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Simone Biles, Topstar im Turnen.
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Simone Biles, Topstar im Turnen.

Kommentar

Olympia-Ende für Simone Biles: Dämonen vor der Tür

  • Jakob Böllhoff
    VonJakob Böllhoff
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Jetzt nicht irre werden. Jetzt weitermachen. Wie oft wird eine wie Simone Biles das zu sich gesagt haben, bevor sie nun bei Olympia ausstieg. Ein Kommentar.

Was läge näher auf dieser Welt, als verrückt zu werden, wenigstens manchmal, mindestens ein bisschen. Was läge näher, als die Dämonen einfach reinzulassen, die unten vor der Tür stehen und Sturm klingeln. Ah, ihr seid’s, kommt doch rein, macht es euch gemütlich. Kaffee ist gleich fertig. Der Schauspieler und Bundeskanzlersohn Matthias Brandt hat einmal in der „Süddeutschen Zeitung“ über seine Dämonen gesprochen, er nahm Bezug auf die Band Rammstein, bei der es heißt: „Liebe Kinder, gebt fein acht / Ich bin die Stimme aus dem Kissen.“ Brandt: „Die Stimme in der Nacht, die Stimme aus dem Kissen, das bin ich ja immer selbst. Ich weiß: Jetzt nicht irre werden. Jetzt weitermachen.“

Jetzt nicht irre werden. Jetzt weitermachen. Wie oft wird eine wie Simone Biles das zu sich gesagt haben, die große Turnerin aus den USA, bevor sie nun bei Olympia in Tokio laut sagte, vor den Augen und Ohren der Weltöffentlichkeit: Es ist jetzt so, dass es nicht mehr geht. Die Dämonen haben einen Fuß in der Tür. Vielleicht ist es Zufall, dass Biles, 24, nach der Tennisspielerin Naomi Osaka, 23, innerhalb weniger Wochen die zweite internationale Sportberümtheit ist, die einen laufenden Wettkampf wegen mentaler Probleme verlässt. Wahrscheinlich ist es kein Zufall.

Die Japanerin Osaka, wie Biles ein globaler Star, hatte sich bei den French Open zurückgezogen, sie verwies auf längere Phasen der Depression, die sie immer wieder einholten. Bei Olympia in Tokio war sie aus ihrer Pause zurückgekehrt, als Gesicht dieser Spiele, wie es heißt. Sie war die, die das Olympische Feuer entzündete, sie war die, die den skeptischen Menschen in Japan den Glauben an diese fragwürdige Veranstaltung mitten in einer Pandemie geben sollte, mit ihrem Gesicht, mit ihrem Tennis. Dann war sie auch schon ausgeschieden, dritte Runde. Und saß nach der Niederlage gegen Marketa Vondrousova vor der Presse, deren Fragen sie so fürchtet, weil sie manchmal schmerzlich ins Persönliche gehen. „War es der Druck?“, wurde sie gefragt. „Ja“, sagte Osaka. „Und nein.“

Was bleibt Menschen wie Osaka und Biles anderes übrig, als in eine undefinierbare Jein-Welt zu steigen, um mit allem klarzukommen, dem Ruhm, den Erwartungen, der Einsamkeit hoch oben auf dem Podest, auf das sie ungefragt gehoben wurden. Dort oben werden sie zu Beobachterinnen ihrer eigenen Entmenschlichung, rund um die Uhr live übertragen auf Facebooktwitterinstagram.

Es ist wohl kein Geschenk, Ikone zu sein mit Anfang 20. Mehr sein zu müssen als man selbst, ohne richtig zu wissen, wer man selbst eigentlich ist: Das klingt arg gefährlich. Es ist ein schicksalshafter Spagat, den Biles und Osaka alleine schaffen müssen. Liebe Kinder, gebt fein acht.

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