Volldampf voraus: Leon Goretzka.
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Volldampf voraus: Leon Goretzka.

Fußball-Nationalmannschaft

Nicht mehr wegzudenken

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Leon Goretzka, schon bester Mann beim Confed-Cup 2017, brauchte ein paar Jahre, um sich seinen Platz im DFB-Team zu sichern.

Joachim Löw hat sich lange schwergetan, einen Platz für Leon Goretzka zu finden. Gut, dass das inzwischen gelungen ist. Denn dort, wo andere aufhören, läuft der Kerl mit breiter Brust einfach weiter - bereitet Tore vor oder macht sie selbst. Der 25-Jährige ist keiner dieser modernen Spezies der „Box-to-Box“-Spieler, die am gegnerischen Strafraum abbremsen, als seien dort Fallen aufgebaut. Er rennt rein, wo es wehtut. Zuletzt in zwei Partien gegen die Ukraine machte der Bayernprofi deshalb ein Kopfballtor und legte zweimal vor, einmal Highspeed nach eigenem Ballgewinn, langem Sprint und präzisen Pass auf Leroy Sané, einmal spektakulär auf Timo Werner, nachdem er einen Flugball zuvor mit einem Scherenschlag angenommen hatte. So eindrucksvoll soll Leon Goretzka nach dem Willen des Bundestrainers auch Dienstagabend (20.45 Uhr) in Sevilla gegen Spanien unterwegs sein. In seinem 29. Länderspiel.

Schon beim Confederations Cup im Sommer 2017 war der gebürtige Bochumer der Primus im jungen deutschen Kader, ach was, im ganzen Turnier. Den Titel des Weltverbandes Fifa als besten Spieler des Confed-Cups in Russland hätte Goretzka verdient gehabt, nicht Julian Draxler. Aber als ein Jahr später bei der WM dann die Alten wieder dabei waren, gab es keinen Platz mehr für den klassischen Achter. Nur im letzten Gruppenspiel durfte er mitmachen. Auf Rechtsaußen, keine Position für ihn, er blieb blass, Deutschland verlor 0:2 gegen Südkorea und schied schamvoll aus.

Inzwischen ist der Mittelfeldspieler sowohl beim FC Bayern als auch beim DFB-Team in die Kategorie „Nicht mehr wegzudenken“ aufgerückt. Es gibt ja in diesen Zeiten Krisenverlierer und Gewinner. Leon Goretzka gehört zu den Gewinnern. Und zwar gleich auf zwei Ebenen. Gemeinsam mit Kumpel Joshua Kimmich hat er die Corona-Pause genutzt, das soziale Projekt „We kick Corona“ aufzubauen und mit je einer halben Million Euro auszustatten. Die beiden haben fleißig Öffentlichkeitsarbeit betrieben. Inzwischen sind weit mehr als fünf Millionen Euro zusammengekommen.

Gleichzeitig mit dem Spendenaufkommen wuchs auch die Muskelmasse des Leon Goretzka. Und zwar beträchtlich, Resultat intensiven Hanteltrainings. Auf Instagram kann jeder sehen, wie gut es um den Athleten steht. Er präsentiert sich im Muskelshirt auf dem Spinningrad, mit freiem Oberkörper mit Champions League-Trophäe und Sixpack, im knallengen Pulli beim Cappuccino in Münchens City.

Die schöne Außenwirkung kombiniert sich mit einem Wettbewerbsvorteil. „In den entscheidenden Spielen und Momenten ist es wichtig, physisch und psychisch topfit zu sein. Die Masse hilft mir in Zweikämpfen, macht mich noch einen Tick agiler und robuster“, hat er festgestellt. Schon seit einigen Jahren ernährt der kluge Mann sich weitgehend glutenfrei - und schlägt sich seitdem weniger mit Muskelverletzungen herum. „Man merkt ihm die Power und Kraft an. Er gewinnt mittlerweile mehr Zweikämpfe und setzt seinen Körper gut ein“, erkennt Löw an. Ohnehin weiß der Bundestrainer: „Es zieht Leon immer wieder mit viel Tempo und Zug in die Spitze.“

Jetzt muss Löw nach der Rückkehr von Jo Kimmich (im nächsten Jahr) und Toni Kroos (schon Dienstag gegen Spanien) bloß noch für Ilkay Gündogan, Goretzka und Kai Havertz (gerade wegen Corona unpässlich) Platz im zentralen Mittelfeld hinter den flinken Stürmern Werner, Gnabry und Sané finden. Ziemlich viel Klasse für ziemlich wenig Raum auf dem Feld.

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