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„Schnelle Rückkehr in den Sport halte ich für brandgefährlich“

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Von: Frank Hellmann

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Warnt eindringlich vor einer zu schnellen Rückkehr in den Sport: Mediziner Jochen Veit.
Warnt eindringlich vor einer zu schnellen Rückkehr in den Sport: Mediziner Jochen Veit. ©  Jonas Brockmann/Iserlohn Roosters

Dr. Jochen Veit, Mannschaftsarzt des DEL-Klubs Iserlohn Roosters, hat nach einem Massenausbruch mit dem Coronavirus geforscht und stellt die rasche Wiedereingliederung der Akteure nach einer Infektion bei Olympischen Spielen oder der Handball-EM infrage

Herr Veit, in der kommenden Ausgabe der Sportärztezeitung veröffentlichen Sie einen Artikel zu Covid-Infektionen im Profisport und warnen vor der zu schnellen Rückkehr in den Leistungssport. Sie haben als Teamarzt der Iserlohn Roosters einen Corona-Massenausbruch genauer unter die Lupe genommen. Wie war die Ausgangslage?

In einer Eishockey-Mannschaft mit 32 im Profisport aktiven Männern haben sich auf einer mehrstündigen Busfahrt innerhalb von elf Tagen 25 Personen mit SARS-CoV-2 infiziert. Zum Zeitpunkt der Infektion waren alle geimpft oder genesen. Für die Sportler gilt das vor anderthalb Jahren von der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) verabschiedete Return-to-Play-Protokoll, um sie einigermaßen sicher wieder an den Wettkampf heranzuführen. Häufig wird jetzt ja aber kolportiert, Omikron ist ja harmlos – und deshalb geht das mit der Rückkehr alles viel schneller. Ich wollte mir aber mal genauer anschauen, was wirklich während der Infektion passiert.

Dazu haben sie jeden Spieler während der Quarantäne untersucht. Wie lief das ab?

Ich habe mich mit einem Vollschutz ausgestattet, um jeden Spieler zwischen dem dritten und achten Tag in seiner Quarantäne zu besuchen. Ich habe mir die Krankengeschichte zum Verlauf angehört, Herz- und Lunge abgehört und Blutwerte ermittelt. Das war ein relativ großer Aufwand, aber ich habe für mich beachtliche Dinge herausgefunden.

Was?

Bei drei Spielern war ein Herzwert erhöht, bei drei weiteren Spielern ein anderer Herzwert. Teilweise stimmten die Blutwerte auch nicht mit dem Krankheitsverlauf überein. Zudem hatten weitere drei Spieler starke Symptome wie Schwindel, Fieber und den Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns angegeben. Von den Infizierten blieben lediglich drei komplett symptomfrei. Da sind bei mir die Alarmglocken angegangen.

Und dann?

Ich habe in den Folgetagen viele Telefonate mit Fachleuten geführt. Man wird ja stutzig bei den Daten. Ich bin kein Kardiologe, sondern Allgemeinmediziner und Sportmediziner. Aber wenn ein Wert wie Troponin (Eiweißbausteine, die in den Muskelzellen des Herzens vorkommen; Anm. d. Red.) erhöht ist, muss man auf Nummer sicher gehen.

Was war neu an Ihrer Untersuchung?

Wir wissen ja meist gar nicht, was während der Infektion abgelaufen ist. Deshalb habe ich danach noch die Untersuchung erweitert – und bei einem Spieler eine Erweiterung am Herz, einen Perikarderguss gesehen. Diese Entzündung ist glücklicherweise nach einigen Tagen wieder zurückgegangen…

…wenn aber diese Person gleich wieder gespielt hätte, wäre es gefährlich geworden, oder?

Das ist genau der Punkt, warum ich an die Öffentlichkeit gehe. Ich bin Robert Erbeldinger (Herausgeber der Sportärztezeitung; Anm. d. Red.) sehr dankbar, der viele Kontakte unter Medizinern herstellt. Ich möchte nicht verantwortlich sein, dass jemand später eine Herzrhythmusstörung hat oder auf dem Platz zusammenbricht. Omikron verläuft für einen „Schreibtischtäter“ – salopp gesagt – zwar höchstwahrscheinlich harmlos, für Sportler aber besteht ein Restrisiko, wenn er zu früh wieder loslegt. Ich sehe diese Gefahr für Amateure als fast noch größer an als für Profis, die in den meisten Vereinen engmaschig kontrolliert werden.

Warum plädieren Sie für einen kompletten Sportverzicht während der Quarantäne?

Ich habe meinen Sportlern – egal ob sie Symptome hatten oder nicht – einen kompletten Sportverzicht nahegelegt. Wenn sich der Körper mit dem Virus auseinandersetzen muss, sollte kein Sport betrieben werden. Das ist wie bei der Wiedereingliederung eines Arbeiters, der einen Bandscheibenvorfall erlitten hat und nach drei Wochen wieder arbeiten geht: Der arbeitet erst einmal vier Stunden am Tag, dann sechs Stunden – und wenn das nicht funktioniert, wird das Intervall wieder verkürzt.

Zur Person

Dr. Jochen Veit ist Facharzt für Allgemeinmedizin mit Zusatzbezeichnung Sportmedizin, Chirotherapie und Präventivmedizin mit eigener Praxis in Nordwalde. Der 49-Jährige arbeitet zudem als Teamarzt der Iserlohn Roosters aus der Deutschen Eishockey-Liga. Seine beim DEL-Klub vorgenommene Kohorten-Studie zu den Auffälligkeiten während und nach den Covid-Infektionen erscheint in der Februar-Ausgabe der Sportärzte-Zeitung.

Was sollte aus ihrer Sicht bei der Wiedereingliederung in den Sportbetrieb beachtet werden?

Es dauert im Schnitt zehn Tage, bis ein Sportler nach der Quarantäne wieder voll ins Training einsteigen kann. Das Return-to-Play-Protokoll hat ja verschiedene Stufen: Wenn ich im Blut und im Ruhe-EKG keine Auffälligkeiten feststelle, keine Symptome vorlagen, dann macht es wenig Sinn, nach der Quarantäne noch vier Wochen zu warten. Nach der Quarantäne sollte der Sportler erst mal nur spazieren gehen, dann über einen kleinen Zeitraum ein bisschen joggen. Wir haben in vielen Untersuchungen gesehen, dass die Sportler nach der Infektion nicht wieder die Leistungswerte erreicht haben, die sie vor der Saison hatten – damit meine ich die Werte aus einem Belastungs-EKG und eine Lungenfunktionstestung. Nur ein Beispiel: Wenn einer vor der Saison einen Ruhepuls von 50 hatte, nach der Covid-Erkrankung aber eine Herzfrequenz von 72 aufweist, sollte man diesen Sportler nicht wieder sofort voll aktivieren.

Auch jetzt bei den Olympischen Spielen wird der Eindruck erweckt: Sobald die Corona-Tests negativ sind, geht es weiter.

Das halte ich für brandgefährlich. Wir wissen von diesem Virus einfach noch zu wenig, deshalb können wir nicht pauschal sagen, Omikron ist harmlos. Es führt zum Glück bei geimpften Personen dazu, dass kaum noch jemand auf die Intensivstation muss, aber es kann weiterhin zu Veränderungen an den Endothelien, an den Blutgefäßen oder zu Multiorganerkrankungen kommen. Leider kann auch Omikron all diese Schäden anrichten, auch wenn sie weniger wahrscheinlich als bei Delta sind. Es ist letztlich immer noch ein Corona-Virus.

Bei der Handball-EM standen deutsche Spieler nach wenigen Tagen wieder auf der Platte.

Das Risiko wäre für mich viel zu groß. Ich würde die Athleten anders beraten. Es ist zwar Pech, wenn man infiziert war, aber ich würde den sicheren Weg bevorzugen – auch auf die Gefahr hin, ein wichtiges Turnier oder sogar Olympische Spiele zu verpassen.

Und der Amateursportler?

Denen würde ich langsame Aufbelastung in Schritten empfehlen. Im Zweifel lieber ein bis zwei Stufen zurück. Ich halte diese Botschaft für wichtig, wo gerade die Durchseuchung in Deutschland stattfindet. Und ich bin bestimmt nicht ein Warner wie Karl Lauterbach. Jeder Sportler sollte sich vorher lieber einmal untersuchen lassen – und wenn man bloß zum Arzt geht, um sich abhören und beraten zu lassen. Ich kann nicht jeden Hobbysportler aufs Belastung-EKG setzen, ein Ultraschall und im Zweifelsfall noch ein MRT vom Herzen machen.

Zurück zu ihren Profis: Sie kennen den Spielplan der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Da sind großzügige Ruhephasen nicht vorgesehen.

Das ist ein heikles Thema. Die Vereinen wollen mit der besten Mannschaft antreten. Und wie in jedem anderen Beruf gibt es auch Sportler, die sagen: ‚Doktor, mach mal keine Panik – lass mich mal!‘ Wenn Athleten aber trotzdem sofort wieder einen Wettkampf machen wollen, würde ich sie unterschreiben lassen, dass ich über die Risiken aufgeklärt habe. Ich hatte das große Glück, dass in Iserlohn das Verständnis für meine Maßnahmen sehr groß war.

Stehen nicht die Mannschaftsärzte unter riesigem Druck? Einerseits ahnen sie die Gefahr von coronabedingten Langzeitschäden, andererseits drängen Funktionäre, Trainer und die Spieler selbst auf die schnelle Rückkehr?

Auch das ist ein ganz heißes Eisen. Da muss ich auch die DEL kritisieren: Wenn die Nürnberg Ice Tigers wie Ende Januar geschehen in Augsburg mit nur elf Feldspielern plus zwei Torhütern antreten müssen, ist das aus medizinischer Sicht höchst fahrlässig. Als Arzt halte ich solche Regularien für schlichtweg falsch.

Müssen wir in 20 Jahren damit rechnen, dass viele Ex-Sportler über Langzeitschäden klagen?

Die ersten Studien aus Übersee weisen – zum Glück – nicht auf bleibende Herzschäden hin. Natürlich bleibt abzuwarten, wie viele Sportler, die nicht untersucht worden sind, später von solchen Problemen heimgesucht werden, zumal das Virus auch noch weiter mutiert. Ich rate einfach zur gewissen Vorsicht, ohne Panik zu verbreiten. Gerade die ‚Weekend Warriors‘, die Wochenendkämpfer des Sports, sollten sich vor falschem Ehrgeiz hüten.

Interview: Frank Hellmann

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