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Nadal und die Täuschung

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Von: Frank Hellmann

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Schmerzensmann:Rafael Nadal. Foto: AFP
Schmerzensmann:Rafael Nadal. Foto: AFP © AFP

Immer wieder stellt Tennis-Ass Rafael Nadal seinen lädierten Körper mit Pharmazeutika still. Das kann nicht gut sein. Der Spanier braucht einen Ausstiegsplan. Ein Kommentar.

Es ist für den gemeinen Engländer nicht so leicht, in diesen Tagen den Überblick zu behalten. Ständig überbietet sich das Fernsehen mit Eilmeldungen und Liveschalten an die Downing Street No. 10, um über die Turbulenzen um Premierminister Boris Johnson zu berichten. Es war allerdings am Donnerstag bezeichnend, dass in einem Pub im Herzen der Hauptstadt die Menschen erst vor Mitgefühl aufstöhnten, als zu einer Pressekonferenz aus dem All England Lawn Tennis and Croquet Club in Wimbledon geschaltet wurde.

Die News: Rafael Nadal muss aufgeben. Game over. Ohne das Halbfinale gespielt zu haben. Ein Bauchmuskel ist gerissen – und da ist erst mal nichts zu reparieren für das riesige Rasenturnier im Westen von London, zu dem schon Kilometer vorher überall dezente Hinweisschilder angebracht sind. Kein Tennisevent ist größer, keines strahlt mehr. Aber der Mallorquiner Nadal hatte schon den Fünfsatzkrimi im Viertelfinale gegen den tapferen US-Amerikaner Taylor Fritz nur überstanden, weil er entzündungshemmende Medikamente und Schmerzmittel nahm.

Rafael Nadal erzählte nun, er könne sicher in einer Woche wieder von der Grundlinie trainieren, und dann in drei, vier Wochen sei alles wieder gut. Sollte heißen: Zu den US Open bin ich wieder da. Offenbar will der 36-Jährige die Zeichen der Zeit nicht erkennen. Wenn bei einem so gestählten Athleten wie ihm der mächtige Muskel im Unterleib reißt, ist das zwar kein Grund, für immer und ewig den Schläger in die Ecke zu werfen, aber mit seiner Vorgeschichte macht das hellhörig.

Er hat auf Sand in Paris bei seinem Titelgewinn nur mit massivem Einsatz von Pharmazeutika die Schmerzen im Fuß bekämpft und sich die Sohle fast blutig stechen lassen, weil so viele Spritzen nötig waren. Es gibt genügend Mediziner, die halten die gesamte Einstellung des Spaniers für fragwürdig, weil er falsche Signale aussendet. Schmerzende Stellen künstlich ruhig zu stellen, hat fatale Spätfolgen für Leistungssportler – die Beispiele sind zahllos.

Hinzu kommt: Gerade der Tennissport, so elegant er mitunter auch aussieht – eher bei Roger Federer und Novak Djokovic als bei Nadal – ist dauerhaft nicht gut für die Gesundheit. Gerade die vielen Reisen in unterschiedliche Klima- und Zeitzonen zehren. Hinzu kommt, dass ein nicht unerheblicher Teil der Tour auf Hartplätzen gespielt wird, die Hobbyspielern nach einer Stunde bereits Gelenkschmerzen bereiten. Der betonharte Untergrund ist pures Gift für das menschliche Skelett. Trotzdem wird darauf immer noch gespielt.

Was Nadal betrifft: Er sollte wirklich mal darüber nachdenken, wie lange er seinen Körper noch täuschen möchte. Kommt es wirklich noch darauf an, wie viele Trophäen der 22-malige Grand-Slam-Sieger einsammelt? Es gibt ein Leben nach dem Profizirkus, und es dauert bei ihm hoffentlich mindestens noch genauso lange wie die aktive Karriere. Der Tennisstar braucht einen Ausstiegsplan. Er muss ja nicht so abrupt abtreten wie der Politiker, den viele Briten nur noch müde belächeln, wenn dessen Konterfei auf dem Fernsehschirm erscheint.

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