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Neue Spielerinnen dringend gesucht

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Von: Frank Hellmann

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Die 19-jährige Jule Brand beim Aufwärmen in London.
Die 19-jährige Jule Brand beim Aufwärmen in London. © dpa

Das deutsche Fußball-Team der Frauen sieht sich für die EM gut gerüstet. Im Hintergrund lauert aber ein großes Problem

Die Abendsonne scheint noch über das Gelände des Grashoppers Rugby Football Club, im Westen von London im Stadtteil Brentford mit seinen vielen Grünflächen, als der deutsche Mannschaftsbus in Schleichfahrt um die Ecke biegt. Zum angereisten großen Team hinter dem Team gehört auch Teampsychologin Birgit Prinz, die am Platzrand wartet. Die dreimalige Weltfußballerin kennt noch die Zeiten, als Erfolgstrainerin Silvia Neid mit einer Handvoll Helferinnen Titel um Titel holte.

Zur Professionalisierung auf allen Ebenen gehört auch, dass sich Journalistinnen und Journalisten nur auf einer Empore aufhalten dürfen und nach 15 Minuten der Trainingseinheit wieder die Anlage verlassen müssen. Hierbei besteht zwischen der A-Nationalmannschaft der Frauen und Männer inzwischen kein Unterschied mehr. Wohl aber in der Aufmerksamkeit für die Teams.

So hat Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg dazu aufgerufen, die Frauen-EM 2022 mehr zu beachten: „Wir haben ein großes Fußballturnier vor uns – und das ist nicht die WM in Katar, sondern die EM in England.“ Sollte heißen: Schaut bitte mal den Frauen statt den Männern zu.

ARD und ZDF übertragen die Gruppenspiele gegen Dänemark (8. Juli), Spanien (12. Juli) und Finnland (16. Juli) zur Prime-Time um 21 Uhr. Voss-Tecklenburg erhofft sich ein „großartiges Turnier“. Die 54-Jährige ringt um Anerkennung und Respekt.

Sie stand selbst auf dem Platz, als Deutschland 1989 bei einem Mini-Turnier zu Hause den ersten von acht EM-Titeln holte. Zum Dank gab es ein Kaffeeservice, das noch immer bei ihr in Straelen im Küchenschrank steht. Bis heute beschwert sich Voss-Tecklenburg darüber nicht, findet das eher amüsant. Sie und ihre Mitspielerinnen waren Amateurinnen, „der DFB durfte uns gar keine Prämie zahlen“.

Diese Zeiten sind vorbei, gleichwohl besteht beim Geld bis heute eine große Diskrepanz zum Männerfußball. Für den Sieg würden Kapitänin Alexandra Popp und Co. 60 000 Euro bekommen, die Titelprämie hat sich gegenüber der EM vor fünf Jahren in den Niederlanden fast verdoppelt. Aber Manuel Neuer und Gefährten hätten im Vorjahr bei der EM 400 000 Euro einstreichen können.

Der DFB begründet das mit den verschiedenen Umsätzen, denn auch die Uefa belohnt nicht gleich: Bei den Frauen gibt es jetzt 16 Millionen Euro Preisgeld, bei den Männern waren es 331 Millionen Euro. So lange Sponsoren und Medien für die Rechte beim Männerfußball klotzen und beim Frauenfußball kleckern, wird das Missverhältnis bestehen.

Jeder zweite Verband der 16 EM-Teams will bald Prämien, Beteiligungen oder Bonuszahlungen zwischen den Geschlechtern angleichen. Aber nicht überall, wo Equal Pay draufsteht, ist auch Equal Pay drin.

Das Magazin „Forbes“ hat sich die Summen genauer angesehen: Demnach stehen die deutschen Spielerinnen besser da als ihre Kolleginnen aus der Schweiz, Schweden oder Spanien, obwohl die Verbände eine Gleichbehandlung avisiert haben. Die Protagonistinnen pflegen eine differenzierte Sichtweise auf das Thema mit Spaltpotenzial. Laura Freigang, die selbstbewusste Nationalspielerin von Eintracht Frankfurt, sagt: „Ich persönlich finde, dass wir auf DFB-Ebene mit den Prämien schon auf einem sehr guten Niveau sind. Dafür muss ich nicht kämpfen, ich habe schon das Gefühl, dass wir sehr privilegiert sind. Gerade wenn ich sehe, was meine Freunde machen, wie viele Arbeitsstunden sie haben und wie viel sie verdienen.“

Die 24-Jährige erzählt davon, dass ihr erster Vertrag beim 1. FFC Frankfurt vor der Fusion nicht gut dotiert war, bis Ende des Monats habe sie stets jeden Euro umdrehen müssen. Unter dem Dach der Eintracht verdienen die meisten Spielerinnen rund 5000 Euro.

Die Nationalspielerinnen vom VfL Wolfsburg und FC Bayern bekommen niedrige fünfstellige Gehälter. Im Vergleich zu den Millionengehältern der Männer-Bundesliga sind das Peanuts, doch die Frauen-Bundesliga erwirtschaftet im Schnitt gerade mal 1,2 Millionen Euro pro Saison – und hat 1000 Zuschauer:innen im Schnitt.

Die Meisterschaft

16 Teams treten bei der Fußball-Europameisterschaft der Frauen an, die am heutigen Mittwoch in England beginnt. Es ist der 13. Wettbewerb dieser Art. Das Team aus Portugal rückte auf das russische Team nach, das von der EM wegen des Krieges Russlands gegen die Ukraine ausgeschlossen worden ist.

Die deutsche Elf spielt das erste Mal am Freitag, 21 Uhr, Gegner ist Vize-Europameister Dänemark. Das Finale ist am Sonntag, 31. Juli, 18 Uhr. FR

Noch können deutsche Klubs international trotzdem mithalten, aber die Kräfteverhältnisse verschieben sich. In Spanien hat der FC Barcelona kurz nacheinander zwei Weltrekorde aufgestellt, als mehr als 90 000 Menschen im Camp Nou Weltfußballerin Alexia Putellas in der Women’s Champions League zusahen.

In England haben Verband, Vereine und Medien sich bewusst entschieden, der Women’s Super League (WSL) einen millionenschweren Schub zu verleihen. Das Interesse steigt stetig. In den Stadien, an den Fernsehschirmen. Die englischen Nationalspielerinnen sind bekannte Persönlichkeiten geworden, für „Three Lionesses“ werden eigene Fanartikel verkauft. Das EM-Eröffnungsspiel gegen Österreich (Mittwoch 21 Uhr/ARD) im Old Trafford von Manchester ist ausverkauft. Die PR-Maschinerie läuft.

Auch da hinkt Deutschland hinterher. Der DFB-Präsident Bernd Neuendorf wünscht sich von seinen Frauen jetzt „einen Push in die Gesellschaft, dass wir da vorankommen“. Sein Verband kann aber auch noch mehr tun: Mitunter waren vor den WM-Qualifikationsspielen nicht mal Plakate aufgehängt worden. Daran aber lag es nicht allein, dass die Partie gegen Israel im Herbst vergangenen Jahres in Essen gerade 1814 Menschen vor Ort sehen wollten.

Zur EM-Generalprobe vor knapp zwei Wochen gegen die Schweiz in Erfurt kamen keine 6000, was nur nicht weiter auffiel, weil die Fernsehkamera selten auf die leeren Tribünenbereiche im Steigerwaldstadion schwenkte. Nur dauerhaft sind die gravierenden Probleme so nicht zu kaschieren.

Der DFB hat 2,12 Millionen aktive Mitglieder, die im organisierten Spielbetrieb mitmachen. Davon sind indes nur noch 187 000 Spielerinnen. Deren Zahl ist seit Jahren rückläufig. Dramatisch sind die Verluste beim weiblichen Nachwuchs: Seit 2010 hat sich die Zahl der Mädchen unter 16 Jahre mehr als halbiert. Kicken geht irgendwie immer – dieser Leitspruch zieht hier nicht mehr. Daher ist auch die Bundestrainerin in großer Sorge. „Einer unserer Aufträge ist es ja, Erfolge zu erzielen und eine Strahlkraft nach unten zu haben, um Mädchen und Jungs zu animieren, Fußball zu spielen“, erläutert Voss-Tecklenburg.

Teilweise müssen Mädchen weit fahren, in Spielgemeinschaften unterkommen oder länger mit den Jungs spielen, was speziell für einige Familien mit Migrationsgeschichte eine Hürde darstellen kann.

Die deutsche Frauen-Nationalmannschaft ist weit weniger divers als das Team der Männer. Aus dem EM-Kader haben gerade einmal drei von 23 Akteurinnen eine Migrationsgeschichte: Zu Nicole Anyomi, deren Vater aus Togo und Mutter aus Ghana stammen, und Sara Doorsoun, deren Vater Iraner und Mutter Türkin sind, kommt noch Kathrin Hendrich, die eine belgische Mutter hat.

Wenn es nicht gelingt, wie in Frankreich genügend Spielerinnen mit einer Einwanderungsgeschichte zu gewinnen, könnte das Problem den deutschen Frauenfußball existenziell bedrohen. Es fehlen Vorbilder, mit denen sich verschiedene Bevölkerungsgruppen identifizieren können.

Generalsekretärin Heike Ullrich kennt das Problem. Die 52-Jährige hat lange die Direktion Frauen- und Mädchenfußball geleitet, als der DFB beide Stränge noch streng voneinander getrennt hatte. Sie brachte viele Ideen mit, um speziell der Frauen-Bundesliga zu helfen, aber bis heute finden sich beim FC Bayern, der auch mit den Frauen die führende Kraft sein möchte, auf dem Campus meist deutlich weniger als 1000 Besucher:innen ein. Gerade ist der Verband mit einer neuen Strategie zur Förderung des Frauenfußballs um die Ecke gekommen, in der einem aber vieles bekannt vorkommt.

Doris Fitschen, Leiterin des Projekts „Frauen im Fußball“, hat bei der Präsentation Klartext geredet. „Die Zahl der aktiven Spielerinnen ist rückläufig, das Zuschauerinteresse sinkt, wir haben zu wenig Sichtbarkeit und zu wenig Frauen in verantwortungsvollen Positionen“, sagte die 53-Jährige. Die Ziele: in den nächsten fünf Jahren die Zahl der Fußballerinnen, Schiedsrichterinnen und Trainerinnen jeweils um 25 Prozent erhöhen, die mediale Reichweite über alle Plattformen verdoppeln und 30 Prozent Frauen in hauptamtliche Führungspositionen bringen. „Wir müssen jetzt richtig Gas geben“, forderte die vielfach dekorierte Ex-Nationalspielerin, schließlich will Deutschland 2027 gemeinsam mit den Niederlanden und Belgien eine Frauen-WM ausrichten.

Dann sollen bitte nicht die Fehler nach 2011 wiederholt werden, als mit dem frühen Ausscheiden ein von allen Seiten aufgeblasener Luftballon platzte. Die Nachhaltigkeit dieses Events bewegt sich im Rückblick auf arg niedrigem Niveau. Der EM-Gewinn 2013 und der Olympiasieg 2016 haben nichts an der Stagnation geändert, der Trend zeigt nach unten.

Nichts hält Ullrich davon, über die Deutsche Fußball-Liga (DFL) die 36 Lizenzvereine einfach zu verpflichten, eine leistungsstarke Frauen- und Mädchenabteilung zu unterhalten. „Wenn es nicht gewollt ist, wird es nicht gut gemacht. Uns hilft kein Feigenblatt.“ Ihr Ansatz: „Es müssen alle lernen, den Fußball ganzheitlich zu denken.“ Die auf dem DFB-Campus vorgestellte Kampagne nennt sich übrigens „FF27“. FF steht für „Fast Forward“ – schnell vorwärts. Nicht wie in Schleichfahrt mit dem Bus der deutschen Nationalspielerinnen.

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