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Geisterspiele sind die neue Realität.

Interview

„Die neue Realität akzeptieren“

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Der Sportpsychologe Bernd Strauß erklärt, was die Spieler bei Geisterspielen tun sollten, warum der Heimvorteil wenig wert ist und Fredi Bobic mit seiner Prognose Recht haben könnte.

Hygieneregeln bestimmen den Alltag der Fußballprofis, ihre Spiele finden vor leeren Rängen statt – alles ist auf einmal ganz anders. Gab es schon mal Vergleichbares? Ist ein Heimspiel noch ein Heimspiel? Wie sollten sich die Teams auf das Ungewöhnliche einstellen? Fragen an Bernd Strauß, Professor für Sportpsychologie an der Uni Münster. Er beschäftigt sich seit Jahren in Studien wissenschaftlich mit Fragen des Heimvorteils, Fans und Zuschauern. Er ist auch Funktionär – Präsident der Fachgesellschaft für Sporpsychologie (asp) und stellvertretender Präsident beim USC Münster, dem Damenvolleyball-Bundesligisten.

Herr Professor Strauß, alle sprechen von den im Fußball nun anstehenden Geisterspielen – aber der Begriff könnte in die Irre führen.
Der Begriff verweist auf eine Vergleichbarkeit, die Situation, vor der wir jetzt stehen, ist aber unvergleichbar. Geisterspiele waren und sind Partien, die durch den Wegfall des Publikums, meist durch vorangegangene Ausschreitungen bedingt, gekennzeichnet werden. Nun werden die Beteiligten auf eine ganze Reihe weiterer veränderter Rahmenbedingungen treffen.

Hat sich die Wissenschaft mit Geisterspielen oder Spielen ohne Zuschauer schon befasst?
In den 90er-Jahren gab es eine kleine Studie zu wenigen Geisterspielen im Basketball in den USA. Die gab es damals aufgrund eines lokalen Masernausbruchs. Es zeigte sich aber kein Unterschied zu den Leistungsmaßen zwischen den jeweiligen Mannschaften, wie sie mit Zuschauern gewesen waren. Ähnlich verlief eine neuere niederländische Studie zu 20 Geisterspielen in der italienischen Serie A vor über zehn Jahren. Es sind jeweils nicht sehr viele Partien, insofern sind die Ergebnisse sehr vorsichtig zu interpretieren.

Die Herausforderung für die Spieler dürfte sein, dass sie mit Corona-bedingten Regeln außerhalb des Platzes und auf ihm leben müssen, aber das die Leistung nicht beeinflussen darf.
Insofern sind auch Ergebnisse zu bisherigen Geisterspielen nicht vergleichbar. Die Rahmenbedingungen sind aktuell ganz andere. Das Zusammenleben der Spieler zieht sich nun über Wochen hin, es wird keine große Abwechslung geben. Die neuen Verhaltensweisen müssen automatisiert werden, damit sie die Aufmerksamkeit nicht ablenken von dem, was auf dem Platz passiert und der Spieler gar nicht darüber nachdenkt und es als Normalität akzeptiert. Das kann man sportpsychologisch unterstützen durch das Einüben von Routinen. Wie Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann gesagt hat: Er muss das korrekte Aufsetzen einer Maske noch einstudieren. Aber man wird das hinkriegen.

Wird die Herausforderung für die Trainer größer?
Die mentale Vorbereitung ist noch wichtiger. Der Trainer muss dafür sorgen, dass die Spieler die neue Realität akzeptieren und nicht in die Rückschau kommen und überlegen, wie ein Spiel im Februar vor der Corona-Krise gelaufen wäre. Innerhalb der Mannschaft wird der Trainer – und er kann sportpsychologische Unterstützung hinzuziehen – wahrscheinlich eine Spannbreite erleben: Von Spielern, für die die Situation unproblematisch ist, bis zu jenen, denen sie zu schaffen macht und dies alles in einem dynamischen Prozess. Man weiß zum Beispiel nicht, welche neuen nicht sportbezogenen Nachrichten es geben wird: Steckt sich jemand an? Wie reagieren die Gesundheitsämter? Normal hat man 34 Spieltage und eine Sicherheit, dass diese auch gespielt werden. Und man erstellt eine Gesamtplanung, kalkuliert, bei welchem Spiel man gute oder weniger gute Chancen hat. Nun kann man wirklich nur von Spiel zu Spiel schauen, das nächste ist in der Tat das wichtigste, weil man nicht weiß, ob überhaupt weitere folgen. Wie Hans-Dieter Hermann, der Sportpsychologe der Fußball-Nationalmannschaft, in einem Interview am Wochenende treffend richtig gesagt hat: Diese Spiele werden Geschichte schreiben, weil sie so einzigartig sind.

Sportpsycholgoie Bernd Strauß.

Wie steht es in der Bundesliga überhaupt um den Heimvorteil? Sie haben dazu ja geforscht.
Es gibt den Heimvorteil in allen Mannschaftssportarten, auch im Fußball, aber mit abnehmender Tendenz seit den 80er-Jahren. Betrachtet man den sogenannten relativen Heimvorteil, die Anzahl der zuhause gewonnenen geteilt durch die Anzahl der entschiedenen Spiele, kann man für die Liga in der ersten Dekade dieses Jahrhunderts einen Wert von circa 62 Prozent ermitteln. Betrachtet man für die Liga den absoluten Heimvorteil – das ist die Anzahl der gewonnenen Heimspiele dividiert durch alle Spiele, die Unentschieden werden also einbezogen – dann zeigt sich schon seit Jahren, dass die Mehrzahl der Heimspiele nicht mehr gewonnen wird. 2015/16 waren es 44,1 Prozent, 2016/17 waren es 49 Prozent, 2017/18 dann 45,4 Prozent. Aktuell zeigt sich für die 25 mit Zuschauern absolvierten Spieltage eine Heimsiegquote von 43,3 Prozent – bei 34,8 Prozent Heimniederlagen. Umgerechnet auf den relativen Heimvorteil wären es nur noch 55,4 Prozent, im Vergleich zu den 62 Prozent ein weiteres Absinken. Man sieht über die Jahre immer eine Schwankung des Heimvorteils und auch, dass ungewöhnliche Ergebnisse oder Häufungen von Auswärtssiegen bei der Anwesenheit der Zuschauer vorkommen,

Es gab diese Saison sogar einen Spieltag ohne Heimsiege.
Auch ungewöhnlich viele Auswärtssiege an einem Spieltag sind nur eine Momentaufnahme – da verhält es sich wie mit dem Wetter und dem Klima. Wenn das Wetter heute mal anders ist als gewohnt, ist das noch nicht der Klimawandel.

Wir erwarten aber eher einen Heimsieg, wenn ein Verein über ein Publikum verfügt, das wir als feurig wahrnehmen.
Die Gleichung, dass viele Zuschauer mehr Heimsiegen entsprechen würden, stimmt nicht. Der Heimvorteil nimmt über die letzten Jahrzehnte ab – dazu gegenläufig steigen die Zuschauerzahlen aber immer mehr an. Allein diese recht simple Betrachtung zeigt, dass der Heimvorteil, ausgedrückt durch die Endergebnisse, nicht positiv mit der Zuschauerzahl oder der Auslastung des Stadions assoziiert ist. Eine tolle Kulisse hat aber sicher Einfluss auf spezifische Verhaltensweisen der Spieler, diese Interaktion kann aber im Positiven wie im Negativen stattfinden und etwa auch zu mehr Fehlern bei Präzision und Koordinationsaufgaben führen. Ein weiterer Aspekt: In einem Hexenkessel wird die eine Mannschaft angefeuert, die andere kann daraus aber auch einen Ansporn beziehen. Die Profis sind mittlerweile darin geschult, Stimmung so in die eigene Informationsverarbeitung aufzunehmen, dass sie dadurch nicht oder nur weniger negativ beeinflusst werden. Diese zunehmende Professionalisierung könnte ein Grund dafür sein, dass der Heimvorteil sinkt.

Keine Zuschauer zu haben entspricht der täglichen Trainingssituation.
Sicherlich wird es Spieler geben, denen die Kulisse fehlt, anderen dagegen wird es eher egal sein. Ich bin mir aber sicher, dass sich jeder mental, gegebenenfalls mit Unterstützung, professionell vorbereitet und sich darüber bewusst ist, dass er Millionen Zuschauer an den Fernsehgeräten erreicht, auch wenn das Stadion leer ist. Die neue Situation muss als bewältigbare positive Herausforderung angenommen werden.

Frankfurts Sportdirektor Fredi Bobic hält kuriose Ergebnisse wie ein 5:5 für möglich. Sie auch?
Die bisherigen Geisterspiele hatten ziemlich normale Ergebnisse. Aber es sind nicht „normale“ Geisterspiele, und wir kennen nicht die Auswirkungen der veränderten Rahmenbedingungen bis hin dazu, ob es nicht Häufungen von ungewöhnlichen Ergebnissen geben wird. So gesehen gebe ich Fredi Bobic da durchaus recht.

Was kann die Wissenschaft mit den Spielen, die auf uns zukommen, anstellen?
Im Prinzip kann jedes Spielergebnis, auch ein ungewöhnliches, mit und ohne Zuschauer entstehen. Daher macht es keinen Sinn, auf dem Hintergrund von nur wenigen Spieltagen über Trends hinsichtlich des Heimvorteils zu spekulieren. Man wird sich die Ergebnisse auch von Spielen aus anderen Ländern präzise anschauen müssen, auch andere Parameter wie Laufleistungen. Natürlich können mit mehr Spielen sicherere Aussagen gemacht werden, aber: Persönlich hoffe ich, dass diese Geisterspiele eine Episode mit nur wenigen Spielen bleiben und wir bald wieder in den Normalbetrieb zurückkehren.

Interview: Günter Klein

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