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Demnächst rollen hier die Bagger: auf dem Gelände der ehemaligen Galopprennbahn entsteht die DFB-Akademie.

DFB-Akademie Frankfurt

„Das Silicon Valley des deutschen Fußballs“

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Wenn am Freitag der Spatenstich für die neue DFB-Akademie in Frankfurt erfolgt, freut das einen Mann ganz besonders.

Wenn am Freitagmittag um 13 Uhr der Spatenstich zur neuen DFB-Akademie  an der ehemaligen Frankfurter Galopprennbahn erfolgt, wird das einen Mann im besten Mittelalter mit besonderer Genugtuung erfüllen. Dieser Mann heißt Oliver Bierhoff und ist seit 23 Jahren, seit er als Einwechselspieler im Londoner Wembleystadion das Golden Goal im EM-Finale 1996 erzielt hat, kein ganz Unbekannter im deutschen Fußball. Es war seinerzeit die vorläufige Krönung einer aktiven Profikarriere, die erst mit einiger Verspätung Fahrt aufnahm.

Bierhoff, inzwischen schlanke 51, hat schon auf dem Fußballplatz gelernt, hartnäckig zu bleiben und sich durchzusetzen. Anfangs seiner Karriere bei Borussia Mönchengladbach, erinnerte sich der technisch mittelmäßig begabte Strafraumstürmer einmal, wurde er häufig als Letzter gewählt. Er hat Kraft daraus gesaugt.

Als Bierhoff 2004 von Jürgen Klinsmann zum ersten Nationalmannschaftsmanager der DFB-Historie erkoren wurde, wies man dem verdächtigen Radikalreformer in der Frankfurter Verbandszentrale ein Büro im Kellergeschoss an. Bierhoff hat kurz gezuckt, sich zuvorderst in sein voluminöses Domizil auf Augenhöhe mit dem Starnberger See zurückgezogen – und dann angefangen, dicke Bretter durchs verkrustete Verbandswesen zu bohren. Mittlerweile ist der ehemalige Student der Fernuniversität Hagen und diplomierte Betriebswirt längst raus aus dem DFB-Keller. Dort sitzt jetzt die Onlineredaktion.

DFB-Akademie in Frankfurt: Krönung einer Managerkarriere 

Mit dem Spatenstich der DFB-Akademie erlebt Bierhoff als hochdekorierter DFB-Direktor mit einem Stab von mehr als hundert Mitarbeitern, analog zum Golden Goal, die vorläufige Krönung seiner Managerkarriere im deutschen Fußball. Als er seine Idee einer zentralen DFB-Sportschule als Kompetenzzentrum schon vor reichlich zehn Jahren erstmals dem Präsidium und den Landesverbänden vorstellte, gab es vor allem eines: brüske Ablehnung. Tenor: „Der spinnt, der Bierhoff“. Die Beharrungskräfte waren stark. Aber Bierhoff war stärker. Der Spinner hat nicht lockergelassen und es am Ende sogar geschafft, den ganz großen Wurf mit einem Investitionsvolumen von 150 Millionen Euro durchzusetzen. Im Dezember 2017 stimmten sämtliche 257 Delegierte beim DFB-Bundestag für das teure Modell. Ein Sieg auf ganzer Linie fürs smarte Mastermind Bierhoff.

Das elende Scheitern der Nationalmannschaft bei der WM voriges Jahr in Russland und die offenkundige Rückständigkeit der vormals weltweit als zukunftsweisend geltenden hiesigen Talentförderung verfestigen den Eindruck, dass die neue Heimat des deutschen Fußballs zum Ende des Jahres 2021 schon zu spät fertig werden könnte, um den Anschluss zeitnah wiederherzustellen. „Es bedarf einer Richtungsänderung im deutschen Fußball. Wir können nicht so weitermachen“, weiß Vordenker Bierhoff. Die Akademie als „das Silicon Valley, das Harvard des deutschen Fußballs“ soll dabei als Fundament dienen. „Sie wird für den DFB zu einem wichtigen Alleinstellungsmerkmal werden“, ist sich Bierhoff sicher, „auch im Verhältnis zu den Spielern, der Liga und den internationalen Verbänden wird sie das Profil und die Bedeutung des DFB neu schärfen und stärken.“

Das Motto im „neuen DFB“ lautet: „Wir möchten heute sagen können, was morgen gefragt ist.“ Der Raum auf 150.000 Quadratmetern dazu: 543 Arbeitsplätze in fünf Etagen, 33 Übernachtungszimmer, drei große und ein kleiner Naturrasenplätze, ein vollumfängliches Kunstrasen-Hallenspielfeld, ein Beachsoccerplatz, ein Technikparcours, eine 800-Meter-Laufstrecke, dazu etliche Seminar- und Konferenzräume. „Aus Talenten Ausnahmespieler und Ausnahmetrainer zu entwickeln, die Weltspitze werden, das ist die Mammutaufgabe“, sagt Bierhoff, „das ist ein Riesending“.

DFB-Akademie in Frankfurt: Matthias Sammer ist skeptisch

Das Akademiegelände kann bei Bedarf um weiter 50.000 Quadratmeter ausgeweitet und somit bis zu 20 Hektar groß werden. Das neue Fußballlabor in 1a-Lage mit Anbindung an den Flughafen, Hauptbahnhof, die Uniklinik und die Autobahnen A5 und A3 im Herzen der Republik soll ein perfekter Ort der Trainerausbildung, Schiedsrichterweiterbildung, Jugendförderung, Heimat der Mitarbeiter und der Nationalteams sowie Austauschstätte für Wissenstransfer werden. Akademieleiter Tobias Haupt glaubt, mit dem Prestigeprojekt die derzeit mit ihren Trainingszentren St. George’s Park, Clairefontaine und Tubize führenden Engländer, Franzosen und Belgier nicht nur einholen zu können: „Die DFB-Akademie ist einzigartig im globalen Fußball. Kein Verband hat das ganze Wissen an einem Ort gebündelt.“ Weil das möglicherweise ein wenig technokratisch klingt, vergisst Bierhoff nicht zu erwähnen: „Die Akademie soll auch ein Zuhause sein und Wärme ausstrahlen.“

Matthias Sammer, einst als DFB-Sportdirektor dem Kollegen Bierhoff nicht eben in trauter Zweisamkeit verbunden, klingt ein wenig skeptisch, wenn er sagt: „Du kannst eine wunderbare Akademie mit den falschen Schwerpunkten bauen, dann bringt das gar nichts.“ Der Fußballfachmann hatte „zwischendurch das Gefühl, dass der deutsche Fußball seine Identität komplett verloren“ habe, auch unter dem Einfluss des Ästheten Pep Guardiola und dessen perfektem Positionsspiel, „wir haben dafür das Fundament gar nicht.“

Für Sammer ist das deutsche Fundament nämlich weiterhin „Siegermentalität und niemals aufgeben, garniert mit Raffinesse.“ Immerhin räumt der Mann, der bei Bierhoffs goldenem Tor 1996 die Mannschaft führte, zumindest mit Spurenelementen von Anerkennung ein: „Der Mut, heute schon an übermorgen zu denken, ist in Deutschland ein bisschen abhandengekommen. Aber das spürt man ja jetzt und versucht, gegenzusteuern.“

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