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Francesco Friedrich: Fahnenträger bei Olympia 2022 „wäre ein Ritterschlag“

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Von: Nico-Marius Schmitz

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Eine Klasse für sich: Francesco Friedrich.
Eine Klasse für sich: Francesco Friedrich. © AFP

Bob-Dominator Francesco Friedrich spricht über seine Rolle als Anführer und weshalb er sich über Fragen zu einem Boykott maßlos ärgert.

Herr Friedrich, vor zwei Wochen konnten Sie noch mal fünf Tage mit der Familie verbringen. Wie wichtig war das?

Die Zeit mit der Familie hat gutgetan. Das sind auch Momente, die du als Leistungssportler brauchst. Wir sind viel unterwegs, haben immer einen straffen Zeitplan. Da ist es manchmal schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen. Aber ich bin so oft es geht zu Hause und genieße dann auch jede Sekunde mit meiner Frau und meinen Kindern.

Treten Sie bei Olympia 2022 in Peking als Bob-Dominator mit breiter Brust an?

Wir müssen extrem vorsichtig sein und dürfen nicht entspannt an die Sache rangehen. In Peking ist nichts sicher. Weder die Corona-Situation noch, dass wir mit einer Medaille nach Hause fahren. Das wird eine ganze harte Nummer und kein Selbstläufer. Wir müssen vor Ort alles überprüfen, jeden Faktor checken und zu 100 Prozent fokussiert sein.

Olympia 2022: Auf der Bob-Bahn in Peking wird jeder Fehler direkt bestraft

Wie sehr schmerzt es Sie eigentlich, wenn – wie zuletzt – Siegesserien reißen?

Das ganze Gerede um die Siegesserien ist lächerlich, totaler Quatsch. Es ist klar, dass die Medien sich gerne auf so ein Thema stürzen. Bei uns hat das nicht so eine große Rolle gespielt. Ich habe deswegen auch nicht schlecht geschlafen. Die Niederlagen waren völlig egal. Wir befinden uns in der Elite, da wird halt jeder Fehler bestraft und dann landet man auch mal nur auf Platz zwölf.

Auch auf der Bahn in Peking, so heißt es, wird jeder Fehler sofort bestraft.

Gerade der obere Bahnteil, die Kurven eins und zwei sowie die Ausfahrt sechs, ist knifflig. Wenn du bis Kurve neun vernünftig, also ohne Fehlerchen, durchkommst, bist du gut dabei. Ich glaube aber, dass die Strecke einfacher wird als im letzten Jahr. Damals war es so vereist, da fährt man nie richtig in die Kurve rein. Das ist aber natürlich nur eine Prognose, man kann sich nie sicher sein.

Zur Person

Francesco Friedrich (31) ist die Goldhoffnung Deutschlands bei den Olympischen Spielen. Der Bob-Dominator über gerissene Siegesserien, die Wahl zum Fahnenträger und eine besonders nervige Frage.

Sie werden immer als Perfektionist beschrieben. Wie gehen Sie mit den unsicheren Bedingungen in Peking um?

Ich bin schon einer, der alles gerne genau durchplant. Corona ist aber nicht planbar. Die Leute, die mir die Kufen bauen, produzieren aber auch eigene Masken. Die sind extrem dicht, ich fühle mich sehr sicher. Solange ich niemandem zu lange auf die Pelle rücke, sehe ich also erst mal keine Gefahr. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es bei Corona aber natürlich nie.

Fahnenträger bei Olympia 2022 zu sein, wäre für Francesco Friedrich das I-Tüpfelchen

Wie sehr würde es Sie freuen, wenn sie als Fahnenträger ausgewählt werden?

Die Fahne zu tragen, wäre ein absoluter Ritterschlag. Das wäre richtig genial. Das Team Deutschland anzuführen und mit der Fahne in das Stadion zu marschieren – das ist das I-Tüpfelchen auf jeder Sportlerkarriere. Und eine wahnsinnige Ehre.

Der Gedanke eines Boykotts der Spiele kam bei Ihnen nie?

Wir stehen einmal alle vier Jahre im Mittelpunkt der ganzen Welt. Ansonsten müssen wir schon froh sein, wenn wir überhaupt im Fernsehen übertragen werden. Und dann fragt man einen Leistungssportler wirklich, ob er an dem größten Ereignis überhaupt teilnehmen möchte? Wir ordnen unserem Sport alles unter. Daher ist es eine gemeine Frage, die uns im Vorfeld solcher Spiele gestellt wird.

Weil?

Wir können doch gar nichts dafür. Wir sind nur jedes Mal die Leidtragenden. Bei jeder meiner Teilnahmen an den Olympischen Spielen musste ich mich jetzt mit politischen Fragen beschäftigen, die uns eigentlich nichts angehen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Wir Sportler haben natürlich eine Vorbildfunktion und beziehen auch gerne Stellung. Aber die Menschenrechtssituation in China war auch schon vor sieben Jahren bei der Vergabe schlecht. Es ist schade, dass der Sport immer mehr in die Richtung abdriftet. Es liegt nicht mehr der Fokus darauf, dass wir etwas Besonderes und für viele auch Einmaliges geschafft haben. Sondern nur noch die Frage, ob wir an solchen Spielen wirklich teilnehmen möchten. (Interview: Nico-Marius Schmitz)

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