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Sollen im Gastgeberland die Stimmung drehen: Japans Judoka, hier Uta Abe nach dem Gewinn der Goldmedaille.
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Sollen im Gastgeberland die Stimmung drehen: Japans Judoka, hier Uta Abe nach dem Gewinn der Goldmedaille.

Olympische Spiele

Olympia 2021: Goldregen für den Gastgeber - Japan setzt auf Judo

  • VonFelix Lill
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Judo könnte in Japan dafür sorgen, dass doch ein Funke Begeisterung für Olympia überspringt.

Tokio - Entscheidend werden die Ruhephasen sein“, mahnt ein Experte im Anzug, der früher selbst auf der Matte stand. „Technisch gehören unsere Athleten sowieso zu den besten. Sie müssen nur im richtigen Moment fit sein.“ In einem Nudelrestaurant im Tokioter Ortsteil Shinjuku, wo diese Diskussion zur sportlichen Lage der Nation um die Mittagszeit auf einem Großbildfernseher läuft, horcht die Betreiberin plötzlich auf. Eben war sie noch gegen die Spiele. Zu gefährlich in der Pandemie, zu seelenlos vor leeren Rängen. Aber jetzt: „Ah! Dann hoffe ich, dass unsere Sportler jetzt gut ausgeschlafen sind!“

So ähnlich geht es im Gastgeberland vielen Menschen. Bei den kontroversen olympischen Spielen, die die Mehrheit in Japan lieber abgesagt hätte, ist Judo der Sport, durch den ein Funke überspringen könnte, der doch noch für Stimmung sorgt. Seit Samstag laufen die Wettkämpfe in diesem Sport, der international so sehr mit Japan in Verbindung gebracht wird wie kein anderer. Und im überwiegend patriotischen Japan begeistert es, wenn die Hausdamen und -herren hier die nationale Ehre verteidigen.

Von 15 Goldmedaillen im Judo könnte Japan bei Olympia mehr als die Hälfte gewinnen

Zumindest die Expert:innen in Japan sind davon ausgegangen, dass dies gelingen würde. Der Kampfsport Judo ist schließlich jene Disziplin, in der Japan historisch mit Abstand am meisten Medaillen gewonnen hat. Und mehrere Athlet:innen aus Japan gehören zum Favoritenkreis. An den ersten zwei Wettkampftagen haben drei von ihnen auch schon Gold gewonnen: Am Samstag siegte Naohisa Takato in der Gewichtsklasse bis 60kg. Sonntag dann holten die Geschwister Uta (Frauen, -52kg) und Hifumi (Männer, -66kg) jeweils Gold. Am Montag tat es ihr Landsmann Shohei Ono (Männer, -73kg) ihnen gleich.

Von den 15 Goldmedaillen, die seit Samstag über acht Tage vergeben werden, könnte Japan mehr als die Hälfte gewinnen, schätzt man in der Gastgebernation. Denn auch wenn die Welt längst zum Ursprungsland des Judo aufgeholt hat, gibt es hier doch Strukturen, die man wohl nirgendwo sonst vorfindet. Fast jedes Mädchen und jeder Junge hat Judo mal als Kind ausprobiert. Und schnell wird aus einem Reinschnuppern dann strenger Drill.

Olympia 2021: Japanische Kampfsportarten - Judo stammt von JiuJitsu ab

„Du stehst nicht richtig!“, wird ein Schüler zurechtgewiesen. „Mach’ erstmal eine richtige Verbeugung!“ Die Hierarchien im Judo sind steil, man spricht nicht von Kämpfern und Trainern, sondern von Schüler:innen und Lehrer:innen. Letztere haben Verantwortung über den Erfolg im Kampf hinaus. Erst wenn sich Nachwuchsathlet:innen nach scheinbar endlosen Wiederholungen ein anspruchsvolles Grundgerüst an Verhaltensweisen antrainiert haben, werden die Kräfte mit Gegner:innen gemessen.

Wie mehrere andere der japanischen Kampfsportarten stammt Judo von Jiujitsu ab. Im 17. Jahrhundert, als das Land eine schließlich 250 Jahre währende Isolationsperiode ohne viel Austausch mit dem Rest der Welt erlebt hatte, blühten diverse Kulturpraktiken auf, die heute als traditionell japanisch gelten. Darunter auch Jiujitsu, eine Kampfkunst, die die Samurai nutzten, wenn sie ihre Waffen verloren hatten. Der Name übersetzt sich mit „weiche Technik.“ Die Grundidee, die den Idealen der Samurai entspricht: Nachgeben, um zu gewinnen.

Medaillenhoffnung bei Olympia für Japan: Im Judo geht es nicht um Kraft, sondern um Technik

Meister der Technik entwickeln hieraus im 19. und frühen 20. Jahrhundert neue Disziplinen, allen voran Judo und Aikido. Das Prinzip ist hier das gleiche. Es geht nicht um Kraft, sondern um Technik. Nicht um Schläge, sondern um das Umleiten von Energie. Vor allem Judo machte schnell seinen Weg durch die japanischen Institutionen. Ähnlich wie in Europa das Turnen wurde es zu einer Art Ertüchtigungssport, der in Schulen gelehrt wurde. Heute wählen Schüler:innen oft zwischen Aikido oder Judo, der Schlagstocktechnik Kendo oder der Bogenschießkunst Kyudo. Für Polizisten geht das Lernen in der Ausbildung weiter – hier ist es meist Judo.

Olympisch ist die wohl bekannteste japanische Kampftechnik seit 1964, als Tokio erstmals die Sommerspiele veranstaltete. Ihr Stellenwert bei den Spielen in diesem Sommer dürfte von keinem Sport übertroffen werden. Denn auch wenn Judo in Japan nicht annähernd der populärste Zuschauersport ist, kennt ihn doch jeder aus eigener Erfahrung.

Judo steckt in einer Krise, alleine in Japan kam es seit 1983 zu 121 Todesfällen im Judounterricht

Allerdings steckt der Sport seit längerem in einer Krise. Die Tugenden des harten Trainings und Befolgens eines strengen Protokolls ist über die vergangenen Jahrzehnte immer wieder zu weit gegangen. Wer im Training den Lehrer nicht überzeugt, wird nicht selten misshandelt oder zu Strafaufgaben verdonnert. Die japanische Opfervereinigung von Judounfällen dokumentiert zwischen 1983 und 2016, dass es zu 121 Todesfällen im Judounterricht gekommen ist. Die NGO Human Rights Watch berichtete zuletzt, dass in Japan der Missbrauch als Strafe auch anderen Sportarten nicht fremd ist.

SportartJudo
Wettbewerbe15
Erstmals olympisch1964 (Tokio)
Erstmals olympisch (Frauen)1992 (Barcelona)

Yasuhiro Yamashita, Judo-Goldmedaillengewinner 1984 in Los Angeles und Vorsitzender des Japanischen Olympischen Komitees, sieht seinen Sport deshalb in Gefahr. Der Nachrichtenagentur AP sagte der höchste Sportfunktionär des Landes im vergangenen Jahr: „Es ist wirklich unangenehm, dass Judo nun wie ein gefährlicher Sport aussieht. Die japanische Judoszene muss das sehr ernstnehmen.“

Denn eigentlich hat sich Judo schon vor Jahrzehnten von einer potenziell gefährlichen Technik wegentwickelt. Mit der Aufnahme ins olympische Programm wurden diverse Griffe, bei denen die Verletzungsgefahr zu hoch schien, verboten. Traditionalisten des Judo kritisieren daher, die Technik habe ihren Charakter verloren. Aber für ein paar Goldmedaillen lassen sich die meisten Zuschauer trotzdem erwärmen. Am Samstag und Sonntag sprach man in Tokio jedenfalls vor allem von Judo. (Felix Lill)

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