Hält das Risiko mit Fans vor Fans zu spielen für zu gewagt: Der fünffache Snooker-Weltmeister Ronnie O’ Sullivan.
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Hält das Risiko mit Fans vor Fans zu spielen für zu gewagt: Der fünffache Snooker-Weltmeister Ronnie O’ Sullivan.

Snooker-WM

„Man behandelt uns wie Laborratten“

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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Die Snooker-WM gilt als Pilotprojekt für Indoorereignisse mit Fans - das ärgert viele Spieler, auch den fünffachen Snooker-Weltmeister Ronnie O‘Sullivan.

Ronnie O‘Sullivan hat noch nie ein Blatt vor den Mund genommen. Der fünffache Snooker-Weltmeister ist nicht nur einer der talentiertesten Spieler, die je das Queue in die Hand genommen haben, sondern hat sich schon mehrfach mit Gegnern und Promotern angelegt. Vor der heute beginnenden Weltmeisterschaft (31. Juli bis 16. August/live auf Eurosport) hat der 44-Jährige die Veranstalter scharf für das Zulassen von Zuschauern kritisiert. „Man behandelt das Event und uns wie Laborratten“, sagte der Engländer.

Die Snooker-WM, die ursprünglich von April bis Mai ausgetragen werden sollte, wird das erste Indoor-Sportereignis, das im vom Coronavirus besonders stark betroffenen Großbritannien Fans erlaubt. Sie gilt als Pilotprojekt für größere Sportereignisse wie die Formel 1 oder den Fußballbetrieb in der Premier League. Die Macher sprechen von einem „fantastischen Triumph“. „Irgendwo muss man ja anfangen“, sagte O’Sullivan verächtlich, „dann fängt man eben mit den Snooker-Spielern an.“

Zwischen 250 und 300 Zuschauer dürfen sich bei jeder Session der Billard-Variante in das Crucible Theatre in Sheffield setzen. Zwar muss ein Mund-Nasen-Schutz auf dem Weg zum Platz getragen werden, aber dort angekommen kann dieser wieder abgenommen werden. „Das ist verrückt“, kommentiert O’Sullivan. „Das Risiko lohnt sich nicht.“ Er würde ja verstehen wenn es bei 5000 Zuschauern, um ein paar Einnahmen geht, die man verliert, „aber 200 Fans, wirklich?“

„Ich finde das lächerlich“

Vor O’Sullivan hatte sich Andy Hamilton mächtig über die Veranstalter brüskiert. „Wenn nur ein Mensch im Crucible krank wird und dann stirbt – dann ist es ein Mensch, der ohne jeglichen Grund gestorben ist, nur für die Unterhaltung“, schimpfte Hamilton. Als Asthmatiker gehöre er selbst zur Risikogruppe, sagte der 49-Jährige. „Ich finde das lächerlich.“

Rückendeckung bekam er von O’Sullivan. „Einen Anthony Hamilton kostet die Versicherung weniger als einen Lewis Hamilton“, sagte er sarkastisch in Anspielung auf den Formel-1-Weltmeister, der mehrfacher Multimillionär ist. Andy Hamilton hingegen ist 48. der Weltrangliste und hat sich zum ersten Mal seit zwölf Jahren wieder für die WM qualifiziert und ist auf die Einnahmen angewiesen. Der Snooker-Weltmeister gewinnt umgerechnet 550 000 Euro.

Auf der Tour gibt es Spieler, die Kredite aufnehmen müssen, um ihr Leben bestreiten zu können – in der Hoffnung irgendwann auf einem Turnier groß abzusahnen. Der Lockdown hat die Spieler hinter den Topprofis hart getroffen. Nur zehn der 128 Tour-Spieler verfügten laut BBC über einen eigenen Snookertisch und konnten so nicht trainieren. Die meisten übten in Trainingszentren oder Akademien, die waren aber wochenlang zu. Es könnte also zu vielen Überraschungen bei dem Turnier kommen, das mit dem Match zwischen Titelverteidiger Judd Trump gegen seinen englischen Landsmann Tom Ford beginnt.

Ein deutscher Spieler ist nicht dabei, dafür wird erstmals ein deutscher Schiedsrichter das WM-Finale leiten. Marcel Eckardt aus Gera wird mit 30 Jahren gleichzeitig der jüngste Unparteiische sein, der in einem Endspiel des seit 1924 ausgetragenen Turniers zum Einsatz kommt.

Ronnie O’Sullivan trifft in der ersten Runde am Sonntag auf den Thailänder Thepchaiya Un-Nooh. Trotz seiner Bedenken habe er einen Plan und hoffe, dass alle gesund bleiben. „Und wenn ich mich nicht wohl fühle, werde ich mich dann ab einem gewissen Punkt entscheiden.“ (mit dpa)

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