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Leere Stühle auf dem Dorf.

DFB-Pokal

Neue Gesetze für den Pokal

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Wegen der Corona-Pandemie und strikten Hygieneregeln verliert der DFB-Pokal seinen Reiz. Viele Amateurklubs müssen ihr Heimrecht tauschen. Nur acht Außenseiter spielen zuhause.

Am Freitag in aller Herrgottsfrühe steigen 52 Personen in Bremen-Oberneuland in einen so genannten „Event-Liner“, um eine ungewöhnliche Reise zu einem DFB-Pokalspiel zu unternehmen. Ein Party-Bus mit Doppelstockwerk bringt die Delegation des Fußball-Viertligisten FC Oberneuland zur Erstrundenpartie bei Borussia Mönchengladbach (Samstag 15.30 Uhr). Alle Insassen seien, sagt der 2. Vorsitzende Uwe Piehl, zu diesem Zeitpunkt das vierte Mal auf Corona getestet worden. Das Gefährt wurde übrigens nicht angemietet, um den Zapfhahn am Tresen zu benutzen, sondern um die Abstände besser einhalten zu können.

Die etwa vierstündige Bustour über knapp 350 Kilometer – und damit ein ganzes Stück länger als die Strecke Stuttgart – Basel, die die deutsche Nationalmannschaft mit dem Charterflieger zurücklegte – hätte sich der Aufsteiger in die zweigeteilte Regionalliga Nord gerne erspart. „Es ist die Vernunft“, erklärt Piehl, die dazu geführt habe, das Heimrecht an den Champions-League-Teilnehmer abzutreten. Der ehrenamtliche Vereinsfunktionär, im Hauptberuf Anwalt für Grundstücks- und Immobilienrecht, hat eingesehen: „Der organisatorische Aufwand wäre unzumutbar groß gewesen. Dafür hat ein Amateurverein wie wir gar nicht die Manpower. Die Anforderungen an das Hygienekonzept sind dort nun einmal besser umzusetzen.“ Der FC Oberneuland aus dem gleichnamigen Bremer Nobelstadtteil – wo in den 80er und 90er Jahren die meisten Werder-Profis wohnten – spielt gewöhnlich auf einem autobahnnahen Sportplatz am Vinnenweg mit Mini-Tribüne. Bis zu 5000 Anhänger können hier Platz finden, wenn alle dicht gedrängt stehen. Gegen den Zweitligisten SV Darmstadt 98 kam im Vorjahr knapp die Hälfe, nur war das alles noch vor der Pandemie und seinen Folgen.

Zum Landespokalfinale gegen den Blumenthaler SV – der FCO siegte mit viel Triumphgeheul im Elfmeterschießen – hatten die Bremer Behörden 300 Personen Zutritt gestattet. Ein Umzug ins Weserstadion – wie vor acht Jahren gegen Borussia Dortmund – hatte die Vereinsführung schon vor Corona aus Kostengründen kategorisch ausgeschlossen, so blieb nur der Tausch des Austragungsortes. Dass damit gleichzeitig das Flair verschwindet, das diese Pokalspiele erst auszeichnet, ist die Kehrseite der Medaille.

Die FCO-Delegation wird nun quasi als Entschädigung am Borussiapark ein Erlebnisprogramm mitsamt Stadionführung und Museumsbesuch mitmachen. Übernachtet wird im Borussiahotel am Stadion. Dazu gibt es noch ein anderes Trostpflaster: Als Piehl und sein Vorstandskollege Birger Winkelvoss mit den Gladbacher Geschäftsführern Max Eberl und Stefan Schippers den organisatorischen Rahmen besprach, kam die Idee auf, dass die Fohlenelf doch zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Freundschaftsspiel vorbeikommt. Inzwischen ist ein Vertrag für ein Gastspiel während einer Länderspielpause innerhalb der nächsten zwei Jahre vereinbart, „die Borussia hat genügend Fans im Norden, die sich darauf freuen“, sagt Piehl.

Der DFB kennt das Dilemma, in dem sein liebster Wettbewerb geraten ist, der im Vorjahr allen Erstrundenteilnehmer 175 000 Euro Garantieeinnahme brachte. Nun kommt obendrauf noch ein Zuschuss von 30 000 Euro für alle Klubs ab der 3. Liga abwärts für die Umsetzung der Hygieneregeln – Testreihen für Spieler und Verantwortliche eingeschlossen. Gleichwohl haben elf Regional- und Oberligisten ihren Heimvorteil mehr oder wenig freiwillig abgetreten. Sie hätte es organisatorisch und finanziell schlichtweg überfordert, nicht nur für eine TV-Übertragung, sondern auch die Einhaltung des strengen Hygienekonzepts sicherstellen zu müssen.

Wie im Fall des Rheinland-Pokalsiegers FV Engers aus einem Stadtteil von Neuwied. Normalerweise wäre der Klub einfach nach Koblenz ausgewichen, um gegen den Zweitligisten VfL Bochum zu spielen. Doch eine nähere Betrachtung ergab, wie wenig Sinn das macht. „Mit 350 Zuschauern und einem Kostenapparat von mehreren zehntausend Euro wäre aus dem größten sportlichen Erfolg unserer Vereinsgeschichte ein nicht kalkulierbares Risiko für uns entstanden“, betont Vereinsvorsitzende Martin Hahn. Sein Klub tritt nun tief im Westen an.

Die ellenlangen Bestimmungen, vom Verband frühzeitig in PDF-Dateien verschickt, heißt es, haben zusätzlich abschreckende Wirkung entfaltet. Und so spielt Eintracht Norderstedt in Leverkusen, MTV Eintracht Celle in Augsburg, der 1. FC Schweinfurt auf Schalke, die VSG Altglienicke in Köln, der TSC Havelse in Mainz oder der FSV Union Fürstenwalde in Wolfsburg. Geisterspiele, bei denen gähnende Langeweile droht. Aber was wäre die Alternative gewesen? „Natürlich fehlt in dieser Saison durch den teilweisen Verzicht auf Zuschauer und Tausch der Heimspielstätte ein Teil dieses besonderen Reizes“, gesteht DFB-Vizepräsident Peter Frymuth. Aber: „Wir sind froh, dass wir den Wettbewerb in dieser speziellen Situation trotzdem durchführen können.“

Der DFB stand unter Handlungsdruck. Der DFB-Pokal spülte in 2019 stolze 96 Millionen Euro in die Kassen, und auch wenn 85 Millionen teils als Prämien an die Klubs wieder ausgeschüttet wurden, blieb beim Verband ein satter zweistelliger Millionenbetrag hängen. Deshalb wurde der Passus in den Statuten aufgenommen, überhaupt das Heimreicht tauschen zu können.

Nicht mal der Mittelrhein-Sieger 1. FC Düren, der mit dem FC Bayern das größte Los gezogen hat, nutzt seine Westkampfbahn mit seiner denkmalgeschützten Holztribüne. Statt dessen kommt es am 15. Oktober zu einem sterilen Auftritt in der Münchner Arena, nachdem der Triple-Sieger ja gerade erst mit dem Training angefangen hat. „Es ist nicht gerade die ideale Zeit für ein Traumlos“, sagt Dürens Präsident Wolfgang Spelthahn, ein ausgewiesener Bayern-Fan. Rationalität schlägt Emotionalität. Pragmatismus besiegt Nostalgie. Kaum vorstellbar, dass unter den klinisch reinen Bedingungen eine Story auf Wiedervorlage kommt, dass der David dem Goliath ein Bein stellt und ein ganzes Dorf zum Feiern ins Vereinsheim strömt.

Immerhin acht unterklassige Vereine wollen sich den Festtag nicht verderben lassen. Als gallisches Dorf entpuppt sich dabei im hohen Norden der SV Todesfelde. Der Oberligist aus einem 1000-Einwohner-Ort bei Bad Segeberg in Schleswig Holstein hat alles für das Spiel des Jahres im Joda-Sportpark vorbereitet. Seit dem Sieg im Landespokalfinale gegen den Drittliga-Aufsteiger VfB Lübeck kämpfen 25 Ehrenamtliche für die Austragung der Begegnung am Samstag gegen den Zweitligisten VfL Osnabrück. Geholfen hat, dass der Zuständige beim Ordnungsamt in der Jugend selbst für Todesfelde gekickt hat. Wenn alles klappt, dürfen am Samstag gut 330 Zuschauer kommen, die 35 Euro pro Ticket bezahlen. „So einen Tag kannst Du für Geld nicht kaufen. Das ist Herzblut, das ist Erinnerung und Identifikation mit der Region. Das, was bleibt, ist ja viel mehr als Geld“, beteuert Vereinschef Holger Böhm. 50 000 Euro wird der SV Todesfelde am Ende für das Heimspiel hingeblättert haben.

Und der FC Oberneuland? Der Außenseiter „mit dem geringsten Etat aller Regionalligisten“ (Piehl) würde im Falle einer Sensation die Rückreise auskosten. Trainer Kristian Arambasic: „Wenn wir gegen Gladbach gewinnen, wird der Bus auseinandergenommen.“

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