines gemeinsamen Weges, der voller Entbehrungen ist. Filip Adamski, der 2012 gemeinsam mit Schmidt im Gold-Boot in London saß, hatte für die lange Zeit der Vorbereitung den Begriff „goldener Käfig“ genutzt. Monatelang gilt ein strenger Ernährungsplan, der mit dem kräftezehrenden und mental fordernden Training abgestimmt ist. In Dortmund werden die Athleten zusammengezogen, von den Familien und den Freunden getrennt. Der Aufwand jedes einzelnen ist enorm, der Wunsch, ihn mit einer Goldmedaille zu rechtfertigen. deshalb besonders groß. Nachvollziehbar, dass es einige Zeit braucht, um Freude über Silber empfinden zu können.

Als die Freude langsam die Oberhand gewonnen hatte, wagte Ocik einen Ausblick auf die kommenden Stunden. Es werde im Olympischen Dorf sicher gefeiert, kündigte der Schlagmann des deutschen Paradebootes an. Möglicherweise derart ausgelassen, dass die gastgebenden Japaner auf den Gedanken kommen, ein paar Athleten aus dem deutschen Team vorzeitig in ein Flugzeug Richtung Deutschland zu setzen.

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