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„Grundsätzlich: Ich will so viele Rennen gewinnen wie möglich“: Pascal Ackermann.

Radsport

„Wir wissen immer noch nicht, wie es weitergeht“

  • vonArmin Gibis
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Sprinter Pascal Ackermann über Radsport in Corona-Zeiten, seine großen Ziele in der erstmals bis November dauernden Saison und seine Tour-de-France-Pläne.

Herr Ackermann, was war denn größer: Die Freude über die zwei Etappensiege bei der Sibiu-Tour oder die Erleichterung, dass es nach der langen Corona-Pause endlich wieder losging?

Am wichtigsten war mir, dass es endlich wieder losging. Das war definitiv mehr wert als die Siege.

Was war denn am schwierigsten für Sie während der langen Zwangspause?

Anfangs hat die Motivation im Training gefehlt, weil wir kein Ziel hatten. Aber das änderte sich bald. Wir wussten: Im Juli ist Trainingslager – und danach werden wieder die ersten Rennen gestartet. Mit dieser Perspektive war es wieder okay, damit trainierte es sich leichter. Außerdem half mir, dass ich mit einer coole Trainingsgruppe unterwegs war. Ich wohne ja im gleichen Dorf wie meine Kollegen Michael Schwarzmann und Rüdiger Selig. Die beiden sind auch in den Rennen meine Sprinthelfer. Im Team hatten wir Abwechslung. Zu dritt konnten wir besser das Trainingsniveau hochhalten und uns noch extrem weiterentwickeln.

Wie groß war den die grundsätzliche Verunsicherung nach dem Saisonstopp? Man wusste zunächst ja nicht, wie es weitergeht im Profi-Radsport. Es gab eine Reihe von Rennställen, deren Existenz bedroht zu sein schien.

Am Anfang war natürlich eine Ungewissheit da. Klar. Aber dann kam von unserer Teamleitung schnell die Nachricht, dass es keine finanziellen Kürzungen gibt. Somit konnten wir relativ entspannt rangehen und haben ganz normal weitertrainiert.

In einem normalen Radsportjahr wären zum jetzigen Zeitpunkt die meisten großen Rennen schon gefahren: Tour de France, der Giro d’Italia, die Klassiker. Doch diesmal geht es jetzt erst richtig los. Mit welchen Gefühlen geht man nun in die um vier Monate verschobene Hauptsaison?

Es ist natürlich eine komplett ungewohnte Situation. Wir wissen ja immer noch nicht genau, wie es weitergeht und ob die nun geplanten Rennen auch tatsächlich alle stattfinden können. Wir leben momentan weiter von Woche zu Woche. Wir haben zum Beispiel gehört, dass in Belgien noch einige Eintagesrennen abgesagt werden. Und hart wird es für uns vor allem im November, wenn die Spanien-Rundfahrt ausgetragen wird (die Vuelta dauert vom 20. Oktober bis 8. November; Anm. d. Red.). Um diese Zeit ist normalerweise die Saison vorüber und als Radprofi liegt man da schon am Strand. Aber der November-Urlaub fällt für uns in diesem Jahr komplett aus.

Die Rennen in Rumänien waren die Ihre ersten unter Corona-Vorzeichen. Was gab es denn für Schutzmaßnahmen?

Wir haben uns nur noch in den sogenannten Blasen bewegt, wir durften nur mit Teamkollegen unterwegs sein, hielten uns ansonsten im Hotel auf. Wir durften keine Kontakte mit den Zuschauern haben, mussten unsere eigenen Stifte haben, um uns in die Starterliste einzuschreiben. Sobald wir den Teambus verließen, mussten wir Mundschutz tragen. Alles in allem war es aber keine große Umstellung. Wir mussten uns ja schon im Training an strenge Schutzmaßnahmen halten.

Sind Sie vor der Sibiu-Tour schon mal in Rumänien gefahren?

Zur Person Pascal Ackermann feierte bei seinem Neustart in die Radsaison zwei Siege in Rumänien. Ein erster Formbeweis nach fast vier Monaten Wettkampfpause. Eine Quarantäne war für den derzeit schnellsten deutschen Sprinter nach seiner Rückkehr aus den Karpaten nicht notwendig. Am 5. August geht es für den 26 Jahre alten Profi vom Raublinger Bora-hansgrohe-Team bei der Polen-Rundfahrt weiter. Im vergangenen Jahr gewann Ackermann unter anderem den deutschen Frühjahrsklassiker Eschborn - Frankfurt. FR Das war das erste Mal.

Und wie war’s?

Schön. Ich war überrascht. Vorher hatte ich gedacht: Eine kleine Rundfahrt in Rumänien? Das kann eigentlich nicht sein. Allein schon wegen der schlechten Straßen. Aber das war ein top organisiertes Rennen. Auch die Wettkampfbedingungen samt Straßen waren gut.

Herrschte nach der langen Pause nicht große Nervosität im Fahrerfeld?

Wir hatten das Glück, dass wir die stärkste Mannschaft hatten und sich alle an uns orientierten. Von daher hatten wir relativ große Bewegungsfreiheit. Wir waren so überlegen, dass wir das Rennen so gestalten konnten, dass wir immer sicher unterwegs waren. Wir sind also im Rennen immer an der Spitze gefahren, so dass wir Stürze vermeiden konnten. Man merkte auch, dass das Niveau bei jedem momentan sehr hoch ist, weil wir so viel Zeit hatten zu trainieren. Da ist jeder frischer.

Einen Ihrer Teamkollegen hat es trotzdem erwischt: Rüdiger Selig prallte mit einem Auto zusammen.

Es war sein Fehler. Das muss man so klar sagen. Das Auto stand zwar nicht ganz günstig, aber das Problem war, dass Rüdiger nach hinten geschaut hat. Deswegen ist er in die falsche Richtung und auf das Auto gefahren. Aber ihm ist glücklicherweise nicht viel passiert. Ein paar Schürfwunden, ein geprellter Ellenbogen. Schon auf den folgenden Etappen hat er wieder einen Mega-Job gemacht.

Es liegen nun noch knapp dreieinhalb Monate Rennsaison vor Ihnen. Was ist noch drin? Wie sind Ihre Ziele?

Grundsätzlich: Ich will so viele Rennen gewinnen wie möglich. Mein Hauptziel ist die Spanien-Rundfahrt, die Vuelta. Dort will ich zwei, drei Etappensiege holen.

Für die die diesjährige Tour de France sind Sie ja nicht nominiert worden. Schmerzt das noch?

Ich wäre natürlich gern in Frankreich mitgefahren. Aber in diesem Jahr hätte das keinen Sinn gemacht. Die Strecke ist nichts für Sprintspezialisten. Das wird eine Tour für Bergfahrer. Außerdem weiß ich, dass ich nächstes Jahr bei der Tour de France dabei sein werde – egal wie der Kurs beschaffen sein wird. Somit bin ich in dieser Hinsicht ziemlich gelassen. Ich sehe dieses Jahr auch als Vorbereitung für die Tour 2021. Die Vuelta wird nach dem Giro meine zweite große Rundfahrt sein. Dann weiß ich noch besser, wie sich das anfühlt, drei Wochen am Stück zu fahren. Auch so gesehen bin ich ganz froh, dass ich erst nächstes Jahr mein Tour-Debüt gebe.

Interview: Armin Gibis

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