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Von: Günter Klein

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Mit ihrer Siegzeit in München wäre Gina Lückenkemper bei der WM nur Siebte geworden.
Mit ihrer Siegzeit in München wäre Gina Lückenkemper bei der WM nur Siebte geworden. © dpa

In München trumpfen die Deutschen auf. Doch die EM-Medaillen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass weiter eine Lücke zur Weltspitze klafft. Ein Kommentar.

Was für ein Abend im Münchner Olympiastadion, das bebte und röhrte wie früher beim großen Fußball oder gelegentlich bei Rockkonzerten. Die Bühne gehörte der Leichtathletik, der deutschen vor allem. In den Katakomben des Stadions hingen, als das Publikum schon beseelt in den Park abgeströmt war, Reportertrauben an Niklas Kaul. Eine Szenerie, die im Juli undenkbar erschien: Bei der Weltmeisterschaft in den USA war die deutsche Mannschaft (bis auf Weitspringerin Malaika Mihambo und die überraschend mit Bronze dekorierte Frauen-Sprintstaffel) neben der Spur. Ist nach dem goldenen EM-Abend von München und den Erfolgen auf der Straße (Marathon- und Geher-Medaillen) die deutsche Leichtathletik nun zurück?

Es ist alles eine Frage der Perspektive: In München richteten sich die Scheinwerfer auf Gina Lückenkemper, bei einer WM hätte man bei gleicher Leistung kaum auf sie geschaut: Im 100-Meter-Endlauf von Eugene vor einem Monat wäre sie mit ihren 10,99 Sekunden Siebte geworden – die Realität in den USA war sogar, dass ihr Weg in den Semifinals sein Ende fand. Unzweifelhaft war Lückenkempers Formaufbau für die (Heim-)EM besser, denn da überflügelte sie die bei der WM noch vor ihr liegenden Dana Asher-Smith (Großbritannien/10,83) und Mujinga Kambundji (Schweiz/10,91). Aber außer ihrer Reichweite liegt eben das Trio aus Jamaika mit Shelly-Ann Fraser-Pryce (10,67) an der Spitze.

Auch Niklas Kaul, der in München unaufhaltsam und herkulisch erschien, wäre mit dieser Leistung in Eugene (da war er Sechster mit 8434 Punkten) nicht auf dem Podium gelandet, sondern Vierter geworden. Der Franzose Kevin Mayer, bei der EM verletzt raus, kämpft – Gesundheit vorausgesetzt – weiter in einer anderen Liga (fast 300 Punkte mehr).

Das Herz der Leichtathletik schlägt in vielen Bereichen nicht in Europa: Karibik und USA sind stark im Sprint, Afrika beherrscht den Ausdauerbereich, im Wurf, den die Deutschen immer noch vereinnahmen, spielen nun China und Indien eine Rolle. Auch im Deutschen Leichtathletik-Verband muss das den führenden Funktionären immer wieder erklärt werden: Nicht nur eine Medaille ist Beleg für eine hochwertige Leistung.

Einmal Gold, einmal Bronze klang als Bilanz der WM schrecklich. Und führte zu den großen Krisengeschichten. Christopher Linke, in Eugene im 20 Kilometer Gehen ausgestiegen, über 35 Kilometer nun Vize-Europameister, sagt: „Kritiker sind Neider.“ Disziplin-Kollege Jonathan Hilbert (2021 Olympia-Silber in Tokio) erklärt differenzierter: „Es kann mal passieren, dass es bei ganz vielen nicht läuft. Doch ebenso kann sich das auch wieder umkehren – das sollte die deutsche Bevölkerung akzeptieren.“

Richard Ringer, Europameister im Marathon, sieht sich selbst als Beispiel dafür, dass Hierarchien umgestürzt werden können: „Es gibt äußere Einflüsse, Witterung, Tagesform. Wer hätte gedacht, dass in Tokio kein Äthiopier ins Ziel kommt? Es geht immer um den einen Tag – und da kannst du auch einen schlagen, der normal ein paar Minuten schneller ist.“

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