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Nicht zu stoppen: Raptors-Profi Pascal Siakam (rechts).

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NBA-Finalist Toronto Raptors: Die Globalisierung im US-Basketball 

NBA-Finalist Toronto Raptors hat ein multikulturelles Team beisammen und ist total angesagt.

Arvydas Sabonis spricht nicht mehr. Interviewanfragen aus dem Ausland lehnt er höflich ab. Einzig der großen Jackie MacMullan gelang es vor einem Jahr, der litauischen Legende ein paar Worte heraus zu kitzeln. Für ihr Werk „Basketball – eine Liebesgeschichte“ flog die Autorin nach Kaunas, unterhielt sich mit dem sanften Riesen. Nur wenige Fetzen landeten im Buch. Keiner verstand, was Sabonis ihr sagte. Mit großer Mühe übersetzte sie ein paar Passagen. Sabonis spricht kaum mehr Englisch. Obwohl sein Sohn Domantas in den Staaten spielt. Trotzdem sollte der Center Teil dieser wunderschönen Geschichte sein, die erzählt, wie die Besten der Welt sich in ihren Sport verliebten.

Dem 2,20-Meter-Riesen mit den weichen Händen gehört alleine schon deshalb ein Platz in diesem Meisterwerk, weil er Mitte der 1990er Jahre als einer der ersten europäische Superstars in die nordamerikanische Profiliga NBA wechselte. Er wäre gerne schon 1985 umgesiedelt – in seiner Hochzeit, in der einige ihn für den besten Spieler der Welt hielten. Neben Magic Johnson und Larry Bird, den US-Größen. Die politische Führung verhinderte das. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kamen erst die Jugoslawen Drazen Petrovic, Toni Kukoc, Vlade Divac, dann Sabonis, der Sowjetstar – und nach ihnen eine Flut an Europäern.

Toronto Raptors: Eine Imitation der Spurs

Mittlerweile stammt etwa ein Viertel aller Basketballer in der NBA aus dem Ausland. Verglichen mit den 1990ern, als im Schnitt nicht einmal jeder der 30 Klubs einen Internationalen aufbot, sind das gigantische Zahlen. Manche Teams haben sich auf internationale Spieler spezialisierst wie die San Antonio Spurs. Sie verfügen über ein exzellentes Netzwerk in Europa. Nach ihrem NBA-Finalsieg 2014 blitzten in der Menschenmenge Fahnen aus Frankreich, Argentinien, Brasilien oder Australien auf.

Eine Imitation der Spurs sind die Toronto Raptors. Erstmals stehen die Kanadier im NBA-Finale und gewannen gleich das erste Playoff-Final-Duell mit Titelverteidiger Golden State Warriors. Ihr Aufgebot umfasst Spieler aus sechs Ländern, Trainer aus Italien, Kanada und dem Kongo, verpflichtet vom nigerianischen Manager Masai Ujiri, der schon in Deutschlands zweiter Liga gegen den FC Bayern antrat.

Keine Mannschaft verdeutlicht derzeit besser den Weg, den die weltbeste Basketballliga eingeschlagen hat. Sie treibt unermüdlich die Globalisierung voran auf der Suche nach neuem Geld, neuen Spielern, neuen Märkten. Marc Gasol aus Spanien etwa organisiert die Abwehr der Kanadier. Den vergangenen Sommer verbrachte er auf einem Boot im Mittelmeer und rettete ein Mädchen mit dem Namen Josephine. Sie kam aus Kamerun – dort ist Teamkollege Pascal Siakam ein Star – und trieb neben zwei Leichen im kalten Wasser. „Ich konnte nicht länger schweigen“, sagte Gasol später.

Der Spanier dient als Exempel, was die US-Klubs an europäischen Top-Spielern schätzen: Sie reichen zwar nicht an die Athletik der US-Amerikaner heran, verfügen aber über ausgezeichnete Grundfertigkeiten und über Erfahrung, weil sie viel früher als die US-Kollegen im Profibereich eingesetzt werden.

Lange versah man die Importe mit dem Siegel „zu weich, zu weiß“, scheute sich, sie zu verpflichten. Doch dank Dirk Nowitzki und seinem Meistertitel 2011 sind die Europäer diese Bürde los. Nowitzkis Nachfolger heißen Giannis Antetokounmpo, ein Grieche mit nigerianischen Wurzeln, und Nikola Jokic aus Serbien. Beides physische Gewalten.

In Toronto halfen Gasol und Siakam kräftig beim historischen Finaleinzug – 24 Jahre nachdem die Liga den Klub im Zuge ihrer Erweiterung in Kanada angesiedelt hat. Im ersten Match waren Siakam (32 Punkte) und Gasol (20) die besten Akteure.

Kasi Berisha – 29, Schwabe – arbeitet seit drei Jahren in Toronto und findet: „Diese Mannschaft repräsentiert Stadt und Liga bestens.“ 52 Prozent der Einwohner sind im Ausland geboren. Toronto wächst. Das Ausmaß vermag keiner abzuschätzen. Vor 15 Jahren zählte die Skyline 15 Hochhäuser. Bald sollen es 200 sein.

Kürzlich hat Berisha, der aus Meitingen stammt, 75 Baukräne gezählt. 2040, schätzen die Demographen, leben in der kanadischen Hauptstadt an die zehn Millionen Menschen. Seit zehn Jahren landet Toronto auf der Liste der zehn lebenswertesten Städte der Welt. „Die Stadt ist so weltoffen“, betont Berisha.

Das junge Publikum lässt sich leicht für Sport begeistern. Vorige Woche hingen die Fans nach dem Finaleinzug der Basketballer freudetrunken an den Ampelanlagen, säumten zu tausenden die Straßen. Selbst die USA fährt auf die hippen Raptors ab. Eine Umfrage hat ergeben, dass die Mehrheit in 48 der 50 Bundesstaaten Toronto im Finale unterstützt.

Die Liga sieht sich in ihren Expansionsplänen bestätigt und wagt den nächsten Schritt: Bereits vor Beginn der Endspiele hat sie Amadou Gallo Fall ins Amt des Präsidenten gehoben. Der Senegalese soll bis zum nächsten Jahr eine Afrika-Liga mit zwölf Mannschaften aufbauen, die weiteren Nachschub für die große Traumwelt NBA produziert. In Afrika schlummert die Zukunft – wie noch vor 30 Jahren in Europa.

Von Andreas Mayr

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