Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Da ist das Ding: Marius Wolf am 19. Mai 2018 mit dem Pott.
+
Da ist das Ding: Marius Wolf am 19. Mai 2018 mit dem Pott.

Fußball

Ronald Reng erzählt in „Der große Traum“ die Geschichte von Ex-Eintrachtspieler Marius Wolf beim Pokalfinale gegen Bayern

In seinem neuen Buch erzählt Sportreporter Ronald Reng von drei Jungs, die unbedingt Fußballkarriere machen wollen. Einer von ihnen ist Marius Wolf, einst bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag. Die Geschichte (s)eines sagenhaften Pokalsiegs gegen Bayer München – ein Auszug

Zur Vorbereitung auf das DFB-Pokalfinale schaute sich Marius im Fernsehen die königliche Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle an. Er dachte, es würde ihn ein wenig ablenken. Die ewig gleichen Bilder von der langsamen Kutschenfahrt des Brautpaars hatten etwas Beruhigendes, fast Meditatives. Aber, alleine im Einzelzimmer des Berliner Sheratons, sechs Stunden vor dem Endspiel gegen Bayern München, ließen die Gedanken Marius einfach keine Ruhe. „Ich konnte mich nicht einmal auf einen Gedanken konzentrieren. Die Gedanken gingen ständig ineinander über, und immer waren es nur fragende Gedanken. Wie werden wir ins Spiel reinkommen? Werden meine Beine noch schwer sein?“

Marius setzte die Kopfhörer auf. Er hörte Musik und schaute gleichzeitig die königliche Hochzeit im Fernsehen. Aber die verdammten Gedanken waren lauter als die Doppelberieselung.

Was, wenn er sich von seinem körperlichen Einbruch nicht erholt hatte?

Neun Tage vor dem Finale hatte sein Kollege Alex Meier versucht, Marius anzurufen. Als Alex schon auflegen wollte, ging Marius doch noch ran. „Habe ich dich aufgeweckt?“, fragte Alex überrascht. Mit einem Hallo, das mehr einem Knurren als einem Wort glich, hatte sich Marius gemeldet. Es war mitten am Nachmittag. Marius war vor Erschöpfung auf dem Sofa eingeschlafen. Die Saison hat ihn vor dem Höhepunkt ausgezehrt.

Am Berliner Breitscheidplatz, vier Autominuten vom Sheraton-Hotel entfernt, ist nachmittags am 19. Mai 2018 die königliche Hochzeit eher kein Thema. Ein paar tausend Eintracht-Fans singen ihre Lieder. Am Rande des Platzes, abseits des Gedränges, mit Blick auf die Gedächtnis-Kirche, trägt ein Mann das Eintracht-Pokaltrikot mit dem Namenszug Wolf über der Rückennummer 27.

„Warum hast du den Wolf hinten drauf?“, fragt ein fremder Eintracht-Fan den Mann. „Ach, wir kommen aus derselben Gegend wie Marius Wolf, aus Franken“, antwortet der Mann. Es ist Marius’ Vater, Martin Wolf. Seine Frau Heike sitzt ihm gegenüber auf einer der Bierbänke des Fan-Fests. Hier, unter den vielen normalen Fans, gefällt es den Eltern.

„Marius geht jetzt zu den Bienen“, sagt der Vater. Bienen, was für Bienen? „Na, die Gelb-Schwarzen.“ Das ist eine Neuigkeit. Marius hat sich bei der Wahl seines zukünftigen Vereins unter etlichen Bewerbern für Borussia Dortmund entschieden, Vereinsfarben Gelb und Schwarz.

Der Anpfiff ist schon nahe, als Marius im Berliner Olympiastadion noch etwas tun muss. Ronaldo anschauen. Seit er mit 16 damit begann, sieht er sich vor jedem Spiel, kurz vor Anstoß, zur ultimativen Motivation auf dem Handy ein Video von Cristiano Ronaldos Toren und Tricks an. Danach fühlt er sich bereit für die Bayern.

Am Vortag waren sie den Münchenern kurz begegnet. Die Eintracht war zum Abschlusstraining auf den Rasen des Olympiastadions getreten, die Bayern verließen ihn gerade. Thiago, der Mittelfelddompteur der Bayern, grüßte den Prince auf Spanisch. Der Prince hatte vor seinem Engagement bei der Eintracht ein Jahr für Las Palmas gespielt und sprach schon gleich fließend Spanisch, Wahnsinn.

„Der große Traum“ von Ronald Reng: Wie hat Marius Wolf das Pokalspiel Eintracht Frankfurt gegen Bayern München erlebt?

„Wisst ihr, was Thiago gerade zu mir gesagt hat?“, sagte der Prince zu den Jungs, als die Bayern außer Hörweite waren. „Er meinte, der Rasen sei richtig geil, da würden wir morgen keinen Ball sehen.“ Der Prince wandte sich an Marius: „Die hauen wir morgen weg.“

Die Mannschaften laufen aus dem Marathontor ins Stadion ein. Das heißt, sie laufen frontal auf die Frankfurter Kurve zu. Es scheinen noch mehr Eintracht-Fans im Stadion zu sein als beim Endspiel vor einem Jahr, sind es vierzigtausend, fünfundvierzigtausend? Die Helligkeit des Frühlings lässt die Farben um 20 Uhr noch leuchten, die Luft ist zimmerwarm, als könnte man Wetter für Festtage bestellen. Das Gefühl ist da. Die hauen wir weg.

Bloß es sind die Bayern. Ihre Pässe, Dribblings und Seitenwechsel bringen die Eintracht sofort an ihre Grenzen. Bayerns James Rodríguez schießt einen Freistoß an die Latte. Marius schaut hoch zur Anzeigetafel. O Gott! Erst zehn Minuten gespielt? Das kann nicht sein! Seine Beine sind schon bleiern. Er hat sich von der Übermüdung des Saisonendes nicht erholt, wird ihm klar. „Ich fühlte mich mausetot.“ Und das Spiel hat gerade erst begonnen.

Von Profifußballern werden unablässig Spitzenleistungen erwartet. Dabei bestreiten sie einen guten Teil ihrer Spiele gehandicapt, eingeschränkt durch Verletzungen, von denen niemand weiß, oder ausgelaugt durch Überlastung, was niemand wissen darf. In Bestform ins Pokalfinale gehen, das war ein schöner Traum.

Ronald Reng erzählt die Geschichte von drei Fußballern - einer von ihnen ist Ex-Eintrachtspieler Marius Wolf

Rebic fährt den Bayern im Mittelfeld aggressiv dazwischen. Er hatte auch vom Prince gehört, was Thiago gestern nach dem Abschlusstraining über sie gesagt hatte. Rebic hatte sich gedacht: Den bringe ich morgen um. In einem Buch würde Ante Rebic das vielleicht freundlicher formulieren. Aber, na ja, so reden Fußballer halt untereinander.

Rebic bricht zwischen Bayerns Innenverteidigern durch, als wäre das ein Comic, als könnte er Hummels und Süle einfach mit seiner Energie zur Seite schieben. Rebic schießt; offenbar im Gefühl: Die bringe ich um. Eintracht Frankfurt führt nach elf Minuten 1:0 gegen den FC Bayern.

Der Autor

Ronald Reng lebte viele Jahre als Sportreporter, unter anderem für die FR, und Schriftsteller in Barcelona. Seine Biografie über Torwart Robert Enke stand zehn Wochen unter den Top 5 der „Spiegel“-Bestsellerliste, sein Buch „Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga“ erhielt den „NDR Kultur Sachbuchpreis“ und wurde 2013 als „Fußballbuch des Jahres“ ausgezeichnet.

Die Bayern werden immer überlegener. Marius rennt unaufhörlich vor und zurück, er besetzt all seine Positionen vorbildlich. Vor lauter Laufen hat er keine Kraft mehr für einen klaren Pass. Nach einer Stunde wechselt ihn Niko Kovac aus. Marius muss niemand sagen, wie er gespielt hat, er beurteilt seine eigenen Leistungen schonungslos. Das war heute nichts gewesen.

Die Bayern gleichen aus. Die Eintracht geht abermals in Führung. Es ist ein echtes Finale, ein Spiel um alles. Die Eintracht hält dagegen, als ob sie es im Namen aller Außenseiter der Welt tue.

An eine Sache hat Marius im Olympiastadion noch gar nicht gedacht. Es ist sein letztes Spiel für die Eintracht.

Am Dienstag, fünf Tage vor dem Finale, hatte der Eintracht-Reporter der Frankfurter Rundschau, Ingo Durstewitz, exklusiv herausgefunden, dass Marius den Verein für eine festgeschriebene Ablöse von fünf Millionen Euro verlassen konnte. „Peanuts“, schrieb Durstewitz. Nachdem der Zeitungsbericht erschienen war, redete Niko Kovac mit Marius. Selbst der Trainer hatte nichts von der Ausstiegsklausel gewusst. So günstig war Marius zu haben, das fand er ja interessant. Denn er wechselte doch zur kommenden Saison zu Bayern München.

Marius Wolf am Abend des Pokalsiegs gegen Bayern München: Auszug aus dem neuen Buch von Ronald Reng

Niko Kovacs Vorstoß war offensichtlich spontan, und natürlich müssten der Vorstand und der Sportdirektor des FC Bayern auch mitreden, wenn der Klub einen Spieler verpflichtete. Aber als Anekdote fürs Leben reichte es doch, dass Kovac Marius fragte, ob er nicht nach München mitkommen wolle. Da kann Marius später, mit 50 oder so, einmal erzählen: Ich habe dem FC Bayern abgesagt. Er hatte sich schon für Dortmund entschieden. Da kam der Niko ein bisschen zu spät, dachte sich Frankfurts Sportdirektor Bruno Hübner.

Da sind die Helden: Wolf (im Auto vorne links, rechts dahinter sein Mannschaftskollege Kevin-Prince Boateng) tags darauf beim Empfang am Frankfurter Römer.

Ulreich, der Torwart der Bayern, rückt in den Frankfurter Strafraum vor. Das ist das Signal: Es gibt nur noch diese eine Chance zum Ausgleich. Noch einmal ist es bis auf ein Grundgemurmel ruhig im Stadion. Die Zuschauer holen Luft. Der Eckball fliegt hoch herein, Russ köpft den Ball weg. Es ist geschafft! Oder doch nicht. Alaba passt den streunenden Ball zurück in den Strafraum. Der Prince holt wuchtig aus, er will den Ball so weit wegschlagen, wie er nur kann, und dann ist das Spiel wohl aus. Der Prince trifft nicht den Ball, sondern den Fuß von Bayerns Javi Martínez.

Der Prince wirft die Hände verzweifelt zum Himmel. Elfmeter gegen sie in der letzten Sekunde des Pokalfinales, bei 2:1-Führung gegen die Bayern, das darf nicht wahr sein!

Bloß der Schiedsrichter hat nichts gesehen. Der Videoreferee, diese ganz neue Institution, meldet dem Schiedsrichter über Funk, er möge sich die Szene noch einmal auf dem Bildschirm am Spielfeldrand anschauen. In der Zeitlupe ist das Foul eindeutig. Der Prince hat Martínez den Fuß regelrecht weggetreten. Der Schiedsrichter kehrt vom Monitor zurück und zeigt mit dem ausgestreckten Zeigefinger an: Eckball. Wie, Eckball?

Ronald Rengs neues Buch „Der große Traum“ folgt der Geschichte von Ex-Eintrachtspieler Marius Wolf

Manchmal sehen Menschen in extremen Stresssituationen nicht, was direkt vor ihren Augen passiert. Vielleicht erklärt das, warum der Schiedsrichter das elfmeterreife Foul selbst in Zeitlupe nicht erkannte? Eine andere Erklärung gab es nicht.

Also fliegt statt des Elfmeters nur noch ein Eckball in den Frankfurter Sechzehnmeterraum. Willems köpft ihn problemlos aus der Gefahrenzone. Gacinovic steht dort, wo der Ball landet. Er legt ihn sich weit vor, und auf einmal ist er allein. Auf den 70 Metern zwischen ihm und dem Bayern-Tor ist niemand mehr. Alle Spieler, selbst Bayerns Torwart Ulreich, hatten sich für den Eckball vor dem Frankfurter Tor versammelt. Gacinovic läuft – und Marius rennt mit. Er weiß nicht, was er tut. Er stürmt außerhalb der Außenlinie parallel zu Gacinovic mit, die Beine sind doch gar nicht müde, Mann! Geradezu langsam rollt der Ball nach Gacinovics Schuss ins verlassene Bayern-Tor.

Vor 30 Jahren hatte Eintracht Frankfurt zum letzten Mal einen Titel errungen. In der Zeit wurde Bayern München 18-mal Deutscher Meister, gewann zweimal die Champions League, einmal den Uefa-Cup und neunmal den DFB-Pokal. Nur wenige dieser Triumphe entfachten eine Freude wie der Frankfurter Pokalsieg vom 19. Mai 2018. Denn Meistertitel oder Pokalsiege sind nur überwältigend, wenn sie selten sind. Auch das lange Warten macht sie so großartig.

Für sein neues Buch hat er die drei Fußballer Fotios, Marius und Niko über neun Jahre lang begleitet: Noch bevor sie 14 Jahre alt werden, nehmen die Profiklubs 1. FC Nürnberg und Greuther Fürth sie in ihre Leistungszentren auf. Reng erzählt von drei Leben, die in neue, unvermutete Richtungen führen.

Zwölf Stunden später trug Marius einen Eintracht-Schal um den Kopf. Er hatte keine Ahnung, wo der Schal herkam und wann er ihn sich um die Stirn gebunden hatte. Er saß in einem Cabriolet auf dem Weg vom Flughafen Frankfurt zum Rathaus der Stadt, dem Römer. Die Leute parkten ihre Autos einfach auf der Bundesstraße, um zu Zehntausenden Spalier zu stehen. Marius tippt, dass das Cabriolet, in dem er saß, zirka 15-mal über den Fuß eines Fans rollte, weil die Leute so nah kamen. „Du hast immer gemerkt, wie das Auto sich hob, und dann einer der Fans, der eben noch lachte oder sang, plötzlich die Zähne zusammenbiss.“ Im Moment, nachdem ihr Fuß überfahren, vermutlich geprellt oder gebrochen war, lachten oder sangen die Leute weiter.

Drei Fußballspieler auf dem Weg zum Ruhm - „Der große Traum“ von Sportreporter Ronald Reng

Gegen 21 Uhr war Marius von der Feier zurück in seiner Wohnung in der Gerbermühlstraße. Am Hauseingang hing ein Blatt Papier. „Wir sind unglaublich stolz auf Dich und die Mannschaft! Vielen Dank für diesen denkwürdigen Sieg! Deine Nachbarn (und bitte bleib in Frankfurt, Marius!) “

Noch einmal kreuzten sich die beiden Gedanken. Der rationale: Bei dem Angebot von Dortmund musst du gehen. Und der emotionale: Es wäre schön, hier zu bleiben.

Dann trug er die letzten Koffer zum Auto. Die Wohnung war bereits leer. Die Möbel hatte Marius am Donnerstag von der Spedition abholen lassen, als er zum Finale nach Berlin geflogen war. Während Frankfurt noch feierte, schloss Marius die Tür und fuhr los; weg.

Vier Tage später sitzt er in München im Reihenhaus seiner Schwester in der Küche. Er richtet den Frühstückstisch her, mit Frischkäse, Marmelade, Wurst, und rührt doch nichts davon an. Er wählt Nutella als Brotaufstrich – es sind Ferien. Das einzige Dringende in dieser Woche hat Marius schon erledigt. Er hat sich den DFB-Pokal auf die rechte Wade tätowieren lassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare