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Am Felsen ist er in seinem Element: Alex Megos. 

Kletterer Alex Megos

Der Perfektionist ohne Limits

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Alex Megos gilt als einer der besten Felsenkletterer der Welt. In Tokio wird er bei der Premiere des „Olympic Combined“ an den Start gehen - in der Halle.

Es ist der 24. März 2013, der das Leben von Alex Megos auf einen Schlag verändert. Der Erlanger ist zum Kletterurlaub in Spanien – genauer gesagt in Siruana, ein kleiner Urlaubsort in der katalanischen Provinz Tarragona. Der damals 19-Jährige sitzt an jenem Morgen vor seinem Zelt auf einem Campingplatz und frühstückt. Zu dem Zeitpunkt ahnt er noch nicht, dass er in wenigen Stunden das Gesprächsthema der Kletterwelt sein wird.

Ein Freund, der ihm eigentlich eine Tour am Felsen zeigen wollte, versetzt ihn. Megos entscheidet sich daher kurzerhand dazu in eine andere Route einzusteigen und klettert diese onsight. Onsight bedeutet, dass der Kletterer im Vorfeld keine Informationen über die Route hatte, diese somit zum ersten Mal begeht und von außen keine Griffe angesagt werden dürfen. Megos schafft es im ersten Versuch und bezwingt die berüchtigte „Estado Critico“. Ihm gelingt als Erstem eine Onsight-Begehung mit dem französischen Schwierigkeitsgrad 9a.

Das ist so, als würde man im WM-Finale das entscheidende Tor nach einem Sololauf über den gesamten Platz erzielen. Megos hat Kletter-Sportgeschichte geschrieben – und das mit 19. Andere Sportler bemerken ihn und geben dem Campingbesitzer Bescheid. „Er hat dann anscheinend sämtliche spanische Klettermagazine alarmiert. Als der erste Fotograf auftauchte, bin ich erst mal noch zu meinem Zelt zurückgelaufen und habe mir eine andere Hose angezogen – damit ich auf den Bildern auch vernünftig aussehe“, erzählt der heute 26-Jährige.

Die Begeisterung für den Extremsport vermittelt ihm sein Vater Jorge schon früh. Dieser nahm während seiner Zeit an der Uni an einem Kurs mit der – schon 1992 bei einem Autounfall verunglückten – Bergsteigerlegende Wolfgang Güllich teil. Die Familienausflüge führen anschließend in die Fränkische Schweiz – ein Kletterparadies direkt vor der Haustüre. Bereits im Alter von sechs Jahren startet Megos junior die ersten Touren mit seinem Vater im Frankenjura. Mit zwölf fängt er an mehrmals die Woche zu trainieren, mit 19 gehört er zur Elite des Felskletterns. Jener Tag im spanischen Klettergebiet Siruana ändert für Megos vieles. Eigentlich hatte er sich nach dem Abitur 2012 vorgenommen, ein freies Jahr für das Klettern zu nehmen und anschließend zu studieren.

Die Sponsoren, die nach der Begehung von „Estado Critico“ auf ihn aufmerksam werden, finanzieren ihm ein weiteres freies Jahr. Es dauert nicht mehr lange, bis er von den Geldgebern leben kann. Megos wusste ohnehin noch nicht, was er studieren soll. „Durch die finanzielle Unterstützung kann ich seitdem das ganze Jahr über meiner großen Leidenschaft, dem Klettern, nachgehen. Das ist ein großer Luxus“, sagt der Erlanger. Megos ist ein absoluter Ausnahmesportler. Neben seinen körperlichen Voraussetzungen – 1,70 Meter, drahtig, leicht (um die 60 Kilo) und sehnig – kann er sich am Fels auf seine Intuition verlassen.

Es entsteht eine vierteilige Dokureihe über den Kletterer – „Die Alex-Megos-Formel“. „Was ist dein verdammtes Geheimnis, Alex?“ raunt die Erzählerstimme im Intro. Megos lässt beim Klettern keine Ausreden – nasser Felsen, extrem hohe Temperaturen, ein getapter Finger nach einer Verletzung – gelten: „Der Grund, warum man scheitert, ist letztendlich einfach nur, dass man zu schwach war.“

Es sind spektakuläre Bilder, wenn Megos in enormer Höhe am Felsen hängt. Im August 2013 klettert er die schwierigste Route Australiens. 2014 folgt die Route Fly im Berner Oberland in den Schweizer Alpen. 2015 bezwingt er die „Supernova“ in der fränkischen Schweiz, eine waghalsigere Begehung gab es in Deutschland bislang nicht. Megos festigt seinen Platz in der Elite des Felskletterns durch die hohe Anzahl der extremen Expeditionen, die er meistert. Gemeinsam mit den erfahrenen Adam Ondra und Chris Sharma gehört er zu den Besten seiner Zunft.

Am Felsen – der Urform des Kletterns – spielt das Leiden aber eine ebenso große Rolle wie die Erfolge. Nach den Routen sind die Finger von Megos meist blutig und zerschunden, die Haut abgepellt von den schroffen Wänden. Ringbandrisse, Sehnenscheidenentzündungen oder auch Fingergelenkschwellungen gehören zum Alltag. Morgens, nach einer anstrengenden Begehung am Vortag, kann sich Megos meist kaum bewegen. Es ist ein stechender Schmerz, der durch den ganzen Körper fährt.

Doch spätestens wenn er wieder an den Felsen in Valle de los Condores (Chile), Saint-Léger du Ventoux (Frankreich) oder auch New River Gorge (West Virginia) hängt, ist die Anstrengung vergessen. Das Gefühl, nur mit einem Seil gesichert, auf über 2000 Metern Höhe seiner Passion nachzugehen, entschädigt Megos für die Strapazen.

Der Erlanger reist nahezu das ganze Jahr über, lernt neue Länder und Sportparadiese kennen. Die Route Perfecto Mundo, eine Felsformation im spanischen Margalef – ebenfalls in der Provinz Tarragona – vergleicht der Kletterer beispielsweise mit einem „Amphitheater“. Ein Amphitheater, in dem er für das Spektakel sorgt: Dem 26-jährigen gelingt 2018 die Erstbegehung von Perfecto Mundo, die den Schwierigkeitsgrad 9b+ aufweist. Zur Einordnung: Nur zwei weitere Bergsportler konnten jemals eine Route auf diesem Niveau klettern: Ondra und Sharma. Megos verbringt drei Wochen in Margalef. Jeden Tag klettert er an der Steilwand. Immer wieder scheitert er: „Ich stand so unter Strom, dass ich andere Leute nicht mehr ertragen habe.“

Doch auch nach solchen Fehlschlägen bleibt Megos fokussiert und arbeitet akribisch. Jede Bewegung, jeder Griff wird genau festgehalten und beim nächsten Versuch verbessert. Auf diese Weise hat er dann auch sein bisher schwierigstes Projekt in Margalef gemeistert. 2500 Routen hat er bislang dokumentiert, die mindestens einen Schwierigkeitsgrad von 8a hatten. Insgesamt hat er wohl über 10 000 Routen bestiegen. Der Athlet trainiert jeden Tag – 20 bis 30 Stunden sind es in der Woche. Ruhetage gibt es nicht.

Doch ist es vor allem Eines, das wichtig ist: „Das Mentale bedeutet alles“, sagt Megos. Er strebt einen Zustand an, der ihn sich selbst übertreffen lässt: „Im Idealfall funktioniert der Körper einfach und der Kopf bekommt gar nichts mehr mit. Ich hatte Wettkämpfe vor tausenden von Leuten, die mich angefeuert haben. Aber für mich war es in dem Moment mucksmäuschenstill. Ich habe überhaupt nichts mehr von außen wahrgenommen.“

2017 bietet der Deutsche Alpenverein (DAV) Megos eine neue Herausforderung. Er erhält die Chance, sich für das Format „Olympic Combined“, das in Tokio 2020 seine Premiere feiern wird, zu qualifizieren: „Mir wurde der Einstieg vom Verband so einfach wie möglich gemacht. Olympia möchte jeder Sportler mal erleben. Ich wusste, dass ich solche eine Chance nie wieder bekomme“. Das Format vereint drei Varianten des Hallenkletterns: Speed, Bouldern und Lead. Von der Urform des Bergsports am Felsen zum Wettkampfklettern in der Halle – zwei völlig konträre Welten.

Doch Megos findet sich auch in der neuen Welt zurecht. Auch wenn die Umstellung „brutal und extrem fordernd“ ist. Der Erlanger geht einen Poker mit Karten ein, die er teils gar nicht kennt. Die Disziplin Speed, bei der es um Schnelligkeit und nicht um eine möglichst schwere Route geht, muss er komplett neu erlernen. Die Koordination spielt beim Bouldern eine extrem große Rolle. Das Wagnis zahlt sich aus: Im August 2019 gewinnt er bei der Kletter-WM in Japan die Silbermedaille im Lead und qualifiziert sich für Tokio: „Es war unglaublich. In dem Moment wusste ich, dass sich das Risiko, das ich eingegangen bin, gelohnt hat.“

Derzeit findet man Megos also hauptsächlich in Boulderhallen. Auch wenn er hin und wieder „einen Tag am Felsen einstreut“, ganz ohne geht es dann doch nicht. Zunächst rufen also die Olympischen Spiele, bei denen der Erlanger als deutsche Medaillenhoffnung gilt. Doch dann warten die Berge schon wieder. Megos sagt: „Perfecto Mundo war noch nicht mein Limit.“

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