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Scheiß’ auf die Moral

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Von: Jörg Hanau

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Macht sich die Taschen voll mit schmutzigem Geld: Phil Mickelson.
Macht sich die Taschen voll mit schmutzigem Geld: Phil Mickelson. © AFP

Mit der Teilnahme an der absurd hochdotierten LIV-Tour des saudi-arabischen Investmentfonds PIF halten Golf-Millionäre sich den Spiegel vor.

Die gute Botschaft: nicht alle sind käuflich. Tiger Woods zum Beispiel, die lebende Legende und Stilikone des Golfs, oder der vierfache Major-Champion Rory McIlroy aus Nordirland, sie lehnten dankend ab. Selbst ein hoher dreistelliger Millionenbetrag reichte nicht aus, um Woods zum Auftakt der umstrittenen neuen Tour LIV Golf Invitational Series in London zum Abschlagen zu bewegen. Wirklich schwer dürfte es dem US-Superstar nicht gefallen sein, Woods’ Vermögen wird auf 2,1 Milliarden Dollar taxiert, und doch gehört er zu den wenigen, die dem Lockruf des Geldes widerstanden. Und damit kommen wir zur schlechten Nachricht: Viele seiner namhaften und kaum minder gut betuchten Kollegen nahmen die obszönen Offerten aus Saudi Arabien an. Das Problem: Die in Konkurrenz zur US-amerikanischen PGA-Tour und der DP World Tour (ehemals European-Tour) stehende und mit zwei Milliarden Dollar alimentierte LIV-Tour dient nicht etwa einem sportlichen Zweck. Dem Sponsor dieser Einladungstour, ein Investmentfonds (PIF), dessen Vorsitzender Saudi-Arabiens faktischer Herrscher, Kronprinz Mohammed bin Salman, ist, verfolgt ein ganz anderes Ziel. Es geht einzig und allein um Marketing in eigener Sache.

Der Wüstenstaat steckte über PIF in den vergangenen Jahren bereits sehr viel Geld in Sportveranstaltungen: Etwa 400 Millionen Dollar waren dem Fonds die 80-prozentige Mehrheit beim englischen Premier-League-Klub Newcastle United wert, 600 Millionen Dollar wurden investiert, damit die Formel 1 in Jeddah ihre Runden dreht. Und nun folgt die feindliche Übernahme des professionellen Golfs. Die Motivation liegt auf der Hand: Über prestigeträchtige Investments im Sport soll das ob zahlreicher Menschrechtsverletzungen ramponierte Image Saudi Arabiens aufpoliert werden – in der Fachwelt kurz Sportswashing genannt.

Prostitution des Golfsports

Hinter alle dem steht Mohammed bin Salman. Der Kronprinz gilt zwar als wichtiger Verbündeter des Westens im Kampf gegen den Terrorismus, auch verfügt er über die größten Ölreserven der Welt. Ein zugegeben nicht ganz unwichtiger Fakt in diesen Tagen, wie uns unser täglicher Blick auf das Preisschild an den Zapfsäulen verrät. Mohammed bin Salman gibt auch gerne den Reformer: mit der Aufhebung des Fahrverbots für Frauen zum Beispiel. Er wolle einen moderaten Islam fördern und die saudische Gesellschaft modernisieren. Heißt es. Alles gut, will man meinen. Wäre da nicht die dunkle Seite der Macht. Der Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi zum Beispiel; nicht erst seit dieser Tat im Jahr 2018 ist klar: Politische Konkurrenten oder Systemkritiker werden am Persischen Golf einfach beiseite geschafft. Das wissen alle – ist eben nur nicht gut fürs Image eines selbsternannten Saubermannes.

Den betuchten Golfprofis sind derlei Details eher lästig, das Streben nach noch mehr Profit wichtiger als die eigene Haltung, Moral oder gar Ethik. Der US-Amerikaner Phil Mickelson etwa, der ebenfalls bei der LIV-Tour anheuerte, machte daraus nicht mal einen Hehl. „Wir wissen, dass die Saudis Kaschoggi getötet haben, eine erschreckende Bilanz bei Menschenrechten haben und Leute umbringen, weil sie homosexuell sind.“ Na und? Scheiß’ auf die Moral. Auch er hält die Hand auf, weil „LIV Golf viel Gutes für den Sport tun wird“. Ist klar. Und seinem prallgefüllten Bankkonto.

Nicht nur die Fans - vor allem in den USA, wo Golf längst Volkssport ist - sind über die Gier ihrer vermeintlichen Vorbilder entsetzt. Auch in den eigenen Reihen gibt es tiefe Gräben. „Was sie dort machen, hat keine Bedeutung – außer dem Einsammeln von einem Haufen Kohle“, sagte beispielsweise McIlroy vor den US Open.

Welche Konsequenzen diese moderne Form der Sportprostitution langfristig auf die arrivierten Touren oder gar den prestigeträchtigen Ryder-Cup haben werden, lässt sich abschließend noch nicht sagen. Nur so viel ist sicher: Der Sport im Allgemeinen wird immer mehr zur Fassade - und Golf im Speziellen zur Farce. Das Beispiel Saudi-Arabien ist dabei nur eines von vielen.

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