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Wasserball-Guru Hagen Stamm. imago images

Schließung von Sportvereinen

Ohnmacht wie beim Olympiaboykott

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Wasserball-Legende Hagen Stamm fürchtet die Folgen des Lockdowns für Vereine wie die Wasserfreunde Spandau 04 – hat aber Verständnis für die Entscheidungen der Politik

Mitunter soll der Anblick einer stillen Wasseroberfläche ja beruhigend wirken. Hagen Stamm, besser als „Mister Wasserball“ bekannt, kann mit dem Vergleich wenig anfangen. „Mich beruhigt nur Wasser, das dampft und wo man viele Arme kreisen und am besten noch Bälle fliegen sieht.“ Das sei seit Anfang November nicht der Fall und für einen Verein mit intensiver Nachwuchsarbeit ein Problem. Stamm steht als ehrenamtlich tätiger Präsident den Wasserfreunden Spandau 04 vor, die den seltenen Spagat hinbekommen, Hochleistungs- und Breitensport noch mit den sozialen Aufgaben im Nichtschwimmerbereich zu verbinden.

Die derzeitige „Null-Stellung“ (Stamm) schmerzt. „Es ist von der Berliner Politik ja nett gemeint, dass gesagt wird, Kinder können sich draußen in Sportgruppen treffen, aber das ist bei acht Grad Wassertemperatur in Spree und Havel ein bisschen schwer umzusetzen. Für uns gibt es keine Alternative – und damit fällt für die Kinder alles flach“, sagt der 60-Jährige.

Normalerweise kommen jede Woche 800 Kinder aus den Kitas zum Schwimmunterricht. Hunderte von Flüchtlingskindern haben bei den Wasserfreunden Schwimmen gelernt. Auch Yusra Mardini tauchte hier ins Wasser ein, die 2015 aus Syrien nach Deutschland geflüchtet war und so gut schwamm, dass sie 2016 im Flüchtlingsteam an den Olympischen Spielen teilnahm. Noch in den Herbstferien hatte der Verein wieder Schwimmkurse extra für Kinder aus Gemeinschaftsunterkünften angeboten. Der Wegfall solcher Angebote bedauert Stamm sehr, „weil es für traumatisierte Kinder in einem fremden Land nach einem langen Fluchtweg nichts Schöneres gibt, in einem Sport einfach wieder Kind sein zu können“.

Seine große Sorge ist, dass die Kinder sich neben der Schule nicht mehr körperlich betätigen. „Die psychischen Folgen sind für Kindern und Eltern nicht absehbar, denn wir sind ja auch eine therapeutische Institution für die Familie gewesen, wenn sich die Kinder bei uns im Wasser austoben konnten.“ Zudem verstärkt sich das Problem, dass viele in Deutschland aufwachsende Kinder nicht mehr schwimmen können. Bereits durch den Lockdown im Frühjahr beobachtete Stamm auch bei den Nachbarvereinen einen „wahnsinnigen Stau bei der Nichtschwimmer-Ausbildung“.

500 Mitglieder weniger

Wenn sich das Sportverbot bis ins nächste Jahr erstreckt, hat das fatale Folgen: Auf 50 000 Euro summiert sich jeden Monat der Verlust, wenn alle Aktivitäten in Wasser fallen, aber die Miete fürs Clubhaus an den Berliner Senat weiterläuft oder Coronatests für die Wasserball-Bundesliga bezahlt werden müssen. Stamm: „Wir haben die Geschäftsstelle in Kurzarbeit versetzt und versuchen, die 100 Mitarbeiter, darunter Übungsleiter, Teilzeit- und Vollzeitangestellte, über diese Zeit zu bringen.“ Auch das Beitragsvolumen schwindet bedrohlich: Am Jahresende werden 500 von einst 4000 Mitgliedern ausgetreten sein. Dem stehen keine Neueintritte gegenüber, weil es keine Angebote wie Aquafitness gibt. Ein Teufelskreis. Doch Stamm äußert Verständnis und möchte selbst nicht in der Haut der Politiker stecken, die diese Entscheidungen fällen.

Unweigerlich fühlt sich der fünffache Olympiateilnehmer – drei Mal war der Wasserballer als Aktiver, zwei Mal als Bundestrainer dabei – an den Olympia-Boykott von 1980 erinnert. „Die Ohnmacht ist die Gleiche. Der große Unterschied ist nur, dass ich damals kein Verständnis für die Entscheidung der Politik hatte, heute aber schon. Damals mussten wir als Sportler keinen Boykott machen, um den Russen zu erklären, dass sie nicht in Afghanistan einmarschieren – das hat sie gar nicht interessiert. Heute müssen wir diesen Lockdown machen, um die Generationen zu schützen.“ Als optimistischer Mensch glaube er daran, dass sich alles wieder ins Gute wandelt, „und dass Kinder wieder mit Freude schwimmen können – ich hoffe nur, dass diese Zeit relativ schnell kommt“.

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