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Der eine ist der Chef auf dem Platz, der andere an der Seitenlinie: Zudem sind Michael Fink (l.) und Daniyel Cimen beste Freunde.

FC Gießen

Ein bisschen Glitzer

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Dank eines Mäzens und der zwei Ex-Frankfurter Daniyel Cimen und Michael Fink klopft der FC Gießen an der Tür zum Profifußball. Am Samstag trifft der Hessenligist im Topspiel auf den Zweiten Bayern Alzenau.

Wer das Waldstadion in Gießen betrachtet, der ahnt, dass noch viel Arbeit vor dem heimischen Fußballklub liegt. 1925 eröffnet, in den 50er-Jahren ausgebaut, aber seitdem ist wenig passiert. Mal ein neuer Anstrich hier, dann Ausbesserungen dort. Ansonsten viel Unkraut, das aus den Steintreppen im Umlauf sprießt - ein Ort für Fußballnostalgiker, die von der ach so wunderbaren Glitzerwelt des Profigeschäfts nichts wissen wollen. In Zukunft, am besten ab der kommenden Saison, soll aber auch hier, im Osten der Stadt, ein klein bisschen Glanz Einzug halten. Nicht die ausgeleuchtete Bundesligawelt, aber doch professioneller Fußball. Die Regionalliga ist das Ziel des FC Gießen - und die Chancen stehen gut.

Mit 13 Siegen, zwei Remis und nur einer Niederlage fegte die Mannschaft von Trainer Daniyel Cimen, vor allem bekannt von seinen Profistationen bei Eintracht Frankfurt und Kickers Offenbach, in der Hessenliga über die Kontrahenten hinweg. Die Mittelhessen sind Tabellenerster, besitzen statistisch die beste Abwehr und den besten Angriff der Liga. Mithalten kann nur ein Gegner: Bayern Alzenau, mit einem Punkt Rückstand bei einem weniger absolvierten Spiel auf Rang zwei. Nun treffen am Samstag (14.30 Uhr) in Alzenau die beiden besten Teams zum Abschluss der Hinrunde aufeinander. Für Cimen ist das kein Grund, hippelig zu werden. „Beide Mannschaften spielen eine überdurchschnittliche Saison, aber ich möchte das Spiel nicht zu sehr hypen. Es stehen noch 16 weitere Partien an.“

Ohnehin ist der Platz an der Spitze keiner, der für Cimen überraschend kommen dürfte. Immerhin wird genau das von seiner Mannschaft erwartet. Der Aufstieg in die Viertklassigkeit ist die klare Mission für Trainer und Team. „Wir hatten im Sommer viele Neuzugänge zu integrieren. Das hat überraschend schnell geklappt. Insgesamt wussten wir aber, dass die Mannschaft oben mitspielen kann“, sagt Cimen, der vorher bereits Rot-Weiss Frankfurt trainiert und mit den Mannen vom Brentanobad erst in der Relegation den Aufstieg in die Viertklassigkeit verpasst hatte.

Vergleichbar sind die Situationen in Frankfurt und Gießen aber nicht. Die Mittelhessen sind sicher kein normaler Fünftligist. Während bei allen anderen 16 Teams der Liga mehr oder minder Feierabendfußball gespielt wird, arbeitet Cimen in Gießen nahezu unter Profibedingungen. Fünf bis sieben Trainingseinheiten, also auch welche am Vormittag, setzt der 33-Jährige pro Woche an, es gibt einen Mannschaftsarzt, auch ist der Kader mit manch bekanntem Namen ausgestattet. Cem Kara und Markus Müller zum Beispiel, beide Offensivspieler, standen einst bei Kickers Offenbach unter Vertrag. Oder Michael Fink, der in seiner Karriere unter anderem 87 Mal in der Bundesliga für die Eintracht und gar viermal in der Champions League für Besiktas Istanbul am Ball war.

Trauzeugen Cimen und Fink

Trotz seiner 36 Jahre hat Fink die meisten Einsatzminuten aller Feldspieler Teams auf dem Buckel und will wohl im Fall des Aufstiegs noch ein Jahr dranhängen. „Michael ist ein absoluter Glücksfall für den Verein“, sagt Cimen. Und der muss es wissen. Schließlich kennen sich die Ex-Profis seit ihrer Eintracht-Zeit, waren schon damals gute Freunde und sind es heute mehr denn je. Cimen war bei Finks Hochzeit dessen Trauzeuge, Fink bei Cimens ebenso. Beide wohnen im Kreis Offenbach, pendeln nach Gießen. Für Cimen eine Selbstverständlichkeit. „Obwohl es nur die Hessenliga ist, sind wir bewusst professionell aufgestellt. So wäre der Schritt im Fall des Aufstiegs nicht so groß“, sagt Cimen, „denn allen muss klar sein, dass man in Liga vier nur mit voller Überzeugung bestehen könnte.“

Dieser Aufwand will natürlich bezahlt werden - umsonst macht das auch in der fünften Liga niemand. Über das Budget redet Cimen zwar nicht, die Behauptung, dass es die Möglichkeiten der Konkurrenz weit übersteigt, ist jedoch kaum gewagt. Hauptverantwortlich dafür ist Jörg Fischer. Der Macher des Klubs, der durchaus als Mäzen bezeichnet werden kann, kümmert sich nicht nur um die Akquise neuer Sponsoren, sondern steckt auch eigenes Geld, das er in der Immobilienbranche verdient, in seinen Herzensverein.

Fischer ist bereits seit 1995 als Funktionär bei Teutonia Watzenborn-Steinberg tätig, dem Klub, der in diesem Sommer auch auf Fischers Treiben hin mit dem VfB Gießen fusionierte und im FC Gießen aufging. „Ich bin nicht wie Kai aus der Kiste gekommen. Ich bin eng verwurzelt mit der Region“, entgegnete Fischer in einem Interview der „Gießener Allgemeine“ den Kritikern des Projekts. Ein Projekt, das mit großen Ziele angegangen wird. Kurzfristig soll ein Sieg in Alzenau her, mittelfristig der Aufstieg, langfristig bezeichnete Mäzen Fischer gar die Dritte Liga als „Traum“ und die Zweitligisten 1. FC Heidenheim und SV Sandhausen als „Vorbilder“.

Natürlich, von dieser Glitzerwelt sind sie in Gießen noch ein Stück entfernt. Interesse an ein bisschen fußballerischem Glanz scheint in der Region aber sehr wohl vorhanden. So pilgerten zum Ligaduell gegen Hessen Kassel und zum Pokalspiel gegen Stadtallendorf knapp 4000 Zuschauer ins altehrwürdige Waldstadion - es waren ganz sicher nicht nur Fußballnostalgiker.

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