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Radprofi John Degenkolb: „So lange er nicht Pro Putin handelt“

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Von: Jörg Hanau

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„Als Familienvater hinterfragt man schon, was machen wir hier eigentlich?“: John Degenkolb.
„Als Familienvater hinterfragt man schon, was machen wir hier eigentlich?“: John Degenkolb. © imago images/Panoramic International

John Degenkolb über die besondere Lage russischer Radprofis und den UCI-Ausschluss des Teams Gazprom-Rusvelo.

Herr Degenkolb, der Radsport-Weltverband UCI hat russische und belarussische Teams von allen Rennen und Rundfahrten ausgeschlossen, dazu zählt auch das World-Tour-Team Gazprom-Rusvelo. Wie kommt das bei Ihnen an?

Man muss zwischen einzelnen Fahrern und Sponsoren wie Gazprom differenzieren. Profis wie etwa Pawel Siwakow (fährt für das britische Team Ineos-Grenadiers; Anmerk. d. Red. ) ist zwar russischer Staatsbürger, er hat sich aber ganz klar distanziert von diesem Regime. Das ist genau der richtige Weg. Ihn zu sperren, wäre nicht richtig.

Die Suspendierung durch die UCI betrifft nur die Teams und deren Fahrer, einzelne russische oder belarussische Profis in nicht-russischen oder -belarussischen Mannschaften sind nicht betroffen.

Es ist auf jeden Fall keine einfache Situation. Man muss genau aufpassen und differenzieren. Meines Wissens gibt es nun nur noch zwei russische Profis in der World-Tour: neben Siwakow ist da noch Alexander Wlasow (fährt für das deutsche Team Bora-Hansgrohe; Anmerk. d. Red. ).

Erwarten Sie von Wlasow, dass er sich ebenfalls öffentlich von Putin distanziert?

So lange er nicht Pro Putin handelt... Aber wissen Sie, ich kenne ihn überhaupt nicht. Weiß ich denn, ob er vielleicht noch Familie in Russland hat? Wenn er sich gegen Putin äußert, könnte das Folgen für die Menschen haben, die vielleicht noch dort leben und das Land nicht einfach verlassen können. Ich möchte wirklich nicht Partei ergreifen oder jemanden in Schutz nehmen, aber ich appelliere an alle, sich genau die persönliche Situation jedes Einzelnen anzusehen.

Zur Person

John Degenkolb , 33, zählt zu den weltbesten Radprofis. In dieser Saison kehrte der Klassikerspezialist aus dem hessischen Oberursel in das Team DSM zurück, mit dem er 2015 mit den Siegen bei Mailand-Sanremo und Paris-Roubaix seine größten Erfolge einfuhr. Damals firmierte die Equipe noch unter dem Namen Giant-Alpecin.

In der neuen Mannschaft „habe ich nicht mehr ganz so viel Druck auf meinen Schultern“ (Degenkolb). Es ist an ihm, den vielen Jungprofis Hilfestellung zu geben. „Dafür bin ich mit meiner großen Erfahrung genau der Richtige.“ Was aber nicht bedeutet, dass Degenkolb in den nächsten drei Jahren ohne Ambitionen wäre. Bei den Frühjahrsklassikern in Italien und Frankreich wird er als Kapitän am Start stehen - ebenso bei seinem Heimrennen Eschborn-Frankfurt am 1. Mai. „Ich habe definitiv den Traum nicht aufgegeben, nach 2011 noch einmal ganz oben zu stehen“, sagt Degenkolb am Donnerstag bei der PK des deutschen Radklassikers in Eschborn. Im vergangenen Jahr, das Rennen wurde coronabedingt am 19. September ausgetragen, musste sich Degenkolb auf der Zielgeraden lediglich dem Belgier Jasper Philipsen knapp geschlagen gegeben.

Am 1. Mai werden 20 Teams die 185 Kilometer lange Schleife durch den Taunus in Angriff nehmen. (hu)

Sie sind schon lange im Rennzirkus dabei. Halten Sie derzeit Kontakt mit ehemaligen Kollegen aus der Ukraine?

Ich stehe mit Jaroslaw Popowytsch (der Ukrainer zählte einst zu den wichtigsten Helfern von Lance Armstrong; Anmerk. d. Red. ) in Kontakt. Er lebt seit vielen Jahren in Florenz, sammelt Spenden und organisiert Hilfstransporte in die Ukraine. Er suchte jemanden, der eine Frau mit Kind und Gepäck aus der Ukraine von Nürnberg nach München transportieren könnte. Meine Schwester stand schon bereit, um zu helfen. Am Ende hat das aber nicht geklappt. Es ist aber ganz wichtig, dass man in der aktuellen Lage Solidarität zeigt und Unterstützung anbietet, wo es nur geht.

Fällt es Ihnen schwer, sich angesichts des Krieges in der Ukraine auf Ihren Job als Radprofi zu konzentrieren?

Im Training gelingt einem das. Auf dem Rad kann man mal abschalten und den Kopf freikriegen. Aber gerade als älterer Fahrer und Familienvater hinterfragt man schon, was machen wir jetzt hier eigentlich? Mitten in Europa herrscht Krieg und wir sollen jetzt hier Radrennen fahren? Das ist schon komisch, aber auf der anderen Seite muss es ja auch irgendwie weitergehen. Aber klar, wenn ich vom Training nach Hause komme, ist der erste Gang vor den Fernseher, um zu schauen was heute wieder passiert ist. Binnen einer Stunde kann sich die Lage komplett verändert haben. Ich hoffe inständig, dass die Friedensverhandlungen so schnell wie möglich zu einem positiven Ergebnis führen und dieser Krieg endlich beendet wird.

Interview: Jörg Hanau

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