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Olympia 2022: Wie Boykotte die Geschichte der Spiele prägen

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Von: Ronny Blaschke

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Olympia 2022 in Peking beginnt, und die Diskussionen um Boykotte dürften damit zunächst enden. Ein Blick zurück zeigt: Die Olympischen Spiele als politische Bühne zu nutzen, ist keineswegs neu.

Viele westliche Regierende werden der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele an diesem Freitag fernbleiben. Angestoßen wurde dieser „diplomatische Boykott“ von der US-Regierung. Viele ihrer wichtigsten Partner folgten, unter anderem Großbritannien, Kanada und Australien. In Deutschland aber vermeiden politische Spitzen lieber den Begriff Boykott, auch Bundeskanzler Olaf Scholz.

Diese Diskussion ist eine weitere Etappe in der langen Geschichte olympischer Boykotte. Die erste war vor den Nazispielen in Berlin 1936. Deutsche Intellektuelle, die im Exil in Frankreich lebten, gründeten ein olympiakritisches Netzwerk. In Großbritannien und Skandinavien fanden kleinere Kundgebungen statt. In den USA jedoch forderten Tausende Menschen auf Demonstrationen einen Boykott ihrer Sportler. Avery Brundage, damals Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der USA und später Präsident des IOC, setzte die US-Teilnahme in Berlin durch.

Aktivist:innen protestieren gegen Olympia 2022 in China. Auf einem Banner sind die olympischen Ringe zu sehen. Darauf steht übersetzt: „Keine Rechte, keine Spiele.“
Wegen der Menschenrechtslage in China werden die Rufe nach einem Boykott von Olympia 2022 lauter. © Martial Trezzini/dpa

Olympia 2022: Erste Boykott-Debatte vor Nazi-Spielen in Berlin

Nur Spanien blieb den Spielen in Berlin fern. Die legitime linksgerichtete Regierung plante für Juli 1936 eine „Volksolympiade“ in Barcelona, als Protest gegen den Faschismus. 6000 Athlet:innen aus 22 Ländern sagten ihre Teilnahme zu. Viele von ihnen stammten aus Gewerkschaften und kommunistischen Parteien. Doch dann putschte das Militär. Der Beginn des Spanischen Bürgerkrieges – und das Ende der „Volksolympiade“.

20 Jahre später geriet die Olympische Bewegung noch stärker unter Druck. Im Oktober 1956 schlugen die Sowjets den Ungarn-Aufstand brutal nieder. Dennoch durften Olympioniken der UdSSR wenige Tage später an den Spielen in Melbourne teilnehmen. Daraufhin sagten die Niederlande, Spanien und die Schweiz ihre Teilnahme ab. 1956 war auch das Jahr, in dem der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser den Suezkanal verstaatlichte. Israel, Großbritannien und Frankreich marschierten in Ägypten ein und wollten den Schifffahrtskanal unter Kontrolle bringen. Ihre Sportler:innen konnten an den Spielen in Melbourne teilnehmen. Daraufhin verkündete Ägypten einen Boykott. Irak, Kambodscha und der Libanon schlossen sich dem an.

Olympia: China boykottierte 1956 selbst die Spiele in Melbourne

Zu jener Zeit, gerade mal sieben Jahre nach dem Chinesischen Bürgerkrieg, wuchsen auch die Spannungen zwischen den Kommunisten in Peking und den Nationalisten in Taiwan. Beide wollten in Melbourne das „wahre China“ repräsentieren. Die Volksrepublik wollte die Symbole Taiwans allerdings nicht anerkennen und boykottierte die Spiele dann. Ihre Rückkehr auf die olympische Bühne erfolgte erst 1980, bei den Winterspielen im US-amerikanischen Lake Placid.

In den 60er Jahren stand dann die südafrikanische Apartheidpolitik im Zentrum von Boykottdebatten. Sportler:innen vom Kap durften nicht mehr an Olympia teilnehmen und sollten international isoliert werden. 1976 brach das neuseeländische Rugby-Team diese Vereinbarung und reiste für Testspiele durch Südafrika. Dennoch durfte Neuseeland an den Olympischen Spielen 1976 in Montreal teilnehmen. Daraufhin erklärten mehr als 20 afrikanische Staaten einen Boykott.

Geschichte der Olympia-Boykotte: Kalter Krieg löste größte Kontroverse aus

Die wohl größte Kontroverse entstand jedoch wegen des Kalten Krieges. 1974 wurde Moskau zum Gastgeber der Sommerspiele 1980 ernannt. Schon kurz nach der Vergabe wollten einige Politiker in den USA die Teilnahme ihrer Sportler von der Menschenrechtslage abhängig machen. 1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein. Der US-Präsident Jimmy Carter, der nach der Erstürmung der US-Botschaft in Teheran wenige Wochen zuvor stark in der Kritik stand, wollte nun Härte zeigen. Im Auftrag Carters warb auch Muhammad Ali in Afrika um einen Olympia-Boykott. Mehr als 40 Staaten blieben den Spielen von Moskau fern, auch die Bundesrepublik.

Doch damit war die Debatte noch lange nicht vorbei. Bereits etliche Jahre vor den Sommerspielen 1984 in Los Angeles forderten einige US-Politiker:innen den Ausschluss der UdSSR. Im April 1984 verweigerte das State Department dann einem sowjetischen Sportfunktionär mit KGB-Vergangenheit die Einreise. Es folgten Streitigkeiten um Transport- und Visaangelegenheiten. Die UdSSR, die lange auf einen sportlichen Triumph auf US-amerikanischem Boden gehofft hatte, verkündete im Mai 1984 ihren Boykott von Los Angeles.

In den Wochen bis zu den Spielen wollte Moskau auch Länder außerhalb des Ostblocks für einen Boykott gewinnen. Offenbar verschickte der KGB gefälschte Briefe an afrikanische Staaten. Und drohte mit rassistisch motivierten Anschlägen auf deren Sportler. 18 weitere Länder boykottieren die Spiele, darunter die DDR. Nicht jedoch China, Jugoslawien und Rumänien.

Olympia-Boykott: IOC will die Ära hinter sich lassen – doch auch im 21. Jahrhundert spielt es eine Rolle

Zu den Spielen 1988 in Seoul wollte das IOC dann die Ära der Boykotte hinter sich lassen. Allerdings unterhielten viele sozialistische Staaten keine diplomatischen Beziehungen zu Südkorea. Auch auf Anregung des kubanischen Staatschefs Fidel Castro bemühte sich Nordkorea um eine Beteiligung. Pjöngjang, das da noch nicht so isoliert war wie heute, wünschte sich eine gesamtkoreanische Mannschaft und etliche Olympia-Wettbewerbe auf eigenem Territorium. Die Verhandlungen mit dem IOC scheiterten. Nordkorea boykottierte die Spiele 1988. Fünf Staaten schlossen sich an, unter anderem Kuba und Nicaragua.

Im noch jungen 21. Jahrhundert stand dann vor allem Russland im Zentrum von Boykottdiskussionen. Wegen der Repression gegen Zivilgesellschaft und Medien. Wegen der Unterstützung des syrischen Diktators Baschar al-Assad und der Aggression im Osten der Ukraine. Die westlichen Demokratien schickten 2014 ihre Sportler:innen zu den Winterspielen nach Sotschi. Doch etliche Regierende blieben fern, auch aus Deutschland. Die Rede war von einem „diplomatischen Boykott“. Ein Begriff, der in den kommenden Wochen wieder eine Rolle spielen wird. (Ronny Blaschke)

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