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Olympia 2022 in China: Ein ganzes Dorf muss dem Mega-Event weichen

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Von: Patrick Reichelt

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Aus dem Boden gestampft: Die futuristische Schanzenanlage in Zhangjiakou soll schlappe 60 Millionen gekostet haben. imago images
Aus dem Boden gestampft: Die futuristische Schanzenanlage in Zhangjiakou soll schlappe 60 Millionen gekostet haben. © imago images/ITAR-TASS

Die Anlagen für die Winterspiele 2022 in Peking werden förmlich aus dem Boden gestampft. Zum Wohle des olympischen Fortschritts gibt es keine Kompromisse.

Peking – Bei der ersten Begegnung mit der Hochebene von Zhangjiakou musste Hans-Martin Renn noch einige Fantasie aufbringen. Es war auch für den Allgäuer Architekten kaum vorstellbar, dass hier bald das Herz Olympias schlagen soll. In diesem verlassenen Mittelgebirgsland in China, dessen Grün nur von einem alten Dörfchen unterbrochen war.

Heute, gut fünf Jahre später, ist in Zhangjiakou nichts mehr, wie es war. Auch das Dorf ist weg, umgesiedelt zum Wohle des olympischen Fortschritts. Die Hochebene hat sich zu einem imposanten Wintersportgebiet gewandelt. Im Mittelpunkt: Die futuristische Schanzenanlage des Snow Ruyi National Ski Jumping Centre, die wie ein überdimensioniertes chinesisches Zepter in den Himmel ragt. Auch Langlauf- und Biathlonstadion sind nicht weit entfernt.

Olympia 2022: „Die haben dort einfach alles auf den Kopf gestellt“

Ein Wandel, der auch den Architekten aus Fischen schwer beeindruckt: „Die haben dort einfach alles auf den Kopf gestellt.“ Offizielle Zahlen über den wirtschaftlichen Aufwand gibt es nicht. Durchs Internet geistern 60 Millionen Euro. „Wenn wir von der Schanze alleine sprechen“, sagt Renn, „dann könnte das hinkommen.“ Und wenige waren so nah dran wie er. Der 55-Jährige, der mit seinem Büro unter anderem auch die Anlagen in Oberstdorf umbaute, ist Chef der Schanzenbau-Kommission des Weltverbandes FIS.

Renn war als solcher auch Teil der Jury, die über Architektenentwürfe für die olympischen Anlagen entschied. Die Endausscheidung entsprach natürlich dem Gigantismus des chinesischen Unternehmens Olympia. Die Größe der eingereichten Modelle, die aufwendigen Multi-Media-Präsentationen – das war weit jenseits von allem, worin sich Renn mit seinem 15 Mitarbeiter starken Büro bis dahin bewegt hatte.

Olympia 2022 in China: „Man sieht, wenn dieses Land etwas macht“

Bilder gibt es übrigens nicht, sogar das Mobiltelefon war am Eingang der Präsentationshalle abzugeben. Die Teilnehmer gaben mit dem Mobiltelefon übrigens auch das Recht am eigenen Entwurf ab – es war Teil der Teilnahmebedingungen. Wobei Renn schnell merkte, dass es bei diesem Projekt um weit mehr ging und geht als die Spiele, die am Wochenende beginnen. Man will nicht unbedingt die Welt, aber durchaus sich selbst begeistern. Man will die Bevölkerung für eine bis dato nur leidlich bekannte Form des Tourismus gewinnen. Dass es in diesen gewaltigen Ausmaßen passiert, ist typisch für dieses Land. „Man sieht, wenn dieses Land etwas macht“, sagt Renn, „dann macht es das im großen Stil.“

Der Allgäuer sieht die Sache ohne große Emotionen. Zumal der Eingriff in einer Region stattgefunden hat, deren Wert bis dato begrenzt war. „Das war eine sehr karge Gegend mit überschaubarer Vegetation“, sagte Hans-Martin Renn, „von der Seite haben sich die Zerstörungen in Grenzen gehalten.“ In einem Gebiet, in dem nun für zwei Wochen Olympia 2022 eine Heimat hat und in dem das Olympische Herz schlägt. (Patrick Reichelt)

Zahlreiche Länder strafen China vor den Olympischen Spielen mit einem diplomatischen Boykott. Andere schicken ihre Staatsoberhäupter zum Dinner nach Peking.

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