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Palästinas Helden

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Von: Inge Günther

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Ein Palästinenser schwenkt eine marokkanische Flagge während einer Live-Übertragung.
Ein Palästinenser schwenkt eine marokkanische Flagge während einer Live-Übertragung. © dpa

Die marokkanischen Fußballer erobern die Herzen vieler Fans auch in Jerusalem. Doch die in Katar zelebrierte palästinensisch-marokkanische Freundschaft passt nicht ins israelische Konzept.

Das Spiel ist gelaufen, der Traum vom unaufhaltsamen Aufstieg der Marokkaner in der WM-Spitzenklasse ist aus, nach der 0:2-Niederlage gegen Frankreich (siehe auch Artikel rechts und Kommentar). Für die palästinensischen Fans der „Atlas-Löwen“ ist es trotzdem Ehrensache, noch mal ihre Favoriten zu feiern. Aus den offenen Wagenfenstern wehen jede Menge Wimpel und Fahnen in Rot mit grünem Stern, den marokkanischen Nationalfarben, als sich nach dem Abpfiff ein spontaner Autokorso hupend in Richtung Jerusalemer Damaskustor schiebt. Die Spieler Marokkos bleiben die Helden palästinensischer Herzen.

Die israelische Polizei verfolgt das Geschehen gespannt. Sie ist mit massivem Aufgebot samt Wasserwerfer vor der Altstadt präsent, um die Menge herbeiströmender Jungs in Schach zu halten. Gleich eingegriffen hat sie auch, als einige noch vor Spielbeginn eine riesige Marokko-Flagge von einem Mauerturm nahe dem Damaskustor baumeln ließen.

Israel legt zwar großen Wert auf freundschaftliche Beziehungen zu dem nordafrikanischen Land, mit dem es vor zwei Jahren ein Normalisierungsabkommen geschlossen hat. Auch haben nicht wenige Israelis – vor allem die Misrahim, die orientalischen Juden, deren Familien in den fünfziger Jahren aus Marokko eingewandert sind – selber den Sieg über Portugal und damit den Einzug des ersten arabischen Teams ins Viertelfinale bejubelt. Aber die in Katar zelebrierte palästinensisch-marokkanische Freundschaft passt nicht ins israelische Konzept.

Eine Verbrüderung, die in Palästina als Lichtblick in politisch aussichtslosen Zeiten für kollektive Hochstimmung sorgt. „Wir sind für Marokko, sein Team ist unser Team, ob es gewinnt oder verliert“, meint Hamsa, ein Mittdreißiger aus dem moslemischen Altstadtviertel.

Da führten die Franzosen bereits mit 1:0. Umso mehr feuerten er und seine Kumpane vor der Mattscheibe im dichtgedrängten Wohnzimmer bei marokkanischem Tee die Rotgrünen zu einem Ausgleichstreffer an. „Was immer sie erreichen“, fügt Hamsa hinzu, „macht uns stolz. Heute Abend ist eine Freude und davon haben wir Palästinenser nicht viel.“

Gesänge und Wasserpfeifen

Szenenwechsel zur Halbzeitpause, ab ins Café Mihbash, angesagter Treffpunkt der arabischen Jugend. Dort herrscht eine Stimmung wie im Stadion, mit allem, was dazu gehört, samt Sprechchören, Gesängen und Trommelschlagen, sobald marokkanische Spieler sich dem gegnerischen Netz nähern. Doch dann glückt den Blauen das zweite Tor, die Gesichter hinter den Wasserpfeifen werden länger, ein paar französische Mädchen kreischen entzückt „Allez les Bleus“. Auch ihnen wird ein Trommelwirbel gespendet.

Nein, enttäuscht sei sie nicht, sondern glücklich, dass Marokko es überhaupt so weit gebracht habe, sagt Arda, eine armenisch-palästinensische Jerusalemerin, als das Spiel vorbei ist. „Nach dem Sieg über Portugal ist doch alles ein Bonus“, findet sie. Ein älterer Herr steuert noch einen Trost bei. „Wir haben die Goldenen Vier erreicht, der dritte Platz ist immer noch drin.“ Das wird wohl noch mal ein Fest in Palästina, beim kleinen Finale Marokko gegen Kroatien.

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