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Rainer Wahnsinn in Australien

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Von: Jörg Allmeroth

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Unvergessen: Rainer Schüttler spielt sich vor 20 Jahren in Australien bis ins Finale vor. Foto: AFP
Unvergessen: Rainer Schüttler spielt sich vor 20 Jahren in Australien bis ins Finale vor. Foto: AFP © AFP

Vor 20 Jahren rauschte Rainer Schüttler bei den Australian Open in Melbourne sensationell ins Finale – und zeigte dabei jene unbeugsame Mentalität, die vielen seiner Nachfolger fehlt

Als die Australian Open 2003 begannen, gab es am 13. Januar gleich einen deutschen Donnerschlag am anderen Ende der Welt. Marlene Weingärtner, die zierliche Nachwuchsspielerin aus Heidelberg, versetzte in der Rod Laver-Arena tatsächlich der großen Jennifer Capriati in der Auftaktrunde den sensationellen Knockout – die US-Amerikanerin hatte zuvor 14 Matches hintereinander in Melbourne gewonnen, sie war als Champion der Jahre 2001 und 2002 ins Titelrennen gegangen.

Das Beste aus deutscher Sicht sollte allerdings erst noch kommen, bei diesen Offenen Australischen Meisterschaften vor 20 Jahren. Und auch ihn, den „roten Blitz“ aus Korbach, hatte niemand auf der Rechnung. Als Außenseiter mit 260:1-Wettquote war Rainer Schüttler in die Grand Slam-Festspiele gestartet, als Nobody außerhalb des Rampenlichts. Doch als schließlich am vierzehnten Turniertag der Pokal in der Männerkonkurrenz vergeben wurde, stand der rasend schnell flitzende Deutsche („Speedy Schüttler“) noch immer auf dem Centre Court – im unwahrscheinlichen Duell mit Superstar Andre Agassi.

„Es war eine verrückte Zeit, eine geniale Zeit“, sagt Schüttler, „in Gedanken genieße ich diese beiden Wochen immer noch.“ In Melbourne und auch daheim sei seinerzeit „die Hölle los“ gewesen, erinnert sich Schüttler, „es war Belagerungszustand“. Den Computer habe er damals gar nicht mehr angeschaltet, so Schüttler, „da waren Hunderte, wenn nicht Tausende Mails drauf.“

Reiner Wahnsinn für „Rainer Wahnsinn.“

Erst auf der Zielgeraden hatte Schüttler nichts mehr zu melden. Das große Finale gegen Agassi war in nur 76 Minuten vorbei, gleich die ersten acht Punkte hatte Schüttler zum 0:2-Auftakt abgeben müssen. Und auch danach wurde es bei der 2:6, 2:6, 1:6-Niederlage gegen den überragend aufspielenden Großmeister aus Las Vegas nicht besser: „Es war wie eine Lehrstunde. Ich hatte den besten Platz im Stadion“, sagt Schüttler, „Andre war in einer eigenen Liga unterwegs.“ Dennoch durfte sich Schüttler über wärmende Worte und Komplimente von Agassis Ehefrau Steffi Graf freuen, die Journalisten erklärte: „Rainer hat ein richtig tolles Turnier gespielt.“ Lustig, aber wahr: Bis zum Australian Open-Turnierende hatten sich die Australier nicht mal an den Namen des deutschen Tennis-Phänomens der Open gewöhnt: Mal wurde der heute 46-jährige Ausdauerspezialist mit dem Vornamen „Raymond“ benannt, mal mit dem Nachnamen „Scheutler“ in den Medien versehen.

Tatsächlich war Schüttlers Mission vor zwei Jahrzehnten die verblüffendste Anstrengung überhaupt im deutschen Männertennis der Moderne: Denn anders als zu allen anderen Zeiten und Generationen war Schüttlers Siegeszug bis ins Finale gegen jede Erwartung gekommen – höher gehandelt wurden in jenen Tagen Tommy Haas und Nicolas Kiefer für einen Grand Slam-Coup, so wie später und gegenwärtig Alexander Zverev.

Nie vom Tennis losgelassen

„Wer mir das alles damals vor Turnierbeginn prophezeit hätte, den hätte ich als Spinner bezeichnet“, sagt Schüttler heute. Aber Melbourne sollte keineswegs der einzige Schauplatz bleiben, an dem der tüchtige Nordhesse das Maximale aus seinen Möglichkeiten herausholte, bei allen weiteren Grand Slam-Wettbewerben der Saison 2003 erreichte der Mann mit den flinken Beinen mindestens die zweite Woche – bei der ATP-WM im Herbst in Houston bremste ihn erneut Agassi aus, im Halbfinale nach drei umkämpften Akten.

Schüttler hatte in den Folgejahren immer mal wieder mit Verletzungen und Pfeifferschem Drüsenfieber zu kämpfen, er ackerte und rackerte sich aber immer wieder mit eisernen Profimentalität zurück – einer Leidenschaft und Hingabe, die man manchem seiner Nachnachfolger wünschen würde. 2008 war Schüttler auf einmal wieder mittendrin auf der ganz großen Grand Slam-Bühne, es war, als er in Wimbledon bis ins Halbfinale vorpreschte. Ein versöhnlicher Moment nach vielen Entbehrungen zuvor, nach viel Frust, Ärger und Enttäuschung. „Damit hatte ich irgendwie meinen Frieden mit meiner Karriere gemacht“, sagt Schüttler, der heute als Bundestrainer für die Belange der deutschen Frauen zuständig ist. „Dass ich nie vom Tennis loslassen würde, war immer klar“, sagt Schüttler, der „rote Blitz“ vergangener Grand Slam-Tage.

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