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Reinhard Grindel tritt ab.

Reinhard Grindel

Am eigenen Anspruch gescheitert

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Reinhard Grindel hatte sich als DFB-Boss viel vorgenommen. Es war wohl zu viel. Der Kommentar. 

Es ist auf den Tag genau drei Wochen her, dass Reinhard Grindel sich auf dem richtigen Weg wähnte, vielleicht doch noch ein allseits akzeptierter Anführer des deutschen Fußballs werden zu können. Gerade hatte er einigen Journalisten in der Bibliothek der DFB-Zentrale zwei Stunden lang zuversichtlich seine Pläne für die Zukunft erläutert. Gleichzeitig hatte er auch beschrieben, wie kompliziert es sich für einen DFB-Präsidenten oft anfühlt, im Geflecht der schonungslosen Machtinteressen zwischen Fifa, Uefa, Medienkonzernen, Großklubs, Bundesliga und Amateuren einen guten Weg zu finden zwischen notwendiger Diplomatie und angesagter Deutlichkeit.

Im Grunde, das sollte jeder wissen, der dieses Himmelfahrtskommando anzutreten bereit ist, gibt es diesen Weg im globalisierten Fußball gar nicht. Man wird in dieser Position hin und her geschubst, bis man fällt. Zumal dann, wenn man seinem eigenen Anspruch an einen Ehrenmann dann doch nicht ganz gerecht werden kann und es zudem nicht gelingt, die zahlreichen Feinde im eigenen Haus in eine deutliche Unterzahl zu bringen. Grindel scheiterte am Ende nicht bloß an einer Armbanduhr.

Ein DFB-Präsident, der für die Kleinen und die Großen gleichermaßen glaubhaft da sein soll, müsste schon ein Zauberer und noch dazu ein begnadeter Rhetoriker sein, bei dem auch jeder Nebensatz stets so perfekt sitzt, dass er ihm nicht bald darauf rechts und links um die Ohren gehauen bekommt. Zu weit weg sind die Lebenswirklichkeiten der Profiwelt hier und ehrenamtlich werkelnden Amateuren dort, als dass ein Verbandsboss sich beim Spagat nicht ständig arg verletzen und hinterher noch verhöhnt würde, weil sie sich nicht richtig aufgewärmt hätte. Dass etwa Ehrenspielführer Philipp Lahm deshalb schon dankend abgelehnt hat, sich diesen Job anzutun, darf niemanden verwundern. Der Junge ist ja nicht blöd. 

Reinhard Grindel dagegen hatte sich die Aufgabe zugetraut. Er glaubte, als Journalist und Politiker das Rüstzeug dafür zu haben. Nun ist er binnen drei Jahren krachend gescheitert. Das ist auch eine persönliche Tragik für einen Mann, der so falsch und hinterlistig nicht ist, wie er in der gnadenlosen Kampagne der vergangenen Wochen dargestellt wurde.

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Im DFB konnte am Ende niemand mehr stolz auf den einsam wankenden Grindel sein, aber niemand im Verband sollte auch stolz sein auf die Art und Weise, wie sein erster Mann mit gezielt an die Öffentlichkeit durchgesteckten Informationen vom Hof gejagt wurde.

Der Deutsche Fußball-Bund, noch längst nicht erholt vom Sommermärchenskandal und dem Vorrundenaus bei der WM mit begleitender Özil-Affäre, kommt aus seinem Dauertief nicht heraus. Die gelungene EM-Bewerbung, die angestrengten Reformen in der Nachwuchsförderung und der unmittelbar bevorstehende Baubeginn für die neue Akademie werden durch die aktuelle Führungskrise schattig überlagert.

Wie schon zwischen November 2015, als Grindels Vorgänger Wolfgang Niersbach zurücktrat, nachdem er ähnlich unbarmherzig durch mediale Dorf gejagt worden war wie jetzt sein Nachfolger, und April 2016, als Grindel gewählt wurde, steht der DFB nun ohne Boss da. Seinerzeit kamen die auch nun wieder auf Nachfolgesuche gehenden DFL-Präsident Reinhard Rauball und DFB-Vize Rainer Koch nicht überein, einen gemeinsamen Kandidaten zu finden. Der gewiefte Koch und seine Basismehrheit der 21 Landesverbände im DFB-Bundestag setzten gegen den ausdrücklichen Wunsch der Profiklubs Grindel durch, der fortan verzweifelt um Akzeptanz kämpfte und sie doch nie bekam. Es wäre förderlich, sollten die beiden Interimschefs sich bei der Suche in diesem Sommer klüger und kooperativer anstellen.

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