Wollten in Tokio um Medaillen schwimmen: Florian Wellbrock und seine Freundin Sarah Köhler. dpa
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Wollten in Tokio um Medaillen schwimmen: Florian Wellbrock und seine Freundin Sarah Köhler. 

Auswirkung

Olympia im Nacken

  • vonSebastian Harfst
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  • Stefan Döring
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Die Sportler haben alles auf diesen einen Moment ausgerichtet - für sie ist die Verschiebung der Spiele in Tokio fatal.

Ein letzter kleiner Wettkampf in Magdeburg noch, dann geht es in den Urlaub. Wohlverdient? Sicherlich, doch für Sarah Köhler und ihren Lebenspartner Florian Wellbrock nur ein schwacher Trost für Entgangenes.

Eigentlich hatte das Sportlerpaar in diesen Tagen etwas anderes vor. Auf dem Höhepunkt ihres vierjährigen Trainingszyklus wollten die beiden Athleten über olympische Medaillen jubeln. Die Quälerei der vergangenen Jahre sollte sich für die Weltklasseschwimmer endlich auszahlen, all die einsamen Stunden im Becken sollten mit Edelmetall belohnt und vom olympischen Flair in Tokio abgerundet werden. „Olympische Spiele machen für mich aus, dass ich Athleten anderer Sportarten kennenlernen kann“, sagt Köhler über die Faszination Olympia. „Das Miteinander im Olympischen Dorf und die Zeit nach den Wettkämpfen sind schön.“

Corona macht diese Pläne zumindest für dieses Jahr unmöglich. Statt im Becken des „Tokyo Aquatics Centre“ vor Tausenden Zuschauern aus der ganzen Welt um Medaillen zu kämpfen, statt sich mit Athleten aus der ganzen Welt auszutauschen, geht das Sportlerpaar auf Deutschland-Tour. Verwandtenbesuch, wie Köhler sagt.

Heute hätten die Olympischen Spiele in Japan eröffnet werden sollen. Sie waren das Ziel, auf das Köhler und Wellbrock so lange hingearbeitet hatten. Die Bilder wären um die Welt gegangen, wenn die deutsche Topschwimmerin mit Hunderten anderen Athletinnen und Athleten durch das Olympiastadion von Tokio marschiert wäre. Vielleicht wäre die 26-Jährige sogar Hand in Hand mit Wellbrock über die Bahn gelaufen, auf der Tage später ein Nachfolger für Leichtathletik-Star Usain Bolt im 100-Meter-Sprint hätte gefunden werden sollen. Vielleicht wäre es der Auftakt medaillenreicher Spiele für die zwei deutschen Sporthoffnungen geworden.

Was passiert mit Tokio 2021?

Doch in diesem Jahr wird es keine Olympiasieger geben, keine Olympiamedaillen für Köhler und Wellbrock, keinen Nachfolger für den einstigen Überathleten Bolt.

Die größte Sportveranstaltung der Welt verschoben – zum ersten Mal in ihrer neuzeitlichen Geschichte. Am Freitag, 23. Juli 2021, so hoffen die japanischen Veranstalter, das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die mehr als 11 000 Sportler, soll es stattdessen so weit sein. 364 Tage nach dem ursprünglich geplanten Start. Seit Ende März steht fest, dass aus Tokio 2020 Tokio 2021 wird. Aber ob die Spiele tatsächlich stattfinden können und – wenn ja – unter welchen Bedingungen, das ist offen. Schließlich wird das Virus nicht einfach so verschwinden.

Für die Athleten aber heißt das alles auch: Werden sie ihre Form, die punktgenau für Olympia auftrainiert wurde, für ein ganzes weiteres Jahr halten können? Oder noch schlimmer: Wenn auch Tokio 2021 ausfällt – werden sie für Olympia in Paris 2024 noch fit genug, gesund genug, jung genug sein?

„Die Absage der Olympischen Spiele steht als Worst-Case-Scenario im Raum. Das wäre absolut dramatisch“, sagt der deutsche Fechter Max Hartung. Er ist Präsident des Vereins Athleten Deutschland und gilt in der Krise als Sprachrohr der deutschen Sportler. Und er ist einer, der selbst Zeichen setzt.

Als die Mächtigen rund um IOC-Präsident Thomas Bach eine Verschiebung der Spiele noch ausschlossen, kündigte der 30-Jährige bereits an, auf eine Teilnahme in diesem Jahr verzichten zu wollen. „Ich wollte mit meiner Absage für die Spiele zeigen, dass es ein Problem gibt, das alle Menschen betrifft. Wir Sportler sind Vorbilder und sollten darauf hinweisen, dass man Rücksicht nehmen muss. Gleichzeitig waren wir aber auch mitten in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele. Da passten zwei Dinge nicht zusammen“, sagt er. An eine professionelle Ausübung seines Sports sei ohnehin nicht zu denken gewesen. Ein paar Wochen später sahen das auch die Organisatoren ein und verschoben die Spiele.

Hartung, Weltmeister von 2014, bleibt bei seiner rigorosen Haltung: Ist die Pandemielage auch 2021 unüberschaubar, will er seinen olympischen Traum vorerst begraben. „Eine Absage wäre aufgrund der verpassten Momente, für die ich so lange gearbeitet habe, sehr schlimm. Wir haben so viel Leidenschaft eingebracht, um auf der großen Bühne unsere Leistungen zu zeigen. Das wäre tragisch“, sagt er zwar. Aber Olympische Spiele hätten mit coronabedingten Einschränkungen und eventuell sogar ohne Zuschauer mit seinem Verständnis vom größten Sportereignis der Welt nichts zu tun.

„Die ganze Begegnung, das Zusammenkommen mit den anderen Sportlern – das wird nicht stattfinden“, prophezeit Hartung. „2012 in London hat es mich total bewegt, dass wir vor dem Einmarsch bei der Eröffnungszeremonie nur mit einem Bauzaun von den Volunteers und Fans getrennt waren. Die haben alle ihre Hände durchgestreckt und ich habe Tausende High-Fives gegeben. Das war ein besonderer Moment für mich. In Japan wird sich das nicht wiederholen.“ Zu unsicher sei auch im kommenden Jahr die gesundheitliche Lage.

Und Olympische Spiele ohne die unmittelbare Reaktion des Publikums? Undenkbar für viele. Gerade die Sportler, die es nicht wie Fußballprofis gewöhnt sind, Woche für Woche vor ausverkauften Stadien aufzutreten, sehnen sich nach dem Highlight Olympia. Einmal als Kanute gefeiert werden – alle Sportler gieren nach Applaus für ihre hart erarbeiteten Leistungen.

Für Schwimmerin Sarah Köhler kommt ein Boykott ohnehin nicht infrage. „Wenn die Spiele stattfinden, dann wird das unter Begebenheiten sein, die verhältnismäßig sicher sind. Man ist ja nie zu 100 Prozent geschützt“, sagt sie.

Kein normales Training

In der Zwischenzeit läuft ihr Training so normal es eben geht. „Der eine kämpft damit vielleicht noch, aber mein Ziel hat sich nicht verändert. Dafür investiere ich weiterhin viel“, sagt die 26-Jährige. Zwar sei in diesem Jahr alles etwas schwieriger gewesen, weil beispielsweise an Höhentrainingslager nicht zu denken gewesen sei. Aber mit Sondergenehmigungen der Stadt Magdeburg und des Landesverwaltungsamts in Sachsen-Anhalt durfte sie wenigstens im Schwimmbecken trainieren – wie auch ihr Freund Florian Wellbrock.

Andere Sportler hatten es da schwerer. Lange mussten einige Topleichtathleten zu Hause im Garten oder im Keller trainieren, bevor sie zurück in die Stadien oder die Krafträume der Olympiastützpunkte durften. Sprinterin Gina Lückenkemper beispielsweise konnte nicht in die USA zu ihrer neuen Trainingsgruppe reisen. Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo hatte für die Olympiavorbereitung den Trainer gewechselt – und kommt nun auch nicht zu ihm in den USA.

Große Existenzängste

Die Pandemie stellt eben auch die Athleten vor riesige Herausforderungen. Sportler der Olympischen Sportarten trainieren üblicherweise im Olympiazyklus, wollen und müssen auf dem Höhepunkt ihres Schaffens sein, wenn es um die Medaillen geht. Davon hängen Förderungen durch Bund, Länder und die Deutsche Sporthilfe ab. 22 Millionen Euro aufgeteilt auf rund 4000 olympische und paralympische Athleten schüttet die Stiftung aus. Ein Spitzenathlet wie Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul kommt durch die Kombination verschiedener Fördertöpfe etwa auf 2500 Euro im Monat. Auch Sponsorenverträge lassen sich als Medaillengewinner besser aushandeln.

Das Coronavirus hat diesen Zyklus massiv durcheinandergebracht. Entsprechend groß sind die Existenzängste vieler Athleten. Wie geht es mit der Karriere weiter? Wird die Förderung weiter gezahlt? „Es gab vereinzelte finanzielle Härtefälle. Doch wir haben gute Einzellösungen gefunden“, sagt Thomas Berlemann, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Sporthilfe.

Zur Frage der Finanzen kommt der psychologische Aspekt: Einige Sportler fielen nach der Entscheidung für die Verschiebung der Spiele in ein Loch. „Viele der Gedanken, die man sich gemacht hat, sind einfach weg. Das kann man mit einer Abschlussprüfung vergleichen, auf die man sich vorbereitet, die dann aber um ein Jahr verschoben wird. Alles, was man gelernt hat, ist plötzlich erst ein Jahr später relevant. Dann muss man auch ein Jahr später alles wiederholen. So geht es uns auch“, sagt Hartung.

Für manche Athleten wirbelt die Verschiebung die ganze Lebensplanung durcheinander. Für Max Hoff beispielsweise, Kanu-Olympiasieger von 2016, sollte Tokio der krönende Abschluss seiner Karriere sein. Den Anschlussvertrag bei einem Hersteller für Nahrungsergänzungsmittel hatte der 37-Jährige bereits in der Tasche. Aus der Sportkarriere sollte eine normale Berufslaufbahn werden. Nur galt das Jobangebot für 2020, nicht für 2021.

„Da geht es um Lebensplanung und Lebensperspektive. Am Ende haben sich so gut wie alle für den Sport entschieden – auch damit die vorherigen drei Jahre harten Trainings nicht umsonst gewesen sind“, sagt Berlemann. Auch Hoff entschied sich schließlich fürs Weitermachen im Kanu und setzt auf die wacklige Perspektive Olympia 2021.

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