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Olympisches Flair im Zeichen der Ringe: Fans fotografieren sich vor dem Stadion.
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Olympisches Flair im Zeichen der Ringe: Fans fotografieren sich vor dem Stadion.

Olympische Spiele

Sehnsuchtsort in Zeiten der Pandemie

  • VonMichael Wilkening
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Für die Athleten und Athletinnen war es wichtig und richtig, dass Olympia in Tokio stattgefunden hat – auch dank nahezu perfekter Organisation.

Ein paar Jugendliche nutzen die Nacht, um ein Stück Freiheit zu spüren. In einem kleinen Park, unweit des „Yoyogi National Stadiums“, wo während der Olympischen Spiele das Handballturnier ausgetragen wird, quillt Musik aus einer Beatbox, es stehen ein paar Bierdosen auf dem Boden und ein junger Mann singt. Ein paar Meter weiter rollen Skateboards über den Asphalt, werden kleinere Kunststücke probiert, ein Teenager hat eine Zigarette im Mundwinkel hängen. Um kurz nach Mitternacht sind an diesem Ort das größte Sportfest der Welt und die Corona-Pandemie kein Thema. Niemand trägt hier eine Maske, abgesehen von ein paar Journalisten, die die Szenerie passieren, weil sie auf dem Weg zurück ins Hotel sind.

Die Jugendlichen in dem Park sind nach anderthalb Jahren der Einschränkungen nicht mehr bereit, alle Regeln einzuhalten, die die Regierung zur Bekämpfung der Pandemie erlassen hat. In einigen Bars in Tokio werden die Vorgaben ebenfalls ignoriert, hier werden die geänderten Öffnungszeiten des Notstandsgesetzes nicht umgesetzt. Hier und da begründen die Besitzer den Widerstand gegen die staatlichen Vorgaben mit den Olympischen Spielen. „Die Leute sehen die Spiele und wollen auch mehr von ihrem Leben zurück“, sagt Hashi. Das ist in Tokio nicht anders als in Berlin, in New York oder anderswo.

In der „Nippon Budokan“, der historischen Kampfsporthalle in Tokio, ganz in der Nähe des Kaiserpalastes, fließen Tränen. Gerade hat Maria Centracchio durch einen Sieg gegen eine Niederländerin die Bronzemedaille in der Klasse bis 63 Kilogramm gewonnen. Sie weint hemmungslos. Ihre Lippen sind blutig, weil sie einen kleinen Schlag abbekommen hat, aber das spielt keine Rolle. Die 26-Jährige ist glücklich, weil gerade ein Traum in Erfüllung gegangen ist. Eine Medaille bei ihren ersten Olympischen Spielen. „Ich kann das nicht in Worte fassen“, sagt sie in gebrochenem Englisch: „It is unbelievable.“ Es ist unglaublich. Wie Centracchio geht es täglich vielen Athleten, deren Emotionen durch die Diskussion um die Pandemie oder die Tatsache, dass die Wettbewerbe deshalb ohne Zuschauer ausgetragen werden, nicht kleiner geworden sind.

Für die Athleten sind die Wettkämpfe im Zeichen der Olympischen Ringe immer noch ein Sehnsuchtsort. Für die Judoka, die Ruderer oder die Sportschützen bedeuten sie den Höhepunkt der sportlichen Karriere, den Lohn für jahrelanges Training und Verzicht. Für Tennisstar Alexander Zverev sind Wimbledon oder die US Open sportlich noch reizvoller, aber der Hamburger wurde von der Besonderheit der Spiele übermannt. „Hier spielt man für ein ganzes Land, für alle Sportler hier im Dorf“, sagt Zverev, nachdem er die Goldmedaille in den Händen hält. Ein paar Tage vorher sitzt er weinend auf dem Centre Court, als er den Weltranglistenersten Novak Djokovic im Halbfinale besiegt und dadurch eine Medaille sicher hat. Die Faszination der Spiele für die Sportler hat durch die außergewöhnlichen äußeren Umstände nicht gelitten. Das hat sich in Tokio schnell gezeigt.

Hashi steht stattdessen in einer Bar in Shinjuku hinter dem Tresen und mixt Cocktails für die überwiegend jungen Gäste. An den Tischen wird keine Maske getragen, auf dem Weg zur Toilette schützen sich die meisten Menschen jedoch. Der Barkeeper ist 34 Jahre alt, er verfolgt die Wettbewerbe in den Stadien und Arenen nur am Rande. „Wir sind erfolgreich“, weiß er immerhin mit Blick auf die japanischen Olympioniken zu berichten. Zum Schluss sagt Hashi noch einen interessanten Satz: „Die jungen Leute machen schon seit ein paar Monaten ihr eigenes Ding, sie wollen nicht mehr eingesperrt sein.“

Die Corona-Infektionen in Tokio steigen seit einiger Zeit rasant an, in diesen Tagen werden Höchststände seit Beginn der Pandemie vermeldet. Daran ändert die Vorsicht der Menschen in Tokio nichts. Die überwältigende Mehrheit hält sich an die Vorgaben, hält Abstand und trägt eine Maske. In den Straßenschluchten und den U-Bahnhöfen stellen die Japaner ihre Disziplin unter Beweis. Die Ausbreitung der Delta-Variante sorgt in Japan wie im Rest der Welt dennoch für eine neue Welle. Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass Sportler, Journalisten oder Offizielle, die wegen der Olympischen Spiele ins Land gekommen sind, für die Ausbreitung des Covid-Erregers im größten Ballungsraum der Welt verantwortlich sind. Das räumen auch Kritiker ein, die gegen die Spiele sind. In Tokio stiegen die Infektionen schon in den Tagen vor der Eröffnungsfeier deutlich an.

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