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Nadals Pariser Wahrheiten

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Von: Jörg Allmeroth

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Findet bei seinem Lieblingsturnier in Paris gewohnheitsmäßig zu besonderer Stärke: Rafael Nadal.
Findet bei seinem Lieblingsturnier in Paris gewohnheitsmäßig zu besonderer Stärke: Rafael Nadal. © AFP

Der Spanier schlägt den alten Widersacher Novak Djokovic gegen die Wahrscheinlichkeiten. Nun wartet Alexander Zverev auf den Rekordsieger.

Als Lars Burgsmüller am 23. Mai 2005 sein letztes Tennismatch bestritten hatte, verlor er anschließend in einem kleinen Presseraum der French Open noch ein paar ehrfürchtige Worte über seinen sehr jungen Gegner. Der habe „mit unglaublicher Wucht“ und „verrückter Leidenschaft“ gespielt, man werde sicher noch „eine Menge Gutes von ihm hören.“ Burgsmüller, der Mann aus dem Ruhrpott, heute als Mediziner beschäftigt, konnte nicht ahnen, dass es sich bei seiner Einschätzung um die größtmögliche Untertreibung überhaupt gehandelt hatte.

Denn kein anderer als Rafael Nadal war damals der Rivale von Burgsmüller. Das letzte Spiel des Deutschen überhaupt im Tourbetrieb war Nadals erstes Spiel in Paris. Es war der Beginn einer beispiellosen Geschichte im Tennis, im Sport überhaupt, die Geschichte einer frappierenden Dominanz, die bis zu den Internationalen Französischen Meisterschaften 2022 andauert – genau genommen bis zu einem faszinierenden Titanenduell Nadals mit Frontmann Novak Djokovic, das im Mai begann und im Juni endete. Mit dem besseren Schluss für Nadal, den 13-maligen Champion, wieder einmal, wie so oft. Aber auch nicht selbstverständlich, nach all dem Drama, das dem 6:2, 4:6, 6:2, 7:6 (7:4)-Sieg des unverwüstlichen Spaniers vorausging, der um 01.17 Uhr am Mittwochmorgen, am 1. Juni, in der roten Centre Court-Erde festgeschrieben war.

Ein „sehr emotionaler Sieg“ sei es für ihn, sagte Nadal nach dem vorerst letzten der faszinierenden Abnutzungskämpfe mit Djokovic, dem inzwischen vertrautesten Rivalen auf den großen Bühnen des Tourbetriebs. „Es sind diese Momente, für die du als Profi lebst.“ In das 59. Match mit dem serbischen Capitano war der Matador aus Manacor ja in einer seltenen Rolle eingetreten – als problembeladener Außenseiter, der vielleicht Achtungserfolge erzielen, einen Satz gewinnen würde. Der aber wegen seiner lästigen Fußverletzung und der insgesamt holprigen Vorbereitungszeit keinesfalls als Erster über die Ziellinie marschieren könne.

Doch letztlich lohnt nichts weniger, als den größten Kämpfer der Tennisgeschichte abzuschreiben. Nicht an jedem x-beliebigen Schauplatz des Wanderzirkus, aber schon gar nicht in Paris, wo der „Kannibale“ (L’Equipe) seit jenem 23. Mai 2005 und seinem Rendezvous mit Burgsmüller eine wahre Schreckensherrschaft etabliert und sich als fortwährender Spaßverderber für ganze Generationen von Widersachern entpuppt hat. Als Boris Becker noch als TV-Kommentator im Einsatz sein konnte, hatte er im Jahr 2018, in dem auch Skepsis an Nadals Durchschlagskraft und Siegesverfassung aufgekeimt waren, mit Ausrufezeichen gesagt: „Du musst ihn in Roland Garros immer, immer, absolut immer auf dem Zettel haben.“ Die French Open, so Becker, seien Nadals „Reich“, sie setzten „spezielle Kräfte bei ihm frei.“

Und tatsächlich: Auch 17 Jahre nach seinem Hoppla-jetzt-komm-ich-Debütsieg als Teenager kann Nadal jeden seiner Gegenspieler noch mit seiner Urgewalt und Leidensfähigkeit in den endlosen Pariser Rutschpartien zermürben. Nadals Siegeswille kennt genau wie seine Schmerztoleranz keine Grenzen, wenn er unterm Eiffelturm ans stundenlange Tennis-Handwerk geht. Tief in der Nacht nach dem verrücktesten und bestbesetzten French-Open-Viertelfinale aller Zeiten sprach deshalb Djokovic, der geschlagene Titelverteidiger, eine einfache Wahrheit aus: „Rafa war heute der bessere Spieler. Respekt für diese Leistung. Er kommt einfach immer auf dieses spezielle Niveau zurück.“

Das übliche French-Open-Drehbuch „Einer gegen Alle“ war in diesem Jahr eigentlich einem anderen Akteur zugeschrieben worden – dem 19-jährigen Carlos Alcaraz, dem hochbegabten Landsmann Nadals. Doch Alcaraz wurde am Dienstag, im ersten Viertelfinale, von Alexander Zverev niedergerungen – und nun muss der Olympiasieger am Freitag im Halbfinale in den Ring mit Nadal. „Rafa in Paris zu schlagen, ist wohl die schwerste Aufgabe überhaupt im Tennis“, sagt Zverev, „aber ich fühle mich gut, habe Selbstvertrauen. Und freue mich auf das Match.“ Dass er gegen Nadal auf Sand gewinnen kann, hat Zverev schon bewiesen, nicht zuletzt sogar auf heimischem Terrain des Spaniers: Im Viertelfinale des Madrid-Masters 2021 siegte der aktuelle Weltranglisten-Dritte in zwei Sätzen, später gewann er das hochkarätige Turnier nach weiteren Erfolgen gegen Dominic Thiem und Matteo Berrettini.

Aber Paris ist Paris. Mit einem Nadal, der sich stets noch als Verwandlungs- und Entfesselungskünstler präsentieren kann. Auch gegen Djokovic war er nach der strapaziösen Achterbahnfahrt wieder obenauf, im vierten Akt des Centre-Court-Dramas wehrte er sogar noch einmal zwei Satzbälle ab, vermied den noch längeren Marathon bis weit in den frühen Mittwochmorgen. Später erging er sich noch einmal in Spekulationen, wie lange es überhaupt noch weitergehen könne im Tennis für ihn, die Zukunft sei ungewiss. Der Sandplatzkönig, seine Weggefährten wissen es nur zu gut, ist immer auch einer für das halb leere Glas, ein Weltmeister der Tiefstapelei. Auf dem Platz spielt Nadal dann die ganze Wahrheit aus. Die meist bittere Wahrheit für jeden, der ihm auf der anderen Seite des Platzes Auge in Auge gegenübersteht.

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