Ralph Denk, Teammanager des Radsportteams von Bora-hansgrohe.
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Ralph Denk, Teammanager des Radsportteams von Bora-hansgrohe.

Ralph Denk

„Riesige Chance für den Radsport“

Bora-Teammanager Ralph Denk über den straffen Zeitplan, große Ziele und die Aussichten bei der Tour de France

Der Terminplan der Radprofis ist straff. Durch die Corona-Pandemie wurden viele große Rennen und Rundfahrten in den Spätsommer und Herbst verschoben. Das heißt: In den kommenden dreieinhalb Monaten finden alle Höhepunkte geballt statt. Wir haben mit Ralph Denk, dem Teammanager des deutschen Profiteams Bora-hansgrohe, über die Saison und die Auswirkungen der Pandemie gesprochen.

Herr Denk, was überwiegt bei Ihnen die Vorfreude auf die vielen Höhepunkte in kurzer Zeit oder der Respekt vor der Terminflut?

Auf jeden Fall die Vorfreude. Wir haben im Radsport das Glück, dass wir in unserer Saison nach hinten hinaus Luft haben. Das ist im Fußball oder Eishockey anders, da deren Saison nicht-kalendarisch ist. Da wir Rennen nach hinten verschieben konnten, hatten wir nicht diesen Termindruck.

Wie sehr sind Sie als Teammanager gefordert, das alles zu koordinieren?

Das ist eher der Part unserer Logistik-Abteilung, da sind wir aber sehr gut aufgestellt. Meine Aufgabe als Chef war es beim Ausbruch der Corona-Pandemie, Ruhe zu bewahren und faktenbasiert zu analysieren. Dazu gehört auch, die Sponsoren zu beruhigen. Ich musste ihnen erklären, dass wir den Werbewert erst noch nicht erbringen konnten, das aber im Verlauf des Jahres noch passiert. Und in jedem Schlechten gibt es immer auch etwas Gutes.

Was meinen Sie damit?

Wir haben während der Pandemie unsere ersten Erfahrungen mit Online-Rennen gesammelt. Auch im Bereich der Digitalisierung haben wir etwas gelernt – beispielsweise durch die Videokonferenzen. Zudem erlebt die Fahrrad-Industrie einen Boom – und an dieser hängen wir ja irgendwie mit dran. Jetzt ist es schön, wenn wir als Profiteams – als Creme de la Creme – die bei der Tour de France fahren, dazu beitragen, dass Kinder und Erwachsene aufs Rad steigen.

Die ganze Saison wurde jetzt in dreieinhalb Monate gedrängt. Wie ist das zu schaffen? Müssen Sie gar auf Rennen verzichten?

Der Kalender beinhaltet weiter alles, was wertvoll ist. Damit meine ich Rennen, die für die Sponsoren den höchsten Werbeäquivalenzwert haben. Dazu zählen die drei großen Landesrundfahrten in Frankreich, Italien und Spanien sowie die fünf großen Radklassiker und die WM. Alle anderen Rennen laufen eher so drumherum.

Mit so vielen Höhepunkten in kurzer Zeit hat der Herbst seinen besonderen Reiz, oder?

Die Fans freuen sich darauf. Für uns als Radsport ist es eine riesige Chance, sich vor einem breiten Publikum zu präsentieren. Wir haben keine Mitbewerber wie sonst die Olympischen Spiele und Fußball-EM oder -WM, denn diese Veranstaltungen wurden ja ins kommende Jahr verschoben.

Die ersten Rennen wie in Rumänien sind bereits absolviert. Wie sind die Erfahrungen mit den Hygienekonzepten?

Es hat bisher gut funktioniert, auch Abstand halten. Allerdings habe ich auch Bedenken.

Warum?

Ich habe Angst vor Fehlern bei den Corona-Tests. Diese sind manchmal noch ungenau. Bei Dopingtests gibt es genaue Abläufe und eine B-Probe. Das ist hier nicht der Fall. Ich habe Bauchschmerzen, denn bei Corona-Tests sehe ich ein großes Restrisiko, dass das Ergebnis falsch positiv ist – und ein Fahrer deswegen aus dem Rennen genommen werden muss.

Sollten bei den Rennen Zuschauer erlaubt sein?

Natürlich ist es schöner, wenn Zuschauer an der Strecke stehen. Wir haben das Glück, dass die Rennen meist mehr als 150 oder sogar 200 Kilometer lang sind. Da gibt es genügend Platz, sich zu verteilen. Ich kann nur an die Zuschauer appellieren, dass sie Abstand halten.

Und gerade die Tour de France lebt ja auch von den euphorischen Fans bei den Bergetappen.

Das sind die Bilder, die jeder sehen will. Und für die Fahrer ist es jedes Mal ein Höhepunkt, durch ein Spalier von Fans zu fahren. Es wäre schön, wenn dies wenigstens einigermaßen möglich wäre.

„Das sind die Bilder, die jeder sehen will. Und für die Fahrer ist es jedes Mal ein Höhepunkt, durch ein Spalier von Fans zu fahren.“ Ralph Denk.

Sie haben jetzt mit Maximilian Schachmann langfristig verlängert. Wie wichtig ist es Ihnen, gute deutsche Fahrer im Team zu haben?

Mir ist es wichtig, die besten Fahrer zu haben. Wir müssen keine deutsche Nationalmannschaft sein, aber die vier, fünf besten deutschen Fahrer – und dazu zählt Maximilian – sollen bei uns fahren. Wir sind froh, dass er den Weg, den wir ihm aufgezeigt haben, mit uns geht.

Welche Saisonziele verfolgt Ihr Team?

Da hat sich gar nicht so viel verändert. Nach seinem vierten Platz im vergangenen Jahr wollen wir diesmal mit Emanuel Buchmann auf das Podium der Tour de France fahren. Mit Peter Sagan wollen wir das Grüne Trikot gewinnen. Peter startet auch erstmals beim Giro d’Italia, da peilt er ebenfalls das Sprintertrikot und Etappensiege an. Leider überschneidet sich der Giro mit einigen Klassikern. Aber das ist nicht so schlimm. Mit Schachmann und einigen jungen Fahrern haben wir auch ohne Sagan da Chancen. Und mit Pascal Ackermann wollen wir bei der Spanien-Rundfahrt Etappensiege einfahren.

Wie schätzen Sie Buchmanns Chancen ein, aufs Tour-Podium zu fahren?

Wir werden alles versuchen, dass er es schafft. Aber man muss beachten: Die Tour ist so gut besetzt wie noch nie. Es werden alle Spitzenfahrer an den Start gehen. Sonst haben manche beispielsweise nur auf den Giro gesetzt. Die Tour ist aber diesmal die erste große Landesrundfahrt und viele haben Angst, dass es vielleicht die einzige in diesem Jahr sein könnte. Keiner weiß, wie sich alles entwickelt, ob und wenn wann eine zweite Welle kommt.

Ralph Denk (46), ist Manager des Radsportteams Bora-hansgrohe. Er ist ein früherer Radrennfahrer. Seit 2010 ist er Gründer und Teammanager des Profi-Rennstalls, der seit 2017 unter dem Namen Bora-hansgrohe fährt.

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