Protest gegen rassistische Polizeigewalt

NBA-Boykott: Playoffs sollen weitergehen - Spieler stellen politische Forderungen

  • Nico Scheck
    vonNico Scheck
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Eine noch nie dagewesene Welle des Protests gegen Polizeigewalt legt fast den gesamten Sport in den USA lahm. Die NBA kündigt konkrete Maßnahmen an.

  • In den USA kochen die Proteste gegen Polizeigewalt nach dem Fall Jacob Blake hoch
  • Fast der gesamte US-Sport protestiert
  • Nach dem Boykott der NBA sollen die Playoffs unter politischen Forderungen weitergehen

+++ 21.20 Uhr: Nach einem zuvor angekündigten Protest steht jetzt fest: Die NBA-Playoffs sollen doch fortgesetzt werden. Das hat die NBA in einer Stellungnahme zusammen mit der Gewerkschaft für professionelle Basketball-Spieler (NBPA) mitgeteilt und zugleich politische Maßnahmen angekündigt. Darin heißt es unter anderem, dass die Liga mit den Spielern koalieren soll, um in den USA eine Justizreform und faire Wahlbedingungen voranzutreiben. Die Stadien sollen zu Wahllokalen für Gruppen, die besonders schwer von der Corona-Pandemie betroffen sind, umfunktioniert werden. Somit werden die Spiele ab Samstag (29.08.2020) fortgesetzt.

USA: NBA protestiert gegen Polizeigewalt

Update vom Freitag, 28.08.2020, 11.47 Uhr: Der Boykott der NBA geht weiter. Auch am Donnerstag fielen die Playoff-Partien aus. Damit protestiert die NBA gegen Rassismus und die Polizeigewalt in den USA, nachdem der Schwarze Jacob Blake am vergangenen Wochenende von einem Polizisten von hinten niedergeschossen worden war.

Jetzt hat sich auch US-Präsident Donald Trump zu den Protesten im US-Sport und konkret zur Rolle der NBA geäußert. Die NBA sei so etwas „wie eine politische Organisation geworden“, polterte Trump und legte nach: „Das ist keine gute Sache.“ Damit aber noch nicht genug. Der US-Präsident erklärte: „Ich weiß nicht viel über die Proteste. Aber ich weiß, dass ihre TV-Quoten schlecht waren, weil die Leute der NBA überdrüssig sind.“

Zuvor hatte sich schon der Stabsleiter von US-Vize-Präsident Mike Pence, Marc Short, bei „CNN‘s New Day“ geäußert. Er bezeichnete die Proteste der NBA-Spieler als „absurd und dämlich“. Und: „Es kümmert uns nicht, ob sie protestieren wollen.“

NBA-Protest gegen Polizeigewalt und Rassismus: Playoffs vor dem Aus

Update, 16.00 Uhr: Auf den Tag genau vier Jahre nachdem der damalige 49ers-Quarterback Colin Kaepernick sich bei einem Testspiel vor der NFL-Saison erstmals während der Nationalhymne hingekniet und das Land in eine emotionale Zerreißprobe geführt hatte, erreicht die Debatte über Rassismus und Polizeigewalt in den USA eine neue Dimension. Mit ihrem beispiellosen Boykott haben zahlreiche US-Sportler ein Zeichen gegen die anhaltende Polizeigewalt in dem Land gesetzt.

Wie es nun im US-Amerikanischen Sport weitergeht, ist derzeit noch völlig unklar. So sollen sich die Los Angeles Lakers laut dem Sportsender ESPN in einem hoch emotionalen Spieler-Meeting bereits für einen Abbruch der Playoffs ausgesprochen haben. Auch der Lokalrivale Los Angeles Clippers soll gegen eine Fortsetzung der Saison sein. Andere Teams wollen dagegen weiterspielen. Im Lauf des Tages sollen die Gespräche fortgesetzt werden. Zunächst sind einzelne Runden der Spieler und der Besitzer angesetzt. Ob die für den Tag geplanten Partien stattfinden, blieb zunächst völlig offen.

„Wir fordern Gerechtigkeit für Jacob Blake und dass die beteiligten Officers zur Rechenschaft gezogen werden“, sagt George Hill.

Schon zu Beginn dieser Woche hatte George Hill von den Milwaukee Bucks die Frage aufgeworfen, ob die Saison überhaupt zu Ende gespielt werden sollte. „Um ehrlich zu sein, hätten wir gar nicht erst an diesen verdammten Ort hier kommen sollen. Hierherzukommen hat nur Aufmerksamkeit genommen von dem, worum es wirklich geht. Diese Welt muss sich ändern. Unsere Polizei muss sich ändern. Wir als Gesellschaft müssen uns ändern.“

Protest gegen Polizeigewalt in der NBA: Milwaukee Bucks boykottieren Partie

Erstmeldung vom 27.08.2020: Orlando - Die Milwaukee Bucks hatten endgültig genug von Polizeigewalt und brachten damit eine riesige Protestwelle ins Rollen. Nachdem die Mannschaft um den griechischen Superstar Giannis Antetokounmpo am Mittwoch nicht zu ihrem Play-off-Viertelfinalspiel in der Basketball-Profiliga NBA auf dem Feld in Orlando/Florida erschienen, zogen Major League Baseball (MLB), Major League Soccer (MLS), die Frauenbasketball-Profiliga WNBA sowie die Tennis-Vereinigungen ATP und WTA in New York nach.

Die Spieler der Orlando Magic standen am Mittwochabend auf dem Feld in Orlando/Florida und warteten auf ihren Gegner, doch die Bucks aus dem US-Bundesstaat Wisconsin kamen nicht - ein Boykott. Die Bucks traten geschlossen vor die Kamera. Die Botschaft: „Der Fokus kann heute nicht auf Basketball liegen.“ Die Botschaft kam an. Wenig später sagte die NBA die zwei weiteren für Mittwoch geplanten Spiele ab. „Scheiß’ drauf, Mann. Wir wollen Veränderung. Ich habe es satt“, schrieb Superstar LeBron James von den Los Angeles Lakers auf Twitter.

Die Bucks reagierten mit dem drastischen Schritt auf den Fall Jacob Blake. Der Schwarze war am vergangenen Wochenende von weißen Polizisten von hinten niedergeschossen worden. Den 29-Jährigen trafen offenbar sieben Kugeln im Rücken, er kämpft im Krankenhaus um sein Leben. Die Tat ereignete sich in Kenosha im Bundesstaat Wisconsin - Milwaukee liegt im selben Bundesstaat.

Und so heißt es in einer Mitteilung der Bucks: „Wenn wir auf den Platz gehen und Milwaukee sowie Wisconsin repräsentieren, wird von uns erwartet, das Maximum zu geben und rechenschaftspflichtig zu sein.” Das verlange man jetzt auch vom Gesetzgeber und der Polizei. Wann die Partien nachgeholt werden, ist noch unklar. Selbst ein Abbruch der Saison scheint nicht ausgeschlossen.

Die Milwaukee Bucks haben den Protest gegen Polizeigewalt vorgemacht, kurz darauf zog nahezu der komplette US-Sport nach.

Protest gegen Polizeigewalt in der WNBA: US-Sport im Ausnahmezustand

Auch in Bradenton, rund 160 Kilometer westlich, zogen die Spielerinnen der WNBA nach. Auch hier wurden die geplanten Spiele des Abends verschoben. Liga-Commissioner Cathy Engelbert betonte bei „ESPN“: „Wir wissen, dass es für unsere Spielerinnen eine sehr emotionale Zeit ist. Sie sind jung und versuchen, ihre Stimmen zu finden.“

Engelbert stand in der Halle, unterhielt sich mit den Spielerinnen, gab Ratschläge. „Ich habe ihnen gesagt, dass Basketball ein Teil ihrer Plattform sei. Dass sie spielen und zugleich protestieren können. Aber sie haben entschieden, nicht zu spielen. Wir unterstützen die Entscheidung uneingeschränkt.“

Protest gegen Polizeigewalt in den USA: MLB, MLS, Osaka - alle ziehen nach

Nur wenige Stunden später zog die ehemalige Tennis-Weltranglistenerste Naomi Osaka nach und kündigte vor ihrem Halbfinalmatch bei den Western & Southern Open in New York gegen die Belgierin Elise Mertens ihren Rückzug an. „Als schwarze Frau habe ich das Gefühl, dass es viel wichtigere Dinge gibt, die sofortige Aufmerksamkeit erfordern, als mir beim Tennisspielen zuzuschauen“, sagte Osaka. Für Donnerstag wurden zunächst alle Partien bei der Generalprobe für die US Open abgesagt.

Die Brewers, das MLB-Team aus dem rund 55 Kilometer nördlich von Kenosha gelegenen Milwaukee, taten es den Bucks gleich und weigerten sich, gegen die Cincinnati Reds zu spielen. Danach wurden drei weitere Spiele verschoben. First Baseman der Brewers, Ryan Braun, erklärte: „Ab einem bestimmten Punkt sind Aktionen lauter als Worte.“

Auch die Profifußball-Liga MLS schloss sich den drastischen Maßnahmen an: Fünf der sechs angesetzten Partien wurden abgesagt. Lediglich die Eishockey-Liga NHL spielte weiter. Dafür hagelte es in den sozialen Netzwerken reichlich Kritik.

Obama lobt US-Sport für Protest gegen Polizeigewalt

Die Sportler zeigten sich geschockt von den Bildern aus Kenosha vom vergangenen Wochenende. Blake soll sich seiner Verhaftung widersetzt haben und versuchte gerade, in sein Auto zu steigen, als ihn die Schüsse in den Rücken trafen. In dem Fahrzeug befanden sich nach Angaben seines Anwalts drei seiner Söhne im Alter von drei, fünf und acht Jahren.

Betroffen und erschüttert zeigte sich auch der ehemalige US-Präsident Barack Obama, der die Spieler lobte, „die für das einstehen, woran sie glauben. Alle unsere Institutionen werden unsere Werte verteidigen müssen“, fügte der 59-Jährige auf Twitter hinzu. Die Profisportler scheinen ihre Plattform jedenfalls zu nutzen. (mit sid)

Rubriklistenbild: © Kevin C. Cox

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