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Lucas Moura schießt das Siegtor für die Tottenham Hotspurs.

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Sieg des Fußballs

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Vier atemraubende Partien mit großen Emotionen und zwei unglaublichen Comebacks.

Sind Wunder eigentlich noch Wunder, wenn sie innerhalb von 24 Stunden zwei Mal passieren? Nach den zwei mitreißenden Halbfinalspielen in der Champions League haben sich die Grenzen des Unmöglichen im Fußball mal wieder verschoben. Zwei Semifinals mit zwei solchen Comebacks hat es in der Geschichte der Königsklasse noch nicht gegeben. Trotz unterschiedlicher Dramaturgie und Gründe für das 4:0 des FC Liverpool gegen den FC Barcelona und dem 3:2 von Tottenham Hotspur gegen Ajax Amsterdam waren es zwei Fußballfeste.

Das Wichtigste dabei war, dass alle Hin- und Rückspiele auf dem Feld entschieden wurden. Keine umstrittenen Schiedsrichterentscheidungen - die Videoassistenten waren nur bei der Überprüfung der Tore involviert - , keine Roten Karten oder sonstigen unschönen Vorfälle. Es waren schlicht vier atemberaubende Partien mit großen Emotionen und zwei unglaubliche Comebacks. Die Größe aller Beteiligten – inklusive der Zuschauer, der fairen Liverpooler und Amsterdamer Fans – machen diesen Sport Fußball so wunderbar.

Es waren auch zwei Siege von zwei herausragenden Trainern. Mauricio Pochettinos Schachzug, Stürmer Fernando Llorente in der zweiten Halbzeit nach 0:2-Rückstand als Prellbock zu bringen, um die zweiten Bälle festzumachen, hat die Ajax-Defensive komplett aus dem Konzept gebracht. Die Strategie des Argentiniers hat gegen die Philosophie des „Total Voetbal“ von Erik ten Haag den kleinen, aber feinen Unterschied ausgemacht.

Der Erfolg des FC Liverpool war hingegen die ultimative Transformation von Jürgen Klopps Mentalität auf den Platz. Hinterher sprach der Teammanager von Mentalitätsgiganten. Zu diesen hat der ehemalige Mainzer und Dortmunder Trainer diese Mannschaft geformt. Wie viele Trainer hätten einem Team glaubwürdig vermitteln können, den FC Barcelona mit Überfußballer Lionel Messi trotz 0:3-Bürde noch aus dem Wettbewerb zu werfen? Da ging es nicht um Taktik oder Spielphilosophie, sondern um den Glauben an sich selbst, Herz, Seele, wie immer man es bezeichnen mag. Und angesichts des zusätzlichen Drucks, womöglich am Ende einer fantastischen Saison in der Königsklasse und in der Premier League – wo die Reds vor dem letzten Spieltag einen Punkt hinter Manchester City auf Rang zwei liegen – mit leeren Händen dazustehen, toppt diese Leistung zusätzlich.

Weder Pochettino noch Klopp haben sich wegen des Fehlens ihrer Stars, Harry Kane auf der einen, Mohamed Salah und Roberto Firmino auf der anderen Seite, beklagt. Genauso wenig über die zu vielen Spiele, die ihre Teams absolvieren müssen. 37 in der Liga, elf in der Champions League plus die Partien in zwei nationalen Pokalwettbewerben – und das alles ohne Winterpause.

Der Finaleinzug von Liverpool und Tottenham war also auch ein Sieg der Premier League. Das letzte rein englische Finale liegt elf Jahre zurück (Manchester United gegen den FC Chelsea im Jahr 2008), der letzte englische Triumph in der Königsklasse sieben Jahre (FC Chelsea 2012). Die spanische Dominanz der vergangenen Jahre ist vorerst gebrochen, auch in der Europa League nehmen die englischen Topteams den Wettbewerb deutlich ernster. Für die Konkurrenz, gerade für die Bundesliga-Klubs, wird es in den kommenden Jahren nicht leichter, mit den englischen Spitzenteams mitzuhalten. Dafür braucht es harte Aufbauarbeit, um solche Wunder wahr werden zu lassen - und das nötige Kleingeld.

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