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Förmliche Übergabe der Einladung zur Hochzeit: Mesut Özil (Mitte), seine Verlobte Amine Gülse (links) und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Recep Tayyip Erdogan

Ein Özil kommt selten allein

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Im Deutschen Fußball-Bund haben sie auch an diesem Wochenende wieder unruhige Tage zu überstehen.

Das Wochenende hätte sich für den leidgeprüften DFB-Präsidenten Reinhard Grindel kaum unruhiger anfühlen können als die ohnehin bemerkenswert nervenaufreibenden vergangenen Wochen und der vermaledeite Sommer 2018. Noch beim Fifa-Regierungsgipfel in Miami am Freitag erfuhr der 57-Jährige, was die Partei von Recep Tayyip Erdogan just stolz via Twitter bekanntgegeben hatte. Die AKP des türkischen Staatschefs veröffentlichte in dem Sozialen Netzwerk nämlich ein Foto, das Erdogan mit dem vormaligen deutschen Fußball-Nationalspieler Mesut Özil und dessen baldiger Angetrauten Amine Gülse im abgeschirmten Regierungsterminal des Istanbuler Flughafens zeigte,

Aus Anlass dieses Treffens, so die unzweideutige Botschaft, habe das künftige Ehepaar Erdogan zur Hochzeit eingeladen. Die gewöhnlich bestens informierte Zeitung „Hürriyet“ berichtete darüber hinaus, Özil und seine 25-jährige Verlobte hätten den türkischen Präsidenten zudem gebeten, bei ihrer Vermählung als Trauzeuge zu fungieren. Ein nicht unüblicher Vorgang, Erdogan ist als Ehrengast schon mehrfach von türkischen Fußballprofis zum Trauzeugen erkoren worden.

Grindel, der nach der WM im vergangenen Sommer von der Özil-Seite beim dreifach inszenierten Rücktritt des Mittelfeldspielers des Rassismus geziehen worden war und öffentlich in arge Bedrängnis geriet, hat am Wochenende klugerweise darauf verzichtet, die schlagzeilenträchtige Begebenheit am Istanbuler Flughafen öffentlich zu kommentieren. Das taten andere.

Politiker kritisieren Özil

Die SPD-Staatssekretärin Sawsan Chebli, die Özil seinerzeit verteidigt hatte, schrieb auf Twitter: „Was er nun macht, ist enttäuschend. Er ist Vorbild für Millionen junger Menschen. Finde es verantwortungslos.“ Der Grünen-Politiker Grünen-Politiker Cem Özdemir sagte der „Bild“-Zeitung: „Ehemalige und aktive Nationalspieler haben eine Vorbildfunktion und müssen sich fragen, ob sie dieser gerecht werden, wenn sie sich für Autokraten hergeben, die sich auf Kosten ihres Landes bereichern und Andersdenkende in Kerkern verschwinden lassen. Ich halte das für unangemessen.“ CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak forderte Özil auf, sich bei Erdogan für in der Türkei inhaftierte Deutsche einzusetzen. Eine wohl eher weltfremder Wunsch.

Wie dem auch sei – kaum war DFB-Boss Grindel zurück aus Florida in Deutschland, wurde er von er von der Debatte um weitere ehemalige Nationalspieler angefahren. Die Wucht seiner Aussage in einem ZDF-Interview am Rande des Fifa-Elefantentreffens in Miami ist dem Verbandsboss erst nach der Landung auf heimischen Boden gewahr geworden. Er hatte in Miami vor der TV-Kamera ehrlich Stellung zum Ablauf des Abschieds der Nationalspieler Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng genommen und richtigerweise geäußert, es wäre wohl besser gewesen, die hochbrisante Angelegenheit noch am selben Tag bei einer Pressekonferenz zu erläutern: „Wenn man das gleich gemacht hätte, wären, glaube ich, sehr viele Fragen beantwortet und damit sehr viele Missverständnisse vermieden worden.“

Das war in hiesigen Medien als Kritik an Bundestrainer Joachim Löw interpretiert worden. Grindel nahm deshalb am Sonntag Kontakt mit den Nachrichtenagenturen dpa und sid auf und stellte klar: „Meine im ZDF verbreitete Aussage, dass es klüger gewesen wäre, bereits am Dienstag im Rahmen einer Pressekonferenz die Wertschätzung für die Spieler deutlich zu machen und zu vermitteln, warum man jetzt einen anderen Weg gehen will, ist keine Kritik an Jogi Löw gewesen. Dem widerspreche ich mit allem Nachdruck.“ Und er fügte hinzu, auch er habe am Tag der Ausmusterung nicht sofort die richtigen Schlüsse gezogen, als er um 9.30 Uhr von Oliver Bierhoff telefonisch informiert wurde: „Schließlich hätte ich selbst auch auf die Idee kommen können, eine solche Pressekonferenz anzuregen.“

Es wird deutlich, dass der Verbandschef weitere Irritationen unbedingt vermeiden will, zumal sich der DFB-Kader am heutigen Montag in Wolfsburg zur Vorbereitung auf die beiden Länderspiele gegen Serbien (Mittwoch, 20.45 Uhr) und in Amsterdam gegen die Niederlande (Sonntag, 20.45 Uhr) trifft. Diese Begegnungen sollen nun nicht noch mehr durch die Abschiedsdebatte überlagert werden, als das ohnehin schon der Fall ist. In Wolfsburg wird es ein Treffen mit der Delegationsspitze und DFB-Direktor Oliver Bierhoff geben, um zu erörtern, ob künftig in ähnlichen Situationen klüger agiert werden könnte. Auch die Deutsche Fußball-Liga hat dringliche Hinweise gegeben, dass sie über den Ablauf und die späte Information zumindest irritiert gewesen sei. Schließlich handelt es sich bei den drei Helden von Rio um bedeutende Markenartikel der Bundesliga.

Klinsmann: „Ein Pulverfass“

Zu seinem einstigen Assistenten Löw, der am Samstagabend auf der Tribüne des Olympiastadions in Berlin neben ihm saß, äußerte sich derweil auch Jürgen Klinsmann in dessen neuen Funktion als RTL-Experte: Löw müsse „jetzt Erfolg haben. Die Fans wollen jetzt sehen, dass es funktioniert. Nicht nur als Nationalmannschaft bist du am Boden. Sondern der gesamte deutsche Fußball ist auf niedrigem Niveau.“ Das sei „ein Pulverfass“. Löw erklärte unterdessen in der „Welt am Sonntag“ am Beispiel Niklas Süle nochmals präziser, weshalb er endgültig auf die drei Spieler verzichte: „Er hat jetzt nicht mehr Jerome oder Mats um sich herum. Niklas ist jetzt in der Verantwortung. Wir erwarten noch mehr von ihm. Er muss jetzt hinten organisieren, dirigieren, sich zeigen.“ Jeder müsse „jetzt noch einen Schritt nach vorn machen und das Gefühl vermitteln: ,Hallo, jetzt bin ich da. Jetzt stehe ich für Deutschland auf dem Platz. Jetzt muss ich gute Leistungen bringen. Ich will ein Turnier gewinnen. Ich bin kein Mitläufer mehr.’ Das ist es, worum es jetzt geht.“ Löw dürfte dünken, dass auch seine eigene Zukunft vom zeitnahen Erfolg des Umbauprojekts abhängt.

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