1. Startseite
  2. Sport

Sich selbst gerecht

Erstellt:

Kommentare

Es muss sich einiges aufgestaut haben, wenn einer wie Max Eberl nach 23 Jahren plötzlich den Bettel hinwirft. Nicht mehr kann, nicht mehr will, nicht mehr für alles gerade stehen. Ein Kommentar.

23 Jahre in einem Klub – das ist dann kein Job mehr, sondern eine Herzensangelegenheit, der Klub war sein Leben. Nun hat Max Eberl die Reißleine gezogen, das ist vernünftig. Er konnte nicht mehr, hatte keine Kraft mehr, diesen intensiven Job so auszufüllen wie er glaubte, ihn ausfüllen zu müssen. Eberl hat gespürt, dass er am Ende seiner Möglichkeiten angelangt war. Aus reinem Selbstschutz musste er loslassen von seinem Herzensverein, musste sich vor sich selbst schützen. Und er hatte die Größe zuzugeben, schwach zu sein, nicht mehr zu können. Das nötigt Respekt ab in einer Branche, in der breitbeinige Alphatiere dominieren.

Max Eberl hat Borussia Mönchengladbach geprägt wie einst Netzer, Vogts, Bonhof auf dem Rasen, er hat die Fohlen konsolidiert, in die Champions League geführt und zu einem pumperlgesunden Klub gewirtschaftet mit seinen Tugenden: Umsicht, Ruhe, Augenmaß, Verlässlichkeit. Eberl war Herz und Gehirn, Seele und Gewissen des Klubs.

Wie sich die Zeiten ändern: Derzeit stecken sie am Borussia-Park tief im Abstiegssumpf.

Max Eberl hat es sich ja nicht leicht gemacht, dem Klub in der schwersten sportlichen Krise der vergangenen Jahre schweren Herzens den Rücken zu kehren. Sicher: Der jüngste Rückschlag am Niederrhein hat mit unglücklichen Entscheidungen Eberls zu tun, er, der jahrelang Solidität und Seriosität verkörpert hat, hat sich anfechtbar gemacht. Das (zu lange) Festhalten am Karrieristen Marco Rose, das damit einhergehende Verspielen sämtlicher Ziele, der geplatzte 40-Millionen-Transfer von Thuram, die – auch wegen Corona – nicht getätigten Wechsel von Ginter und Zakaria, die Liaison mit einer Vereinsangestellten, der falsche Rose-Nachfolger. Eberl bot plötzlich Angriffsflächen. Das führte zu einem körperlichen, vor allem aber auch mentalen Verschleiß, den auch eine mehrwöchige Auszeit nicht bremste. Der Druck nagte an ihm, dem bayerischen Genussmenschen, das ständige Getriebensein in diesem Milliardenspiel. Aus der Tretmühle kam er nicht mehr heraus, der Stress wurde immer überwältigender, vor allem, als sich strategische Entscheidungen im Nachhinein als falsch erwiesen.

Mit Eberl verliert die Borussia ihr Gesicht und einen, der vieles abgefangen hat, was von außen eingeprasselt war. Er wird fehlen. Eine Ära ist zu Ende.

Auch interessant

Kommentare