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Redebedarf nach dem Systemabsturz

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Von: Thomas Kilchenstein

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Und wieder drin: Torwart Yann Sommer (r.) und Verteidiger Manuel Akanji nach Portugals drittem Tor.
Und wieder drin: Torwart Yann Sommer (r.) und Verteidiger Manuel Akanji nach Portugals drittem Tor. © AFP

Bei den Schweizern herrscht dicke Luft, Trainer Murat Yakin steht wegen seiner Taktik in der Kritik.

Yann Sommer, das war nicht zu übersehen, hatte in den Katakomben schwer zu schleppen. Der Torhüter von Borussia Mönchengladbach, in der Fußballwelt inzwischen so hoch angesehen, dass ihn offenbar Manchester United auf der Wunschliste hat, zog nach dem Desaster von Doha einen schwarzen Koffer hinter sich her, aber wie bei allen Mitspielern lastete noch wesentlich mehr Ballast auf seinen Schultern. Gegen Portugal auszuscheiden, das kann einem Fußballland von der Größe wie der Schweiz bei einem Turnier immer passieren, aber die Umstände des mit 1:6 verlorenen WM-Achtelfinals nagten schwer am ehrgeizigen Goalie. „Ich war selbst nicht top“, sagte Sommer. „Ich werde ein paar Tage brauchen, um das alles zu verarbeiten.“

Auskünfte zu seinen Zukunftsplänen erteilte der 33-Jährige keine („bitte nicht diese Frage jetzt“), der sich auch Beschwerden gegenüber seinen Vorderleuten über unterlassene Hilfeleistung verkniff. Auf der Anklagebank saß zu diesem Zeitpunkt ja bereits Nationaltrainer Murat Yakin. Der 48-Jährige hatte, nur zur Erklärung, durch den kurzfristigen Ausfall des etatmäßigen Rechtsverteidigers Silvan Widmer vom FSV Mainz 05 das gesamte System umgestellt. Weg von der gewohnten Viererkette auf eine Dreierkette, durch die nicht nur Widmers Vereinskollege Edimilson Fernandes als rechter Schienenspieler arg fremdelte.

Xhaka schlecht gelaunt

Aus guter Organisation wurde heilloses Chaos. Die halbe „Nati“ schien sich auf ungewohnten Positionen so unwohl zu fühlen, dass ein zusammenhangloser Auftritt herauskam. Die Eidgenossen konterkarierten den Fortschritt der vergangenen Jahre mit einem Systemabsturz. Yakin hatte den Matchplan angeblich zwar mit seinen Führungsspielern abgesprochen, aber Aussagen von Xherdan Shaqiri oder Haris Seferovic direkt nach dem Offenbarungseid legten andere Schlüsse nahe. „Es war die Entscheidung des Trainers, umzustellen. Wir sind Profis und müssen damit umgehen“, erklärte Shaqiri. Seferovic äußerte sich ihm ähnlichen Duktus: „Der Trainer ist der Trainer, er macht die Taktik und entscheidet. Wir haben 1:6 verloren, ich denke, das sagt alles.“ Hörte sich deutlich so an, als habe der Trainer mit diesem Resultat mehr zu tun als die Spieler.

Am Tag danach kam der Nationalcoach bei einer ohnehin geplanten Pressekonferenz gar nicht umhin, die Wogen vor dem für Donnerstag terminierten Heimflug in die Alpenrepublik zu glätten. Er könne die Enttäuschung der Spieler gut verstehen, aus den Emotionen diese Probleme zu artikulieren, sei nicht gut. „Wenn man verliert, dann macht man einen Fehler. Das ist Sport. In Bezug aufs gestrige Spiel müssen wir aber akzeptieren, dass der Gegner viel besser war. Ein Weiterkommen muss man sich verdienen, und das haben wir uns gestern nicht verdient.“

Trotz der Unruhen will Yakin unbedingt weitermachen – aus seiner Sicht ist das Potenzial seines Kaders noch längst nicht ausgereizt. Den früheren Bundesligaprofi reizt natürlich die EM 2024 in Deutschland. „Wir blicken jetzt auf die EM-Kampagne, in der wir der Favorit in der Qualifikationsgruppe sind.“ Um seinen Job muss der vertraglich bis 2024 gebundene Fußballlehrer vorerst nicht fürchten. Direktor Pierluigi Tami hatte ihm schon am Vorabend den Rücken gestärkt. Man sei enttäuscht, „aber wir haben ein gutes Turnier gespielt.“

Auch bei Kapitän Granit Xhaka kamen indirekte Schuldzuweisungen gegen Yakin ganz schlecht an. „Wenn man nach zwei Standards, einem Einwurf und einer Ecke, 0:2 hintenliegt, hat das mit dem System nichts zu tun“, giftete der übelgelaunte Anführer, der in der Mixed Zone den Journalisten drohend gesagt hatte, nur „vernünftige Fragen“ zu beantworten. Seinen Frust vergrößerte der Fakt, dass er und seine Mitspieler rund zehn Kilometer weniger gelaufen waren als die Portugiesen. „Wenn man sich nicht bewegt, weit weg vom Mann steht, kann man auch mit zehn Mann in einer Reihe stehen“, sagte der 30-Jährige. „Wir waren nicht bereit.“

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