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Auch ihre Arbeit ist eingeschränkt: Die Kontrolleure der Nationalen Antidopingagentur Nada.

Fehlende Dopingkontrollen

Ohne Kontrolle

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Das Antidopingsystem kommt wegen der Coronakrise weitgehend zum Erliegen. Topathleten und Experten schlagen Alarm, weil von Chancengleichheit bald keine Rede mehr sein kann.

Die erste Erklärung der Welt-Antidopingagentur Wada zu den Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie klang noch etwas verklausuliert. „Covid-19 hat alle Akteure im Bereich der Dopingbekämpfung, einschließlich der Wada, gezwungen, die Art und Weise, wie die tägliche Arbeit durchgeführt wird, anzupassen“, teilte Wada-Präsident Witold Banka zuerst in einem Statement mit. Deutlicher wurde der Oberaufseher des Antidopingkampfes im ZDF-Sportstudio, als der Pole in einer Skype-Schalte eingestand, dass gewaltige Lücken im Kontrollsystem klaffen – wenn es aufgrund von Grenzschließungen und Reisebeschränkungen nicht schon eine große Leerstelle ist. „Das ist ein riesiges Problem für uns alle, für die gesamte Antidopinggemeinschaft und den Sport “, sagte Banka. Viele Testprogramme seien weltweit aufgeschoben. Ähnlich äußerte sich Andrea Gotzmann, die Vorsitzende der Nationalen Antidopingagentur Nada: „Derzeit können wir kein normales Dopingkontrollsystem durchführen. Das ist eigentlich schon seit etwa zehn Tagen, dass wir mit Aufkommen der Coronavirus-Problematik unsere Systeme des Kontrollaufwandes zurückgefahren haben.“

Viele Athleten stellen wie der zweifache Ironman-Hawaii-Champion Patrick Lange im FR-Interview (Samstagausgabe) fest, dass sich die im Ausnahmezustand zur Untätigkeit verdammten Dopingkontrolleure nicht mehr für sie interessieren. Zudem sind international viele Labore geschlossen, was eingedenk der dringenderen Probleme in der Notlage der Gesundheitssysteme verständlich ist. Daraus folgert er, dass die Leistungssportler jetzt unbehelligt tun und lassen können, was sie wollen: Das Einfallstor für den Missbrauch steht sperrangelweit offen. Es schlägt die Stunde der Doper, heißt es in Athletenkreisen. Radprofi Maximilian Schachmann, der noch Mitte des Monats die zu Ende gebrachte Rundfahrt Paris – Nizza gewann, berichte zwar von täglichen Wettkampfkontrollen vor Ort, aber der Trainingsalltag im Homeoffice der meisten Spitzensportler ist weitgehend kontrollfreie Zone geworden.

Schmutzige Spiele drohen

Marathonläufer Arne Gabius, der am Sonntag seinen 39. Geburtstag feierte und sich eigentlich beim Frühjahrsmarathon in Wien (19. April) für die Olympischen Spiele qualifizieren wollte, begründet damit seine Forderung nach einer Absage. Der Ausdauerspezialist drückte als approbierter Arzt in der „Süddeutschen Zeitung“ zwar seine Hoffnung aus, dass sich noch einige Kollegen finden, „die Blutkontrollen abnehmen können“, aber er weiß, dass das eingedenk der sich fast stündlich zuspitzenden Lage kaum realistisch ist. Vielleicht müsse man 2020 „als ein Jahr sehen, in dem der Sport ruht“, sagt Gabius.

Jürgen Kessing, den Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), erklärte im ZDF: „Wenn weltweit keine Dopingkontrollen stattfinden, ist das eine Farce.“ Gerade in dieser Trainingsphase seien Kontrollen wichtig. Wenn das nicht passiere, „kann man die Folgen an fünf Fingern abzählen.“ Steroide, Wachstumshormone oder das Blutdopingmittel Epo werden nicht im Wettkampf, sondern in der Vorbereitung eingesetzt, wenn die Grundlagen für Kraft und Ausdauer gelegt werden. Intelligente Trainingstests werden aus gutem Grund als beste Abschreckung gerühmt – bleiben sie aus, sind Wettkampfkontrollen nur noch ein Feigenblatt.

Travis Tygart, der Vorsitzende der US-Antidopingagentur Usada, sieht „ernsthafte Probleme für das globale Antidopingsystem“. Der einst im Fall Lance Armstrong unerbittliche Dopingjäger schlussfolgert: „Die Fairness gegenüber den Sportlern bleibt auf der Strecke, das ist ein sehr hohes Risiko. Andere Meinungen sind unwahr.“ Die Führungskräfte bei Wada und Nada erhöhen ebenso den Druck aufs IOC und seinen deutschen Präsidenten Thomas Bach. Banka empfiehlt „alles dafür tun, um die Gesundheit der Sportler zu gewährleisten – und das sollten auch die Entscheider in Betracht ziehen“. Gotzmann gibt zu bedenken, dass auch die Fußball-Europameisterschaft bereits verschoben sei. „Der zeitliche Versatz zu den Olympischen Spielen ist nicht so groß. Ich glaube, man muss über einen Plan B nachdenken.“ Für Tygart gibt es keine Alternative mehr: „Die Spiele müssen verlegt werden, um sicherzugehen, dass wir nicht die schmutzigsten Spiele überhaupt erleben.“

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