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Kapitän mit Bundesligaerfahrung: Nico Herzig.

TSV Steinbach Haiger

Selbstbewusster Dorfklub

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Der TSV Steinbach Haiger ist mittendrin in der Spitzengruppe der Regionalliga Südwest - und schielt nach oben.

Klar, Waldhof Mannheim und der 1. FC Saarbrücken hatte jeder auf der Rechnung, auch Kickers Offenbach und den SSV Ulm die meisten. Die Favoriten auf Platz eins in der Regionalliga Südwest, sie waren vor der Saison schnell ausgemacht. Allesamt Traditionsvereine, die in der vierten Liga teils seit Jahren nicht vor und zurück kommen. Die machen, tun, rumwurschteln, aber irgendwie ihrer eigenen, so klangvollen Historie nicht mehr gerecht werden. Die endlich rauswollen aus dieser vierten Liga, raus aus dieser vermaledeiten Klasse, in der sie sich mit Dorfklubs messen müssen – mit Mannschaften wie dem TSV Steinbach Haiger.

„Ja klar, wir sind ein Dorfklub“, sagt Nico Herzig, „etwas anderes zu behaupten, wäre nicht richtig. Aber hier wird auch sehr professionell und hart gearbeitet.“ Nico Herzig, in wenigen Tagen 35 Jahre alt, muss es wissen. Er ist Kapitän, Führungsspieler und erfahrenster Profi in Reihen der Mittelhessen aus dem Lahn-Dill-Kreis. Herzig, der in seiner Laufbahn zwischen 2006 und 2009 auf 46 Bundesligaspiele für Alemannia Aachen und Arminia Bielefeld kam, der dazu 114 Mal in der zweiten Liga auflief, er absolviert bereits seine dritte Saison in Reihen der Steinbacher. Es ist die bisher erfolgreichste. Obwohl die Mannschaft von Trainer Matthias Mink am vergangenen Samstag überraschend mit 0:1 gegen den SC Hessen Dreieich, noch so ein Dorfklub, verlor, ist sie vor dem Duell an diesem Samstag (14 Uhr) beim FSV Frankfurt mittendrin in der Spitzengruppe der Regionalliga. 37 Zähler sammelte der TSV als Tabellendritter bisher, ist damit punktgleich mit dem Zweiten aus Saarbrücken. Fünf Zähler voraus thront Waldhof Mannheim an der Spitze, der OFC und Ulm (beide 33 Punkte) liegen noch hinter Steinbach Haiger. „Wir haben als Mannschaft bisher gut gearbeitet und stehen deshalb auch zurecht dort, wo wir stehen“, sagt Herzig. Der Aufstieg in die Dritte Liga, für den der Meistertitel nötig wäre, er sei zwar nicht das Ziel, sagt Herzig, „aber wir schielen schon nach oben.“

Selbstbewusst sind sie in Steinbach, dem 900 Einwohner großen Stadtteil von Haiger. Und das ist durchaus berechtigt. Denn der TSV spielt guten Fußball. Vieles basiert auf einer starken Defensive, mit erst 16 Gegentreffern statistisch gesehen sogar der besten der gesamten Liga. Darüber hinaus ist das Kombinationsspiel im eigenen Ballbesitz durchaus ansehnlich. „Wir haben eine Mannschaft beisammen, die am Ende oben angesiedelt sein sollte“, sagt Herzig.

Zwei Millionen Euro Etat

Möglich ist das freilich nur durch finanzielle Unterstützung. Auf knapp zwei Millionen soll sich das Budget belaufen, große Teile davon steuert Roland Kring bei. Der ortsansässige Unternehmer, der einen Bremsenhersteller führt und gleichzeitig im Vorstand des TSV mitwirkt, unterstützt den Klub seit Jahren. Ohne ihn wäre der Aufstieg in die Regionalliga nicht machbar gewesen. Schließlich war der TSV vor einem Jahrzehnt noch ein unbedeutender Punkt auf Deutschlands Fußball-Landkarte. Der Durchmarsch in die Viertklassigkeit begann in der Saison 2008/09, damals mit der Meisterschaft in der Kreisliga B.

Nachdem die Steinbacher innerhalb von sieben Jahren sechsmal aufstiegen, kamen sie 2015 in der Regionalliga Südwest an. Seitdem reichte es für die Plätze zwölf, fünf, zuletzt für Rang acht und den Hessenpokalsieg, der zur Teilnahme an der ersten Runde des DFB-Pokals berechtigte. Im August war das, da empfing der TSV den Bundesligisten FC Augsburg. Nico Herzig köpfte zwischenzeitlich das 1:1, ehe Andre Hahn die Augsburger doch noch eine Runde weiter schoss. Es war trotz der knappen Niederlage ein besonderer Tag für den TSV, über 4000 Zuschauer hatten das Stadion in Haiger gefüllt, das ein bisschen oberhalb der Stadt liegt. Das nur über eine enge Straße zu erreichen ist. Das ganze Dorf, und viele mehr, waren gekommen. Nico Herzig genießt zum Ende seiner Karriere dieses ungewöhnliche Umfeld im Profifußball. Natürlich sei es in Vergleich zu seinen vorherigen Stationen in Aachen, Bielefeld oder auch in Würzburg und beim SV Wehen Wiesbaden etwas komplett anderes, „aber auch wir haben ein kritisches Publikum, das guten Fußball sehen will.“

Im Schnitt kommen mittlerweile 1100 Zuschauer, am vergangenen Samstag gegen Dreieich waren es mal nur 600. Trainiert die Mannschaft auf ihrem Gelände in Rodenbach, einem weiteren 800-Seelen-Stadtteil von Haiger, fühlt es sich für Herzig ein bisschen so an, „als wäre ich in Österreich in den Bergen“. Südlich der Westerwald, nördlich das Rothaargebirge, überall Bäume, frische Luft, Ruhe. Der perfekte Ort für einen Dorfklub und eine Mannschaft, die die Traditionsvereine gerne noch ein bisschen ärgern will. „Mannheim ist als Tabellenführer schon sehr stark. Aber es wird auch viel auf uns selbst ankommen, wie gefestigt wir in der Rückrunde sind. Wir wollen den Anschluss an die Spitze halten und dann schauen, was am Ende noch so gehen kann.“

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