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Rodler ziehen Bilanz: „Vielleicht sind die Olympischen Spiele unsere Wettkämpfe“

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Von: Nico-Marius Schmitz

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Die Goldsammler bei der Heimkehr in München: Tobias Arlt (li.) und Tobias Wendl.
Die Goldsammler bei der Heimkehr in München: Tobias Arlt (l.) und Tobias Wendl (r.). © dpa

Das Rodel-Duo Tobias Wendl und Tobias Artl sprechen im FR-Interview über Gold in Peking, IOC-Boss Thomas Bach und die zerstörte Bahn am Königssee.

Herr Wendl, Herr Arlt, wie hat sich der Empfang in München angefühlt?

Wendl: Es war ein überwältigendes Gefühl, deutschen Boden zu berühren. Dass wir das alles geschafft haben: ohne Infektion, ohne Quarantäne. Das war wahnsinnig befreiend. Wir hatten natürlich auch eine 30-Stunden-Reise hinter uns, da ist man normalerweise echt fertig. Aber die Freude hat ganz klar überwogen.

Sie sind mit „nur“ einem Weltcup-Sieg aus der Saison nach China gereist. Um dann bei Olympia 2022 alles abzuräumen. Wie ist das zu erklären?

Wendl: Vielleicht sind die Olympischen Spiele einfach unsere Wettkämpfe. Wir sind in Peking von Anfang an gut zurechtgekommen, das hat uns Sicherheit gegeben. Am Anfang der Saison hatten wir noch viele Probleme mit dem Material und der Abstimmung, das ist aber immer besser geworden. In Peking haben wir dann unsere beste Leistung aufs Eis gebracht und unser Ding durchgezogen. Die ganze Woche hat unheimlich viel Spaß gemacht.

Rekord-Olympioniken. Wie klingt das für Sie?

Wendl: Das macht uns unglaublich stolz. Eigentlich schauen wir nicht auf Statistiken, sondern schauen nur auf uns. Aber dass wir jetzt zu den erfolgreichsten deutschen Wintersportlern bei Olympia zählen, ist eine megageile Sache. Man weiß natürlich nie, wie lange die Euphorie nach Goldmedaillen anhält. Wir brauchen vermutlich eh erst mal noch ein paar Tage, um zu realisieren, was uns da gelungen ist.

Olympia 2022: Bei Testwettbewerben kämpften die deutschen Rodler noch

Zumal Ihre Erfahrungen bei den Tests im vergangenen Jahr in Peking negativ waren.

Wendl: Letztes Jahr bei den Testwettbewerben haben wir echt gekämpft. Nach dem vermeintlich positiven Test von Tobias konnten wir kaum Fahrten machen. Das sind wichtige Erfahrungen, die man nicht mehr zurückbekommt. Man hat automatisch einen Rückstand. Wir sind mit einem komischen Gefühl abgereist. Wir haben dann aber mit dem IOC telefoniert und uns beispielsweise Bilder von den Unterkünften schicken lassen, falls man in Quarantäne muss. Damit man nicht mehr so menschenunwürdig untergebracht wird, wie es bei uns letztes Jahr der Fall war. Von der Woche in Peking waren wir jetzt aber echt positiv überrascht, es war gut organisiert. Wir haben uns aber ohnehin nur auf uns konzentriert und alles außerhalb vom Sport erst mal ausgeblendet.

Zu den Personen

Das Gold-Duo Wendl/Arlt ist auch nach den Olympischen Spielen noch nicht zu trennen. „Wendl/Arlt“ meldet sich am Telefon, auf der Autofahrt nach Berchtesgaden. Endlich zurück in die Heimat. Wobei: Tobias Wendl (34/RC Berchtesgaden) muss erst noch Blumen kaufen, bei Tobias Arlt (34/WSV Königssee) zögert sich das Wiedersehen mit den Liebsten noch etwas hinaus – es gibt positive Corona-Fälle in der Familie. Durch die zwei Goldmedaillen von Peking sind die beiden Rodler gemeinsam mit Natalie Geisenberger zu den Rekord-Olympiasiegern bei Winterspielen aufgestiegen. FR

Wie sehr freuen Sie sich nach der Zeit in China auf die Familie?

Wendl: Es ist absolut gigantisch, jetzt nach Hause zu kommen. Ich habe meiner Frau den Winter über zwar nicht verboten, aber empfohlen, dass sie sich mit keinem treffen soll, damit es zu keinem positiven Test kommt. All die Strapazen, die wir auf uns genommen haben, haben sich ausgezahlt. Das ist so ein erleichterndes Gefühl. Jetzt geht es aber erst noch zum Blumen kaufen, ich kann ja nicht nur mit den Goldmedaillen nach Hause kommen (lacht).

Arlt: In meiner Familie gibt es leider positive Fälle, deshalb habe ich mir ein Hotelzimmer für die nächsten Tage genommen. Das ist natürlich extrem bitter und hart, nachdem man so lange voneinander getrennt war. Aber in den nächsten Tagen haben wir noch ein paar Termine zu erledigen, danach freue ich mich umso mehr auf das Wiedersehen mit meiner Familie.

Olympia 2022: Thomas Bach legt „komischen Auftritt“ hin

Ein Wiedersehen mit Thomas Bach brauchen Sie vermutlich nicht unbedingt?

Arlt: Es war einfach ein komischer Auftritt. Er war nur kurz für das Foto da und schwupps, war er schon wieder weg. Dass er nach unseren negativen Erlebnissen letztes Jahr in Peking so gar keinen Smalltalk angefangen und nachgefragt hat, hat uns schon verwundert. Aber im Endeffekt beschäftigen wir uns damit nicht weiter, wir konnten ja eh nichts dran ändern. Wir sind jedenfalls immer für Gespräche offen.

Zum Abschluss noch ein trauriges Thema: die zerstörte Kunsteisbahn am Königssee. Es gibt Diskussionen um einen Wiederaufbau.

Wendl: Die Bahn ist essenziell für uns. Und auch für den Nachwuchs, es ist eine großartige Talentschmiede. Der Sport verbindet, das merkt man auch bei der Bahn besonders. Für die Region ist der Standort so wichtig, ein Publikumsmagnet. Die Pensionen sind immer voll, wenn dort Wettbewerbe stattfinden. Es liegt uns sehr am Herzen, dass die Bahn wieder aufgebaut wird. Die schönste Rodelbahn der Welt, da wollen wir mindestens noch mal ein Rennen fahren. Am Königssee hat sich etwas über Jahrzehnte aufgebaut, es wäre brutal, wenn das komplett wegfällt. In acht Jahren fehlt dann sonst der Olympiasieger im Rodeln und es gibt weniger deutsche Goldmedaillen. Die Bahn ist für uns und den deutschen Sport fundamental wichtig.

Arlt: Wir werden uns informieren und fragen, wo man helfen und mit anpacken kann. Wir haben viele Kontakte, die wir auch nutzen werden. Ich kann nur bekräftigen, dass der Standort brutal wichtig ist. (Interview: Nico-Marius Schmitz)

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