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Der letzte Gang im Amt: Reinhard Grindel auf den Stufen zu seinem ehemaligen Büro im DFB.

Das jähe Ende einer Karriere

Plötzlich ein Schattenmann

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Vor einem Jahr musste Reinhard Grindel als DFB-Präsident zurücktreten, er ärgert sich mächtig über sich selbst, fühlt sich aber auch unverstanden.

Manchmal, wenn er mal wieder in seiner Heimatstadt Hamburg unterwegs ist, setzt sich Reinhard Grindel an einen kleinen Tisch im Café Funk-Eck. Die Leute schauen dann schon mal etwas genauer hin. Sie kennen diesen hochgewachsenen Mann, es dauert nur ein bisschen, bis sie sich erinnern. Bis vor einem Jahr war der, der da in der Ecke hockt und sich einen Apfelkuchen und ein Kännchen Kaffee bestellt, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. Reinhard Grindel ist jetzt 58 Jahre alt und hadert mit dem, wie es gekommen ist. Im Café Funk-Eck, das es seit sechs Jahrzehnten an dieser Stelle gibt, hat er schon als kleiner Junge mit der Mutter gesessen, nebenan in der Werderstraße ist er aufgewachsen, gegenüber auf dem einstigen Sportplatz an der Rothenbaumchaussee hat er Uwe Seeler zugejubelt. Das kleine Stadion gibt es seit Mitte der 1990-er Jahre nicht mehr. Abgeschlossene Vergangenheit, wie die fast dreijährige Amtszeit des Reinhard Grindel.

Kampf um Anerkennung

Der vormalige CDU-Bundestagsabgeordnete war im November 2015, wenige Tage nach dem Terroranschlag während des Länderspiels Frankreich gegen Deutschland, bei einer DFB-Sitzung in einem Hotel in Hannover als einziger Nachfolgekandidat für den kurz zuvor zurückgetretenen Wolfgang Niersbach benannt worden. Die Profiklubs waren nicht beigeistert über den Norddeutschen aus Rotenburg an der Wümme, der, anders als Niersbach, so gar keinen Stallgeruch verbreitetete.

Der verzweifelte Kampf um Anerkennung hat Grindel seitdem begleitet. Er wollte gemocht werden, aber er hat es den Mitarbeitern nicht immer leicht gemacht, ihn zu mögen. Dafür war er oft zu fordernd, mitunter gar zu ruppig. Und er war ungeheuer fleißig, hat angeschoben und gezogen, hat sich in alle Themen tief eingegraben, mitunter zu tief, ist von einem Termin zum nächsten gehetzt, hat das Scheinwerferlicht ebenso genossen wie den kleinen Auftritt auf dem Sportplatz nebenan, nur selten war er mal daheim bei der Frau und dem kleinen Sohn – und hat dabei verpasst, sich auch mal zurückzulehnen und zu erspüren, wie er sich immer mehr isolierte. Die hohen Ämter in Uefa-Exko und Fifa-Council hat er angenommen, er wollte und sollte mitreden und hat sich manchmal sogar getraut, dem machtvollen Fifa-Präsidenten auch mal Widerspruch zu schenken.

Gerade nach der WM-Affäre hat der vorherige Schatzmeister den DFB und am liebsten gleich den ganzen Weltfußball auf Transparenz und Wahrhaftigkeit trimmen wollen. „Good governance“ gehörte zu seinen Lieblingsvokabeln. Umso spektakulärer, dass Grindel ausgerechnet dann endgültig aufgeben musste, nachdem er der Annahme einer wertvollen Uhr als Geburtstagsgeschenk eines ukrainischen Funktionärs überführt worden war. Er hätte es als unhöflich empfunden, das gute Stück abzulehnen, hat es aber verpasst, die Annahme zeitig im DFB anzuzeigen. Eine Dummheit, die er sich niemals verzeihen wird.

Ein halbes Jahr zuvor, als der DFB sich in der Bewerbung um die EM 2024 gegen die Türkei durchsetzte, hatte sich Grindel noch auf dem Lebensweg zum Lebenswerk gewähnt, überwunden schienen die Abgründe der „Özil-Affäre“ des verpatzten WM-Sommers 2018. Endlich schien die Präsidentschaft sich zu stabilisieren. Doch die gute Zeit währte nur kurz.

Einsam auf der Tribüne

Die pflichtgemäßen Einladungen zu Länderspielen, die der DFB für ehemalige Präsidenten ausspricht, hat er seit seinem Rückzug regelmäßig angenommen. Man sieht ihn dann auf der Ehrentribüne, nicht immer in Gesellschaft, manche grüßen noch, andere sehen weg und drehen ab. Selbst zum Wahltag seines Nachfolgers ist er im Spätherbst ins Frankfurter Kongresszentrum gekommen. In einer Rede wurde sein Name kurz erwähnt, es gab seichten Beifall, er saß aufrecht am Rand seiner Reihe, der Platz neben ihm war frei.

Eine Rückkehr in den Bundestag oder zum ZDF bleibt Reinhard Grindel versagt. Wahrscheinlich hat er dieses ganze Jahr gebraucht, um wieder Boden unter den Füßen zu erspüren und sich daranzumachen, wieder eine Arbeit zu finden. Er bringt den Jungen jetzt öfters zur Schule oder zum Sport. Er sieht gerade aus wie jemand, der aus seinen Fehlern gelernt haben könnte. Aber auch wie jemand, der sich unverstanden fühlt.

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