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Seit einer Ewigkeit für die SG Frankfurt im Einsatz: Michael Ulmer.

Ganz nah dran

„Schwimmen ist mein Leben“

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Michael Ulmer engagiert sich mit viel Herzblut für die SG Frankfurt und betreut Topathleten wie Marco Koch, beklagt aber die fehlende Anerkennung seiner Sportart.

Das Telefon von Michael Ulmer klingelt permanent. Beim ehrenamtlichen Sportdirektor der Schwimmgemeinschaft (SG) Frankfurt laufen alle Fäden des mittlerweile 7000 Mitglieder starken Verbunds aus acht Vereinen zusammen. Betreuung der Profischwimmer, Trainingslager planen und Trainingsanalysen anfertigen sind nur ein Bruchteil der Aufgaben des 64-Jährigen, die er aus der Geschäftsstelle in Frankfurt-Bornheim koordiniert und organisiert – und für die er sehr viele Telefonate führt. „Ich schaue nicht auf die Uhr“, sagt Ulmer schmunzelnd. „Ich bin mit Leib und Seele dabei. Schwimmen ist mein Leben.“

In den ersten zwei Januar-Wochen war er als zweiter Trainer im Trainingslager auf Teneriffa mit den Kaderschwimmern des Hessischen Schwimmverbandes (HSV). Darunter auch die Topschwimmer Marco Koch und Reva Foos, die im September vom Heimatverein DSW 1912 Darmstadt zur SG Frankfurt gewechselt sind. „Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, Marco zu fragen, ob er zu uns wechselt“, sagt Ulmer.

Er kennt Kochs und Foos‘ Heimtrainer Alexander Kreisel sehr gut, und Athleten aus der unmittelbaren Umgebung werbe man einfach nicht ab. „Ich habe ihn gefragt: muss das sein?“ berichtet Ulmer über das Gespräch mit dem ehemaligen Weltrekordhalter über 200 Meter Brust. „Er wollte aber von sich aus was verändern, bevor die Saison richtig los geht.“ Das gleiche galt für Kochs Freundin Reva Foos. Ihren Wunsch auf einen Neustart hat sich Ulmer aber nicht verwehrt. Für ihn und den Verein ist es ein Mehraufwand, den er gerne macht. Schließlich bringt es dem Verein Renommee.

„Schwimmer auf diesem Niveau brauchen eine sehr individuelle Betreuung“, erklärt Ulmer. Kochs Training hat HSV-Landestrainerin Shila Sheth übernommen. Den ersten Erfolg auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in Tokio 2020 gab es schon: die Bronzemedaille über 200 Meter Brust bei der Kurzbahn-WM im chinesischen Hangzhou im Dezember.

Es gibt viel zu wenige Wasserzeiten - ein Übel

Viel mehr noch als mit den Profis hat Ulmer mit den alltäglichen Sorgen der Schwimmvereine. „Wir können uns vor Kindern kaum retten“, sagt Ulmer. Allerdings gebe es viel zu wenige Wasserzeiten, „die katastrophale Situation“ der Lehrschwimmbecken und ein fehlendes 50-Meter-Becken in Frankfurt. „Es gibt 20 große Städte in Hessen, die alle ein 50-Meter-Becken haben und sich nicht Sportstadt nennen“, sagt Ulmer spitz. „Das ist ein echtes Armutszeugnis.“ Ein echtes Übel für eine Sportstadt.

Die Profis müssen in der Landessportschule Hessen an der Otto-Fleck-Schneise trainieren, die lediglich vier Bahnen hat. Das Panoramabad in der Nähe der Eissporthalle und das Rebstockbad sollen zwar für viel Geld neu gebaut werden, allerdings fehlen in der Bauzeit natürlich die Alternativen. Zudem seien Schulbäder, wie das in der Wöhlerschule permanent kaputt und der Neubau in der Dahlmannschule, direkt gegenüber von der Geschäftsstelle, muss aufgrund von Baumängeln wohl wieder bis auf das Becken abgerissen werden. Es tritt Wasser aus, aber da die Rohre an der Seite und nicht wie üblich oben verlegt worden sind, findet man die Ursache nicht. „Das ist eine unheimliche Zeitverzögerung“, sagt Ulmer, der 30 Jahre lang in der Dahlmannschule unterrichtet hat und Lehrer im Vorruhestand ist.

Das geplante Schwimmzentrum Goethebad an der Frankfurter Sport-Universität würde eine enorme Erleichterung bringen. Bis das jedoch steht, dürften ebenfalls noch einige Jahre ins Land ziehen. Immerhin, das hält Ulmer der Stadt zugute, hat sie der SG Frankfurt eine Erhöhung der Fördermittel gewährt. „Das hat uns gutgetan“, sagt Ulmer. Je besser der Verein werde, desto teurer werde er auch. Trainingslager, Übernachtungen bei Wettkämpfen und Trainer kosten nun mal Geld. Mittlerweile hat die SG vier hauptamtliche Trainer.

Neben besseren und größeren Schwimmbädern, wünscht sich Michael Ulmer mehr Anerkennung für die Athleten. „In anderen Ländern haben die Schwimmer einen ganz anderen Stellenwert.“ In Frankreich, Italien, Spanien, Ungarn könnten sich die Athleten erlauben, Profis zu sein. Das geht in Deutschland nur, wenn man Angestellter der Bundeswehr oder der Polizei ist. „Wenn wir die nicht hätten, wäre es noch schlimmer“, sagt Ulmer. Aber nicht jeder will das machen. Politiker müssten viel mehr dafür tun, dass es duale Karrieren gibt und zum Beispiel Firmen Patenschaften übernehmen, fordert der Sportdirektor. Oder ein Prämienmodell, die das Auskommen der Sportler sichern.

„Wer oben ist, kann nichts anderes machen, als zu trainieren“, sagt Ulmer. Sollte es keine Veränderung geben, wird es immer weniger Top-Athleten geben, die um Medaillen schwimmen können. Bei den Olympischen Spielen 2012 und 2016 ging Deutschland schon leer aus.

Ganz nah dran

Die neue FR-Serie erzählt von Menschen, die viel bewegen – mal sich selbst, mal andere. Von Sportlern, die außergewöhnliche Leistungen vollbringen oder vom Schicksal hart getroffen wurden. Von Trainern, die die Sportler zu außergewöhnlichen machen. Von Ehrenamtlichen, die für ihre Vereine unverzichtbar sind.
Heute: Ganz nah dran an Michael Ulmer, tragende Säule bei der Schwimmgemeinschaft Frankfurt.

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