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Ocean Race: Der „Wahnsinn“ auf den Weltmeeren

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Von: Nico-Marius Schmitz, Daniel Schmitt

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Hightechyachten aus Karbon, Millionen von Euro teuer, sind für die nächsten fünf bis sechs Monate die Heimat der Segler:innen.
Hightechyachten aus Karbon, Millionen von Euro teuer, sind für die nächsten fünf bis sechs Monate die Heimat der Segler:innen. © NurPhoto/Imago

Gefährlich, nervenaufreibend, spektakulär: Das Ocean Race bringt Segelcrews an ihre Grenzen - und einmal rund um den Globus. Auch vier Deutsche nehmen das Risiko gerne auf sich.

Die Geschichte des Ocean Race begann katastrophal, derart katastrophal gar, dass die Hatz über die Weltmeere eigentlich hätte gleich wieder eingestellt gehört. 1973 war das, als ein britisches Militärschiff versehentlich mit Salutschüssen das Segel eines Boots zerfledderte. Es verlor an Stabilität, kenterte, drei Männer ertranken, das Rennen aber blieb. Der Mythos Ocean Race war auf tragische Art und Weise geboren.

Heute, 50 Jahre später und bei der 14. Auflage, ist aus der damals todbringenden Regatta von Amateuren ein Hightechsport von Profis geworden, die sich jahrelang vorbereiten, einer mit Yachten aus Karbon, mehrere Millionen Euro teuer, mit strengen Regularien, die die Sicherheit der Sportler:innen gewährleisten sollen. Doch: Das Risiko fährt mit auf rauem Gewässer, immer, überall, ist ständiger Begleiter auf den 32 000 Seemeilen (fast 60 000 Kilometer) rund um den Globus.

Bei der Vendée Globe 2020/21, einer Nonstop-Regatta für Solosegler, die gerade hierzulande einen kleinen Boom auslöste und das Interesse am Nischensport Segeln zeitweise immens steigerte, etwa musste der Franzose Kevin Escoffier in höchster Not gerettet werden. Seine Yacht war urplötzlich zerrissen worden von brettharten Wellen. Oder Boris Herrmann, der Hamburger, der kurz vor dem Ziel mit einem Trawler für Hochseefischerei kollidierte, trotz feinfühligster Sensoren, und von Rang drei auf fünf zurückfiel. Beide, Escoffier und Herrmann, nehmen am diesjährigen Ocean Race teil, das kein Solorennen ist, sondern ein Mannschaftssegeln.

Fast 60 000 Kilometer in sechs Monaten: Das Ocean Race fordert Mensch und Material.
Fast 60 000 Kilometer in sechs Monaten: Das Ocean Race fordert Mensch und Material. © Ocean Race/prd

Ein 18 Meter langes Schiff, fünf Menschen an Bord, vier Crewmitglieder, dazu ein Reporter, der die spektakulären Bilder in die Wohnzimmer der Interessierten bringen soll. Eng auf eng geht es zu, eingeschränkte Körperpflege, keine Toilette, beißende Gerüche, Essen aus der Tüte, exakt rationierte, gefriergetrocknete Astronautennahrung, minimale Privatsphäre, maximale Anspannung. Zudem die Vorsicht, was hinter der nächsten, hohen Welle lauern könnte. Womöglich eine viel höhere.

Am Sonntag also erfolgte in Alicante an der Costa Blanca der Startschuss zur ersten von insgesamt sieben Etappen. Es geht von Südspanien bis zu den Kapverden. Danach folgen: Von den Kapverden bis Kapstadt in Südafrika. Von Kapstadt bis Itajai in Brasilien, von Itajai bis Newport in den USA, von Newport bis Aarhus in Dänemark, von Aarhus bis Den Haag in den Niederlanden, schließlich von Den Haag bis Genua in Italien. Im Ziel werden die Yachten erst Anfang Juli erwartet, nur fünf Teams stellen sich dieser Herausforderung. An Bord auch mit dabei: vier Deutsche.

Die Regeln

Das Siegerteam wird auf Grundlage der einzelnen Etappenergebnisse, sieben an der Zahl, ermittelt. Pro Rennabschnitt werden Punkte vergeben, die Ersten bekommen jeweils fünf Zähler, die zweiten vier, und so weiter. Die doppelte Zählerzahl gibt es auf den Etappen drei und fünf, den längsten.

Die volle Distanz planen nur fünf Teams zu absolvieren, sie treten in der Imoca-Klasse an, auf Yachten mit Rumpflänge von 60 Fuß (18,28 Meter). Die Crew an Bord besteht aus vier Personen nebst einem Reporter. Mindestens ein Crew-Mitglied muss eine Frau sein. Zudem gehen auch kleinere, sogenannte VO65-Yachten an den Start. Sie bestreiten nur drei Etappen und werden in einer eigenen Wertung geführt. (FR)

Boris Herrmann, Robert Stanjek, dessen Teamkollege Phillip Kasüske sowie Susann Beucke. Der Kielerin, die im Boot von Skipper Escoffier mitfährt, dient das Ocean Race als optimale Vorbereitung für die 2028 wieder anstehende Vendée Globe, dann will sie als erste deutsche Frau teilnehmen. Das Ocean Race, das alle drei Jahre stattfindet, 2020 aufgrund von Corona aber ins Wasser gefallen ist, ist im Vergleich zur Vendée kein Kampf gegen sich selbst, gegen die Ödnis, ja die Langeweile in den ewigen Weiten der Ozeane, ganz im Gegenteil. Manch einer sieht es als Sozialexperiment: „Wenn man mit fünf Freunden in den Urlaub fährt, ist Stress vorprogrammiert. Jeder hat Ideen, und es ist schwer, alle unter einen Hut zu kriegen“, sagte etwa Boris Herrmann im Vorfeld. Der Urlaub dauert in diesem Fall fast sechs Monate. Wer also ein gutes Team abgebe, so Herrmann, die Differenzen an Bord reduziere, an einem Strang ziehe, werde wohl auch am schnellsten über die Wellen donnern.

Herrmanns Yacht, die Seaexplorer, gilt als besonders rasant, der Deutsche und seine Kollegen als Favoriten. Doch was heißt schon Favoriten bei einem Rennen voller Unwägbarkeiten, inmitten von Naturgewalten, möglicher technischer Störungen, auch menschlicher Schwächen? „Du musst die härteste Aufgabe der Welt als Team bewältigen. Es gibt kein anderes Rennen, das so lange dauert. Sechs Monate, die längste Etappe dauert 40 Tage. Jeden Tag wird das Teamwork getestet. Es ist ein Test, wie Menschen unter Druck zusammenarbeiten“, beschreibt Holly Cova die Faszination. Die 32-Jährige, Direktorin bei Team Maliza, jenem von Herrmann, segelt zwar nicht selbst übers Wasser, hält aber alle Fäden in der Hand.

Aus 32 Mitgliedern besteht ihr Team - die Crew um Mitbegründer Herrmann, Bootsbauer, Techniker, Logistiker, davon sind fast die Hälfte Frauen. Überhaupt: Mindestens eine Frau muss auf jedem Schiff an Bord sein, das ist Pflicht. Die letzten Wochen vor dem Start seien für sie, Chefin Cova, jedenfalls „die stressigsten des Jahres“ gewesen, zeit- und kräfteraubend, alles nur, um die Sportler:innen möglichst ausgeruht und sicher auf Reisen zu schicken.

Da die Yachten zwischen den Etappen repariert werden dürfen, ebenso Crewmitglieder ein- und ausgewechselt werden können - Herrmann etwa wird in Brasilien für eine Etappe von Bord gehen -, herrscht ein großer Organisationsaufwand. In Ansätzen vergleichbar mit dem Formel-1-Zirkus. Techniker reisen den Yachten an die Zielhäfen hinterher, mit ihnen riesige Werkstatt-Container, Ersatz- und Verschleißteile. Herrmann erwartet ein ständiges Abwegen zwischen risikoreicher, schneller und materialschonender, gemächlicher Fahrt. Siegen werde diejenige Crew, „die die Möglichkeiten des Boots am besten kennt.“

Als Höhepunkt gilt unter den Teilnehmer:innen die dritte Etappe, die längste im Southern Ocean zwischen Neuseeland und Südamerika, vorbei am berühmten Kap Horn, der Landspitze Chiles. Hier sind die Winde noch mal stärker als andernorts, die Wellen höher und damit auch das Risiko. „Der Wahnsinn“, so Hermann. Er meint das ausschließlich positiv, versteht sich.

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