Frauen-Bundesliga-A_211157_1_4
+
Gejagt: Der VfL Wolfsburg als Dauermeister der Frauen-Bundesliga.

Start der Frauen-Bundesliga

Säbelrasseln von der Säbener Straße

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
    schließen

Der Doublegewinner und Champions-League-Finalist VfL Wolfsburg reagiert vor dem Start der Frauen-Bundesliga recht gelassen auf die forschen Tönen des Herausforderers FC Bayern.

Es ist keine einfache Zeit für Ralf Kellermann, den ebenso umtriebigen wie ehrgeizigen Sportdirektor des VfL Wolfsburg. Dass bei der digitalen Pressekonferenz zum Start der neuen Saison in der Frauen-Bundesliga auch noch die Technik an seinem Arbeitsplatz streikte, passte irgendwie ins Bild: Die „Wölfinnen“ werden mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen haben, wenn sie ihre Vormachtstellung fortsetzen wollen. Es geht schon damit los, dass das Team des nächsten Sommer ausscheidenden Trainers Stephan Lerch nur fünf Tage nach dem Champions-League-Finale gegen Olympique Lyon (1:3) das Eröffnungsspiel gegen die SGS Essen am heutigen Freitag (19.15 Uhr/Eurosport) bestreitet.

Vier Mal in Folge ging das Double an den Mittellandkanal, obwohl die VfL-Frauen mitnichten der Konkurrenz sportlich und wirtschaftlich so weit enteilt sind wie der FC Bayern bei den Männern. Im Gegenteil. „Der FC Bayern war eigentlich immer auf Augenhöhe“, sagt Kellermann – und vertritt damit keine kühne These. Insofern nur logisch, dass in München forsche Töne aus der Frauen-Abteilung erklingen. „Natürlich wollen wir Wolfsburg überholen – das ist unsere Vision. Wir wollen Meister werden“, sagt Trainer Jens Scheuer. Mittelfeldspielerin Lina Magull „will nicht wieder Zweiter werden“, und Torhüterin Laura Benkarth verriet, dass der Titel „ständig Thema in der Kabine“ sei. Für das Münchner Selbstverständnis sind drei Meisterschaften der Frauen (1976, 2015, 2016) viel zu wenig. Weshalb auch Präsident Herbert Hainer einen Großangriff auf nationaler und internationaler Ebene ankündigt. In der gesamten AG herrsche Konsens, „dass wir unsere Anstrengungen für die Frauen verstärken“. Kellermann hat das Säbelrasseln von der Säbener Straße vernommen. Wenn sich jetzt „die hohen Herren“ mit öffentlichen Statements positionieren, „kann das der Liga nur gut tun.“

Noch nicht endgültig geklärt ist, wie viele Zuschauer zum ersten Spieltag kommen dürfen: Alles hängt von den behördlichen Verfügungslagen ab, die regional unterschiedlich sind. Wolfsburg fängt heute vor 500 Zuschauern an, wobei Kellermann festhalten möchte, dass der Aufwand für die Umsetzung des Hygienekonzepts mehr kostet als der Ticketverkauf einbringt. „Wenn wir positive Erfahrungen machen und die Pandemie-Entwicklung es zulässt, kann es stückweise Ausweitungen geben“, kündigt der für den Spielbetrieb zuständige DFB-Abteilungsleiter Manuel Hartmann an.

Deutsche Meister seit 2000

2000: FCR Duisburg 2001: 1. FFC Frankfurt 2002: 1. FFC Frankfurt 2003: 1. FFC Frankfurt 2004: Turbine Potsdam 2005: 1. FFC Frankfurt 2006: Turbine Potsdam 2007: 1. FFC Frankfurt 2008: 1. FFC Frankfurt 2009: 1. FFC Frankfurt 2009. Turbine Potsdam 2010: Turbine Potsdam 2011: Turbine Potsdam 2012: Turbine Potsdam 2013: VfL Wolfsburg 2014: VfL Wolfsburg 2015: FC Bayern 2016: FC Bayern 2017: VfL Wolfsburg 2018: VfL Wolfsburg 2019: VfL Wolfsburg 2020: VfL Wolfsburg

Als positiv wertet der Verband, dass dank gleich dreier TV-Partner (Eurosport, ARD und MagentaSport) sich sowohl die Sendedauer als auch die Reichweite von den Übertragungen vergangene Saison verdreifacht habe. Zudem war Deutschland die einzige Frauen-Liga in Europa, die in der Pandemie die Fortführung des Spielbetriebs organisiert hat. Aber ob das reicht, den schleichenden Bedeutungsverlust aufzuhalten? Von der stärksten Frauen-Liga der Welt redet kaum einer mehr. Kellermann ist fast erschrocken, wie die englischen Topklubs aufgerüstet haben. Der Weggang seiner Weltklassestürmerin Pernille Harder für die kolportierte Rekordablöse von 350.000 Euro zu den Chelsea Ladies, sei ein klarer Indikator, „wo die Reise hingeht.“ Denn: „Wir hatten keine Chance, sie zu halten.“ Die Topspielerinnen zieht es in der Mehrzahl weg.

Spannung verspricht immerhin der Kampf um Platz drei, da durch die Einführung einer Gruppenphase in der Women’s Champions League ab 2021/2022 künftig drei statt zwei Bundesligisten qualifizieren können. Die TSG Hoffenheim mit einem klugen Konzept gilt ebenso ein Anwärter wie Turbine Potsdam, der als einer der letzten reinen Frauenfußballvereine neuerdings mit Hertha BSC kooperiert. Rekordmeister 1. FFC Frankfurt hat sich unter das Dach von Eintracht Frankfurt begeben und ist inzwischen nach 22 Jahren aus dem Vereinsregister ausgelöscht. Der frühere FFC-Manager Siegfried Dietrich spricht von einem ebenso „notwendigen wie zukunftsweisenden Schritt“, weil immer mehr große Marken Männer wie Frauen professionell fördern. Der Eintracht-Sportdirektor, zugleich Vorsitzender des Ausschusses Frauen-Bundesligen, will den Frauenfußball bei der Eintracht „unternehmerisch aufbauen“. Ziel müsse sein, „in drei, vier oder fünf Jahren auch Geld zu verdienen.“ Sportlich wird die junge, entwicklungsfähige Mannschaft nicht unter Druck gesetzt – Platz drei ist in der Mainmetropole (noch) kein Muss.

Die wirtschaftliche Kluft wird innerhalb einer Liga, die Dietrich mittel- und langfristig auf 14, 16 oder sogar 18 Vereine erweitern möchte, immer größer. Ausbildungsvereine wie der SC Freiburg oder die SGS Essen haben keine Chance, ihre besten Spielerinnen zu halten. „Bei uns können sie den ersten oder zweiten Schritt machen“, sagt Essens Trainer Markus Högner. Immerhin habe man Zugriff auf die talentierten Spielerinnen im ganzen Westen. Vorteil für den Stadtteilverein aus Essen-Schönebeck: Die großen Marken Borussia Dortmund und FC Schalke 04 behandeln das Thema Frauenfußball bislang eher stiefmütterlich, das „gallische Dorf“ hat im Ballungszentrum Ruhrgebiet (noch) ein Alleinstellungsmerkmal.

Gleichwohl sei es jetzt eine „Riesenherausforderung“, erklärt Högner, mit dem Weggang von Lea Schüller, Marina Hegering (beide FC Bayern), Lena Oberdorf (VfL Wolfsburg) und Turid Knaak (Atletico Madrid) gleich vier Nationalspielerinnen zu ersetzen. Ähnlichen Aderlass hat auch wieder Freiburg zu beklagen, das Nationaltorhüterin Merle Frohms (Eintracht Frankfurt) und Toptalent Klara Bühl (FC Bayern) verlor.

Längst ist die Frauen-Bundesliga eine Drei-Klassen-Gesellschaft, in der die Aufsteiger Werder Bremen und SV Meppen zusammen mit dem MSV Duisburg in die unterste Kategorie gehören. Meppen stieg als Vierter der 2. Bundesliga auf, die in der kommenden Saison wieder zweigeteilt spielt. „Wir sind mit Sicherheit der Abstiegskandidat Nummer eins“, sagt die Sportliche Leiterin Maria Reisinger. Wenn alles dumm läuft, droht nach 22 Spieltagen der letzte Platz ohne einen einzigen Sieg. So wie es USV Jena oder Borussia Mönchengladbach jeweils zuletzt passiert ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare