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Als Experte bei der WM in Katar: Wie Schweinsteiger die Weltmeisterschaft sieht

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Von: Marc Hairapetian

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Bastian Schweinsteiger: Vom Nationalspieler zum Experten bei der WM 2022 in Katar.
Bastian Schweinsteiger: Vom Nationalspieler zum Experten bei der WM 2022 in Katar. © Annette Riedl/dpa

Interview mit Fußball-Weltmeister 2014 und ARD-Experte Bastian Schweinsteiger über die WM in Katar, die Menschenrechtsfrage, Eintracht Frankfurt und seine Fernsehtätigkeit.

Frankfurt – Bastian Schweinsteiger, geboren am 1. August 1984 in Kolbenmoor, war 17 Jahre lang eines der Gesichter des FC Bayern München, mit dem er erst als Offensivspieler, dann als defensiver Mittelfeldmann national und international fast alles gewann, was man als Fußballspieler erringen kann. Mit der deutschen Nationalmannschaft, für die von 2004 bis 2016 in 121 Länderspielen immer alles gab, wurde er 2014 in Brasilien Weltmeister.

Nach einem wenig erfolgreichen Intermezzo bei Manchester United stand er 2019 bei Chicago Fire in der Major League Soccer unter Vertrag. Seit seinem Karriereende ist er als Experte der ARD bei der Sportschau im Einsatz und wird zusammen mit Esther Sedlaczek die Spiele der WM in Katar analysieren. Im folgenden Interview gibt sich der ewige „Basti“ (so nennt er sich auch selbst) reflektiert-selbstkritisch. Er spricht über die Aussichten der deutschen Nationalelf, deren Kapitän er selbst von 2014 bis 2016 war, und klammert dabei auch die Menschenrechtsfrage im Wüstenstaat nicht aus. Während er von Eintracht Frankfurts erfolgreichen Power-Fußball begeistert ist, hinterfragt er sich durchaus selbst als Fußball-Fernsehfachmann, was ihn noch sympathischer macht.

Bastian Schweinsteiger im Interview: Verletzung der Menschenrechte muss angesprochen werden

Basti, du bist Fußball-Experte der ARD für die WM in Katar. Dort werden die Menschenrechte mit Füßen getreten. Wie gehst du damit um? Wirst du das bei der Berichterstattung beim Namen nennen, wenn dir diesbezüglich etwas auffällt oder konzentrierst du dich auf das rein sportliche Geschehen?

Ich bin - wie du gesagt hast - der Fußball-Experte der ARD und versuche den Zuschauern, die Freude am Fußball zu vermitteln, aber natürlich ist es so, dass man sich über die anderen Sachen auch austauscht. Klar, wenn es um die Verletzung der Menschenrechte geht, muss man das scharf kritisieren und auch öffentlich darüber sprechen.

Es gab ja nun gerade bei der Jahreshauptversammlung des FC Bayern München das Thema und Uli Hoeneß hat sich dazu eingeschaltet. Verfolgst du das noch als ehemaliger Spieler dieses Vereins?

Ich habe nicht alles mitbekommen, muss ich ganz ehrlich sagen. Ich weiß aber von der letzten Jahreshauptversammlung, dass es das Thema Menschenrechte in Katar gibt. Bayern München nimmt das Thema sehr ernst. Genaue Details kann ich aber nicht wiedergeben.

Schweinsteiger: „Als Spieler musst du dich auf das Sportliche konzentrieren“

Der Verein muss ja den Spagat schaffen zwischen einerseits Trainingslager und Sponsor dort, anderseits sehen das viele Fans kritisch. Kannst du die Bayern verstehen, dass sie auf Wandel durch Zusammenarbeit setzen? Oder bist du eher bei den Fans, die sagen: Das Geld von Autokraten nehme ich nicht?

Ich kann nicht sagen: Ich bin auf der Seite oder der anderen, denke aber, dass es immer wieder Themen gibt über die man ernsthaft sprechen muss. Und ich weiß, dass Bayern München das auf jeden Fall auch macht. Ich habe letztens unseren Kanzler Olaf Scholz gehört, dass sich die Dinge in Katar verbessert haben und seinen Worten vertraue ich. Ich bin bald auch in Katar und freue mich auf die Fußballweltmeisterschaft. Die deutsche Nationalmannschaft reist nach Doha, um gute Spiele zu zeigen und Fußballweltmeister zu werden. Die Spieler wissen alle, dass es das Thema gibt , aber ich finde, es macht wenig Sinn, sie immer darauf anzusprechen. Ich denke, dass da der Verband vorausgehen sollte und dass es eben nicht auf den Schultern der Spieler ausgetragen wird. Die Spieler stehen für die Menschenrechte ein, aber ich finde es falsch, dass man sie bei jeder Presskonferenz darauf anspricht, am Ende des Tages ist es für die Spieler wichtig, zu performen.

Hat man dann bei dieser mehr als kontroversen Situation, Schwierigkeiten als Spieler Spaß zu haben? Oder sagt man: Ich fokussiere mich auf die sportliche Situation, weil ich vielleicht nur ein oder zwei Mal die Chance habe, Weltmeister zu werden?

Genau, als Spieler musst du dich auf das Sportliche konzentrieren. Wenn man jetzt die letzten Weltmeisterschaften beobachtet - die eine war in Russland, die andere ist in Katar -, wird die nächste, die in Nordamerika stattfindet, schon eine andere Bedeutung haben.

Schweinsteiger: Für Götze könnte es nicht bei der WM in Katar reichen

Du hast das Stichwort schon gegeben - und ich oute mich hiermit als Fan von Eintracht Frankfurt: Soll eigentlich Bundestrainer Hansi Flick den teilweise wie entfesselt aufspielenden Mario Götze, der jetzt bei der Eintracht seinen zweiten beziehungsweise dritten Frühling erlebt, mit zur WM nehmen?

Erst einmal freut es mich, dass Mario wieder in der Bundesliga ist. Am Anfang lief es vielleicht noch nicht so toll, aber in den letzten Spielen hat er wieder richtig gut gespielt. Ich persönlich glaube nicht, dass es reichen wird unter den 26 Mann dabei zu sein, die nach Doha fliegen, wünsche es Mario aber. Unabhängig davon finde ich Eintracht Frankfurt hochinteressant. Ich bin immer noch in Kontakt mit ihrem Kapitän Sebastian Rode, mit dem ich bei Bayern zusammen gespielt habe. Ich schätze das sehr, wie sie dort Fußball leben! In einer gewissen Art und Weise würde es mich freuen, wenn bei einer Mannschaft, die sehr gut gespielt hat wie die Eintracht letzte Saison in der Europa League, aber auch bei Union Berlin oder dem SC Freiburg, der eine oder andere Spieler auch in der Nationalmannschaft wäre.

Wenn wir schon bei Einzelpersonen sind. Wir suchen einen Neuner. Jetzt bietet sich Niclas Füllkrug mit tollen Leistungen an. Würdest du ihn mitnehmen, wenn du Hansi wärst?

Kurz und knapp: ja! Er bringt einfach ein anders Element noch mit rein. Da ist seine Geradlinigkeit. Er kann sich mit seinem Körper gut einsetzen. Er ist abschlussstark. Er schießt Tore. Und er hat eine gewisse Frechheit. Ich habe das Gefühl, das er sich in Anführungsstrichen „wenig scheißt“. Und das finde ich ganz gut, wenn man so einen Typen mit auf der Bank hat. Man weiß seit 2006 mit David Odonkor, dass solch ein Spieler auch ein Spiel entscheiden kann.

Schweinsteiger hat klare Favoriten für den WM-Titel

We siehst du die Chancen der deutschen Mannschaft und wer sind deine Favoriten für den WM-Titel?

Also wenn es alle Spieler von ihnen schaffen, mit nach Doha zu kommen und fit bleiben, dann ist es Frankreich. Zusätzlich sehe ich Brasilien als Favorit - und die Niederlande. Ich habe die Niederlande in den letzten Monaten jetzt häufig gesehen, auch weil Louis van Gaal dort Trainer ist. Die schaffen es wirklich, 90 Minuten auf einem hohen Niveau zu spielen. Das bemängele ich an unserer Nationalmannschaft, wo es doch sehr schwankend ist. Wenn du denkst „Jetzt ist‘s gut!“, kommt wieder ein Riesenfehler und eine Schwächeperiode. Das ist bei den Niederländern nicht der Fall, obwohl sie auch gegen sehr gute Mannschaften gespielt haben. - Was erwarte ich von unserer Nationalmannschaft? Ich erwarte a), dass man die deutschen Tugenden, für die uns die anderen Nationen immer beneidet haben, auch wieder zeigt, und  b) dass wir gegen den Ball gut arbeiten. Mit dem Ball sind wir definitiv eine der besten Mannschaften. Wir haben unglaubliche Spielertypen in unseren Reihen wie Jamal Musiala zum Beispiel. Aber das gegen den Ball ist das Entscheidende: Wenn du nicht gut verteidigst, dann schaffst du es auch nicht den Titel zu holen.

Braucht die Mannschaft dafür auch Mats Hummels, um gut zu verteidigen?

Aus meiner Sicht haben wir mit Schlotterbeck und Rüdiger zwei Innenverteidiger, auf die ich setzen würde. Gerade Schlotterbeck habe ich bei Freiburg im Pokalfinale gegen Leipzig gesehen. Ich fand ihn gegen den Ball super. Er hat eine tolle Spieleröffnung, aber vor allem sein Gehirn funktioniert ausgezeichnet: Bevor er den Ball bekommt, ist er schon in der richtigen Position. Bevor der Gegner den langen Ball spielt, ist er schon am Gegenspieler dran. Er denkt unheimlich schnell. Und mit seinem linken Fuß kann er die Offensivspieler so einsetzen, dass sie mehr Zeit am Ball haben. Ich sag‘s mal so: Als ich in Amerika offensiv gespielt habe, hat unser Verteidiger 15 Sekunden gebraucht, bis er mir den Ball zugespielt hat. Und da stand mir der Verteidiger der anderen Mannschaft schon auf den Füßen.

Welche Schlagzeile würdest du eigentlich gern selbst über dich lesen als Fußball-Experte der ARD bei de WM?

Da muss ich kurz überlegen… Vielleicht: „Schweinsteiger bejubelt den Weltmeisterschaftstitel der deutschen Nationalmannschaft!“

Schweinsteiger würde sich über einen deutschen WM-Titel in Katar freuen

Also Deutschland im WM-Finale wäre auch als ARD-Experte für dich ein Wirklichkeit gewordener Traum?

Wenn Deutschland ein Tor schießt, bin ich der erste der jubelt! Ich bin als kleiner Junge mit der WM 1990 groß geworden und habe mich regelrecht verliebt in Weltmeisterschaften. Wenn die Nationalmannschaft ein Tor schießt, bist du einer von 82 Millionen. Ich würde mich total freuen, wenn wir Weltmeister werden, na klar!

Du hast jetzt eine neue Partnerin mit der du die Spiele analysierst. Statt Jessy Wellmer ist es nun Esther Sedlaczek. Auf was freust du dich da in der Zusammenarbeit?

Ich kenne Esther schon etwas länger. Als ich noch gespielt habe, hat sie bei Sky gearbeitet. Esther weiß genau, wann ist ihr Part und wann mein Part ist. Ich muss mir nur höhere Schuhe mitbringen, weil sie wie ich 1,83 Meter ist. Oder sie muss flache Absätze tragen! (lacht) Und mit Jessy arbeite ich ja noch bei den anderen Spielen zusammen. Jeder ist ein Tick anders und das ist auch gut so.

Du machst die Fußball-Berichterstattung mit Herzblut, dennoch ist dir von einigen Seiten „mangelnde Eloquenz“ vorgeworfen worden. Wie gehst du mit solch einer Kritik um? Prallt das an dir ab, weil du dir denkst: „Das, was ich sage, ist eigentlich sportlich korrekt?“

Nein, so würde ich niemals denken. Ich bin immer offen für Verbesserungen. Ich sehe das als Experte ähnlich wie beim Fußball spielen: Man kann sich immer verbessern. Mir macht es Spaß, nach wie vor nah am Geschehen zu sein. Ich freue mich auch in Doha im Stadion zu sein, weil das schon etwas anders ist, die Emotionen dort live mitzubekommen. Das war unfassbar beim EM-Spiel England - Deutschland im Wembley! Da waren wir direkt bei den Fans. Ich habe Freude daran, dem Zuschauer zu erklären, auf was es ankommt , auf ganz hohem Niveau zu agieren. Ich habe zum Beispiel als Spieler auch immer ganz genau zugehört, wenn ein Experte wie Günter Netzer referiert hat, der als Spieler selbst auf einem ganz hohen Niveau gewesen ist. Und das versuche ich, auch mitzugeben. Wenn die Zuschauer und die ARD glücklich sind, beruhigt mich das am meisten.

Bastian Schweinsteiger will er selbst bleiben

Machst du denn etwas zwischen den Turnieren, um dich als Fußball-Experte vorzubereiten? Als Spieler hat man noch trainiert. Nimmst du dir ein Coaching?

Man hört sich schon mal von jemand anderen an, wie er einen sieht beziehungsweise hört. Aber ich bin jetzt wirklich keiner der sagt, ich muss mich jetzt anders hinstellen. Ich kann nicht anders, als Bastian Schweinsteiger zu sein.

Du sollst auch authentisch bleiben.

Und grauhaarig! (lacht herzhaft) Wenn ich dir was vorspielen wurde, wär‘s ja doof. Dann könnte ich auch zu Hause im Bett bleiben. Von daher wird es immer so sein, dass ich immer Bastian Schweinsteiger vor der Kamera bin - so wie auch jetzt hier im Gespräch. (Interview: Marc Hairapetian)

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