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Verheerende Körpersprache: Angelique Kerber in Paris.

French-Open

Ratlos in Paris

Kein Rhythmus, kein Gefühl, keine Ahnung: Kerber weiß nach dem Erstrunden-Aus bei den French Open nicht, wie es weitergeht.

Angelique Kerber war ratlos, das war an ihrer Miene und ihrer Gestik deutlich abzulesen. „Ganz ehrlich, ich weiß noch nicht, wie es jetzt weitergeht“, sagte die 32-Jährige nach ihrem blamablen Erstrunden-Aus bei den French Open. 3:6, 3:6 in wenig mehr als einer Stunde gegen die weithin unbekannte und erst 19-jährige Slowenin Kaja Juvan – da fehlten Kerber einfach die Worte.

Immerhin: In Ausreden flüchtete sich die frühere Nummer eins der Weltrangliste nicht. „Ich könnte jetzt nach Entschuldigungen suchen, aber so bin ich nicht“, sagte Kerber tonlos. Klar ist, dass ihr Spiel nicht zu der roten Asche von Paris passt, die bei schlechtem Wetter und Dauerregen noch schwerer und tiefer ist als sonst. Kerber spielte Hartplatztennis, sie wollte die Bälle erlaufen, anstatt wie auf Sand üblich in sie reinzurutschen. Dadurch kam sie meistens einen Tick zu spät.

Dass auch die äußeren Umstände alles andere als optimal waren, gab Kerber zu, aber das wollte sie ebenfalls nicht als Erklärung für ihre schwache Leistung gelten lassen. Zunächst erzwang der Dauerregen über Paris etliche Verschiebungen, dann dauerte das vorher auf Platz 14 angesetzte Einzel zwischen Lorenzo Giustino (Italien) und Corentin Moutet (Frankreich) 6:05 Stunden – eine endlose Wartezeit für Kerber und Juvan. „Ich hab mich ungefähr zehnmal aufgewärmt und wieder hingesetzt“, sagte die Kielerin: „Aber die Bedingungen sind für alle gleich, damit muss man klarkommen.“

Mit ihrem eigenen Spiel kam sie überhaupt nicht klar. „Ich habe einfach nicht in meinen Rhythmus gefunden“, sagte sie mehrmals. Hinzu kam ihre verheerende Körpersprache auf dem Platz: Kein Aufbäumen, kein „Komm jetzt!“, kein sichtbarer Versuch, das drohende Unheil doch noch abzuwenden, stattdessen hängende Schultern und ein fast stoischer Gesichtsausdruck. „Solche Tage gibt es im Leben eines Sportlers“, sagte Kerber: „Man muss halt lernen, damit umzugehen.“

Kaja Juvan, die außerhalb ihrer slowenischen Heimat bisher eher ein Insidertipp ist, musste ihr Allerweltstennis jedenfalls nur geduldig runterspielen und auf Fehler ihrer Gegnerin warten. „Ich bin ein bisschen schockiert von der deutlichen Niederlage“, sagte die Eurosport-Expertin und Tennis-Bundestrainerin Barbara Rittner.

Wie die restlichen drei Monate des Jahres für Kerber aussehen, wie es 2021 weitergeht, all das ließ sie an diesem ungemütlichen Pariser Herbstabend offen. „Ich habe für Ostrau (19. bis 25. Oktober, d. Red.) noch gemeldet, ob Turniere dazukommen, wie jetzt die nächsten Wochen bei mir aussehen, kann ich momentan nicht beantworten“, sagte sie. Die Frage nach ihrem persönlichen Befinden beantwortet sie einsilbig und doch so vielsagend: „Mir geht’s okay.“

Im Januar wird Angelique Kerber 33, ihr großes Ziel, nach Melbourne, Wimbledon und New York auch Paris zu gewinnen und damit den Karriere-Grand-Slam zu vollenden, scheint unerreichbar. Ob ihr Trainer Torben Beltz, der sie seit ihrer Jugend kennt und zu dem sie nach dreijähriger Trennung ihm Juli zurückkehrte, den Schalter noch einmal umlegen kann, ist zumindest fraglich. „Es fängt immer alles bei mir an“, ist einer von Kerbers Lieblingssätzen. In Paris, so schien es, hat irgendetwas aufgehört. (sid)

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