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Schach ist ihr Leben: Die einstige Topspielerin Dijana Dengler.
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Schach ist ihr Leben: Die einstige Topspielerin Dijana Dengler.

Schach boomt in Corona-Zeiten

„Schach ist wie das Leben“

Die einstige Topspielerin Dijana Dengler über den Boom des Denksports und gängige Klischees.

Frau Dengler, ist Schach in Ihren Augen ein Gewinner der Corona-Krise?

Auf jeden Fall. Klar leiden die Vereine, weil aktuell immer noch kein Präsenzbetrieb möglich ist. Aber der Sport an sich hat ungemein an Beliebtheit gewonnen im letzten Jahr. Ich habe noch nie zuvor so viele Anfragen bekommen von Leuten, die Schach lernen wollen. Viele haben erst jetzt erfahren, was es online für Möglichkeiten gibt. Es gibt Schach-Apps, mit denen man parallel chatten kann, Großeltern können mit ihren Enkeln spielen und sich währenddessen über die Kamera sehen. Die Vielfalt ist unglaublich.

Ihren Teil zum Boom beigetragen haben dürfte auch die vielfach prämierte Netflix-Serie „Das Damengambit“, in der die Geschichte eines hochbegabten Mädchens erzählt wird. Wie ist die Serie in Schachkreisen angekommen?

Ich fand sie ganz hervorragend und wage zu behaupten, dass die große Mehrheit der Schachprofis das genauso sieht. Die Faszination des Spiels kam sehr gut rüber, die Visualisierung von Beths Zügen an der Decke des Schlafsaals – das war wirklich toll animiert. Ich kenne auch viele Frauen, die begeistert waren vom Ambiente, von der Mode der 60er Jahre. Das verbreitete Bild vom Schach ist ja noch immer das von zwei Männern, die sich schweigend gegenübersitzen, vielleicht mit einer Zigarre und einem Glas Rotwein. Ziemlich staubig alles. „Queen’s Gambit“ hat gezeigt, dass Schach schick sein kann. Auch hier in Singapur war die Serie auf Platz eins der Netflix-Charts. Soweit ich gelesen habe, in über 60 Ländern! Das hat dem Schach ganz sicher einen Schub gegeben.

Was kann man durch Schach fürs Leben lernen?

Sehr viel. Was mich fasziniert, ist der Perspektivwechsel. Es nicht nur wichtig, was ich denke, sondern genauso wichtig, was der andere denkt. Wir neigen ja leider oft dazu, nur uns selbst zu folgen. Schach lehrt uns, Situationen durch die Augen des anderen zu sehen, auch im Leben. Dazu lernt man, ein Ziel in Teilziele zu zerlegen und dann konsequent zu verfolgen, Ideen zu entwickeln und sie planvoll umzusetzen. Erst zu sehen und zu denken, dann erst zu handeln. Ganz wichtig ist auch das Rückwärtsdenken. Man sieht eine Matt-Stellung und fragt sich: Was muss davor passiert sein? Das lässt sich ins Leben als Reflexion übersetzen. Ein Schachspieler kann es gar nicht erwarten, seine Partien hinterher zu analysieren. So appellieren wir auch an die Kinder, wenn sie ihre Schulaufgaben zurückbekommen. Schaut genau hin, was warum nicht gepasst hat. Wie im Schach: Entweder du gewinnst, oder du lernst.

Sie haben die Kinder angesprochen. In Singapur an der Overseas Family School, wo Sie arbeiten, ist Schach ein Schulfach. Wie muss man sich den Unterricht vorstellen?

Wir beginnen immer mit einer kurzen Meditation, einfachen Atemübungen. Danach ist das Programm je nach Jahrgangsstufe unterschiedlich. Bis zur 5. Klasse gibt es eine Stunde pro Woche, da geht es eher um die Grundlagen des Schachs. Wir machen spielerische Konzentrationsübungen. Ich habe Erstklässler so trainiert, dass sie nach kurzer Zeit in der Lage waren, das ganze Brett zu visualisieren und Züge vor dem inneren Auge auszuführen.

Wie sind Sie als Kind zum Schach gekommen?

Über meine Mutter, zu Hause in Bosnien. Sie hat es meinem Bruder Robert beigebracht, der sechs Jahre älter ist als ich. Wir haben von Anfang an mit Uhr gespielt, Schach war unser Familienspiel: Mama und ich gegen Robert und Papa – das hat mehr Spaß gemacht als Monopoly (lacht).

Zur person

Dijana Dengler , 54, spielte einst selbst in der europäischen Spitze, gründete später die Münchner Schachakademie und arbeitet inzwischen als Schachlehrerin in einer internationalen Schule in Singapur. Mit ihr erörtern wir die Fragen, was den Schachsport so faszinierend macht, weshalb er noch immer eine Männerdomäne ist und was einem Schach fürs Leben lehren kann.

Schach , das anderthalb Jahrtausende alten „Spiel der Könige“, erlebt im Lockdown sogar einen Boom – zumindest in der Online-Variante. Alleine in Deutschland frönen knapp 100 000 Vereinsspieler dem Sport, dazu abertausende an nicht organisierten Begeisterten. „Online-Schach wird definitiv um ein Vielfaches mehr gespielt als noch vor einem Jahr“, sagt Ullrich Krause, Präsident des Deutschen Schachbundes. FR

Schach ist noch immer eine Männerdomäne. Warum gibt es im Vergleich so wenige Spitzenspielerinnen?

Als ich mit Schach angefangen habe, war ich das einzige Mädchen bei uns im Umkreis. Bei meinem ersten Turnier habe ich alle Partie verloren und musste mir hinterher anhören, dass Mädchen das nicht könnten, weil sie ja ein kleineres Gehirn hätten. Das hat mich so geärgert, dass ich ein Jahr geübt habe wie verrückt. Beim nächsten Turnier habe ich alle geschlagen. Da war Ruhe. Jahrzehnte später bei einem Schnellschach-Turnier in Nürnberg hat mich der Turnierdirektor bei der Begrüßung lächelnd darüber informiert, dass mir der Damenpreis schon sicher sei, weil ich die einzige Teilnehmerin wäre. Ich habe das Turnier gewonnen und den Männerpreis, das Geld, abgeräumt. Der Direktor war knallrot im Gesicht bei der Siegerehrung, das werde ich nie vergessen.

Und heutzutage?

Die eigentliche Frage ist: Warum gibt es so wenig Weltklasse-Spielerinnen? Es ist eine Frage der Quantität. Wenn viel mehr Männer professionell spielen, dann kommen auch mehr in der absoluten Weltspitze an. Richtig attraktiv wird es, wenn man die ersten Turniere gewinnt. Dann muss man dranbleiben, beißen. Dass es für eine Frau möglich ist, mit entsprechender Förderung ganz nach oben zu kommen, hat das Beispiel Judit Polgar bewiesen. Sie hat in ihrer Karriere alle Weltmeister geschlagen. Aber auch bei ihr kam der Punkt, wo sie Kinder bekommen hat. Das ändert bei Frauen die Denkweise, der Fokus verschiebt sich. Polgar war auch später noch sehr gut, aber es wurde schwieriger, den Anschluss zu halten. Schach auf Weltklasse-Niveau erfordert mehr als sechs Stunden tägliches Training. Männer werden teilweise besser, wenn sie eine Familie haben, weil sie dann ein geregeltes Leben haben und sich noch mehr auf Schach konzentrieren können.

Was sagen Sie Leuten, die behaupten, Schach sei kein echter Sport?

Dass sie sich irren. Schach erfüllt sämtliche Kriterien des Sports. Es ist ein Kampf zwischen zwei Personen oder Teams unter Ausschaltung des Zufalls. Man hat dieselbe Nervosität, denselben Druck. Es gibt meines Wissens keine andere Sportart, in der sich Frauen so gut mit Männern messen können und unterschiedliche Altersgruppen auf Augenhöhe gegeneinander antreten können. Und zum körperlichen Argument: Ich habe bei meinen Turnieren zwischen vier und fünf Kilo abgenommen. Im Sitzen. Der Energieverbrauch ist enorm. Ab einem gewissen Niveau geht heutzutage gar nichts mehr ohne körperliche Fitness. Vor 50, 60 Jahren ging das vielleicht noch anders, mit Alkohol am Vorabend und so. Heute: keine Chance. Mentale Ausdauer erfordert physische Ausdauer.

Hat Schach für Sie an Reiz verloren, als Kasparow als Weltmeister 1997 einen Wettkampf über sechs Partien gegen den IBM-Supercomputer Deep Blue verlor?

Eigentlich nicht. Durch den Computer haben wir die Möglichkeit bekommen, uns besser und effektiver vorzubereiten. Ich habe den Computer immer als Freund empfunden.

Manche Philosophen haben Kasparows Niederlage als Zeitenwende gedeutet.

Deep Blue hat in erster Linie gerechnet. Da war kein kreativer Funke. Mit AlphaZero ist es jetzt was anderes. Diese Software funktioniert autodidaktisch, sie bringt sich das Spiel selbst bei und entwickelt quasi eine Art Intuition. Wenn ein Computer wie ein Mensch denkt, nicht mehr bei jedem Zug alles durchrechnet, sondern nach negativer Selektion vorgeht, dann kann ich die Skeptiker und Philosophen verstehen. Trotzdem wird für mich der Reiz immer bleiben. Alleine dadurch, dass keine Partie der anderen gleicht. Schach ist so komplex wie das Leben.

Interview: Ludwig Krammer

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