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Olympia-Kommentar: Verzerrte Wettbewerbe

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Von: Günter Klein

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So langsam wird’s ernst in Peking und Umgebung.
So langsam wird’s ernst in Peking und Umgebung. © dpa

Das Olympia-Modell Tokio 2020-21 wäre den Beteiligten gegenüber fairer gewesen – worum es im (olympischen) Sport ja auch an erster Stelle gehen sollte. Ein Kommentar.

Olympisches Publikum ist in der Mehrheit Laufkundschaft, es fragt nicht nach den Umständen, unter denen eine Medaille zustande gekommen ist. Gutes Beispiel: Deutsches Eishockey-Silber vor vier Jahren in Pyeongchang. Einschränkendes Argument der eingeweihten Fans dieser Sportart: Bitte nicht vergessen, dass rund tausend Spieler durch die Verweigerung der NHL gar nicht zur Verfügung standen und dieses Olympiaturnier schlechter besetzt war als das jährliche WM-Turnier. Dennoch deutschlandweite Begeisterung für die Geschichte vom Außenseiter auf eine wundersamen und wunderbaren Reise. Es war ja trotz allen Einwänden toll. Und darauf setzt Olympia eben: starke Bilder, große Gefühle. Sie sollen die Fakten besiegen.

Große Mannschaftssportarten – und im Winterprogramm gibt es eben nur das Eishockey (nicht böse sein, liebe Curling-Szene) – entwickeln eine spezielle Dynamik, sie ziehen sich zeitlich über zwei Drittel des Olympia-Rahmens, bestehen also aus einer Mehrzahl von Wettkämpfen. Da fallen Spieler mal aus, kehren aber zurück. Dadurch unterscheiden sie sich von den Einzelkonkurrenzen, die die Höchstleistung am berühmten Tag X erfordern. Und in ihnen können die Tage X minus 1, X minus 2, X minus 3 alles durcheinanderbringen. Nicht mehr die Tagesform, die Leistungsnuancen zur Folge haben kann, entscheidet mit über Podestplätze und Platzierungen, sondern die Verfügbarkeit der Athletinnen und Sportler am Tag X. Ein positiver Corona-Test ist nie willkommen, bei den Spielen in Peking aber kommt er aufgrund der harten Quarantänebedingungen grundsätzlich zur Unzeit. Die Spiele hatten noch gar nicht begonnen, da gab es schon die Meldungen von ausfallenden Favoriten: der Nordische Kombinierer Jarl Magnus Riiber, die Skispringerin Marita Kramer. Bitter für sie, weil die Arbeit aus vier Jahren nicht zum Ziel führen wird, enttäuschend auch für die Konkurrenz, denn ein Erfolg wird sich wohl etwas weniger großartig anfühlen.

Das Virus in seiner Omikron-Variante scheint unaufhaltsam zu sein, es wird nicht bei den bisher bekannten Fällen, die nach der Einreise festgestellt wurden, bleiben. Die Pandemie ist keine bösere, aber eine andere als die zur Delta-Phase vergangenen Sommer in Tokio. Sie greift tiefer ins Wettbewerbsgeschehen ein, sie wird es verzerren. Denn es ist keine Frage von Schuld oder nicht, ob man sich das Virus einfängt – es ist Schicksal. Und darum wird sich in den bevorstehenden zwei Wochen häufig die Frage stellen: Hätten Peking und das IOC nicht die Notbremse ziehen und diese Winterspiele auf 2023 verschieben sollen? Modell Tokio 2020-21. Es wäre den Beteiligten gegenüber fairer gewesen – worum es im (olympischen) Sport ja auch an erster Stelle gehen sollte.

Sollte.

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