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Einmal wollte er noch der Rettungsanker sein: Werder-Trainer Thomas Schaaf zeigt sich nach dem Abstieg in die Zweite Bundesliga enttäuscht.
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Einmal wollte er noch der Rettungsanker sein: Werder-Trainer Thomas Schaaf zeigt sich nach dem Abstieg in die Zweite Bundesliga enttäuscht.

Zweite Bundesliega

Nach Abstieg von Werder Bremen: Der Schmerz in der Stadt sitzt tief

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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  • Jan Christian Müller
    Jan Christian Müller
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Der Abstieg von Werder Bremen aus der Fußball-Bundesliga ist mehr als ein Wechselspiel des Sportgeschäfts. Er markiert die Krise eines Vereins, der immer Teil der Identität Bremens war. Doch jetzt hängt der Haussegen schief.

Neulich, als die Hoffnung noch größer war als die Furcht, wollte Susanne Siedentopf es noch nicht ganz wahrhaben. Die Bäckereifachverkäuferin erzählte es allen ihren Freunden immer wieder: „Macht euch keine Sorgen, die steigen nicht ab!“ Aber nun ist das Unmögliche doch geschehen: Werder Bremen ist Zweitligist, wie damals, 1980. Siedentopf war da 13 Jahre alt und verfolgte die Spiele auf dem Schoß ihres Vaters, auf der längst abgerissenen Südtribüne. Und als dann auch noch ihr Lieblingsspieler Jürgen Röber ausgerechnet zum FC Bayern wechselte, war das Unglück perfekt.

Glühender Fan von Werder ist die Bremerin dennoch stets geblieben; bei Wind und Wetter hat sie mit Freundin Frauke am Trainingsplatz gestanden, ihre Poesiealben sind reich gefüllt mit Autogrammen, Grüßen und kleinen Gedichten der Stars von vorgestern: Rudi Völler, Kalle Riedle, Klaus Allofs – und Yashuhiko Okudera sogar auf Japanisch.

Bleibt treu trotz Trauer: Werder-Fan Susi Siedentopf.

Vor 41 Jahren trauerte Siedentopf und nun trauert sie wieder. Aber immerhin: Sie muss das nicht alleine durchstehen. Eine ganze Region trauert mit ihr um den einstigen Stolz der Stadt. „Ich bin down“, sagt sie. Aber sie ist eine, die gern auch das Gute sieht. Und so: „Fürs Spiel gegen St. Pauli habe ich mir schon drei Karten gesichert.“ Sie hat ein paar alte Freundschaften bei Werder.

Viele, so wie Siedentopf, hatten nach dem Zittern um den Klassenerhalt in der Relegation 2020 gegen den 1. FC Heidenheim auf bessere Zeiten für Werder gehofft. Es wurde nichts daraus. Auch die Vereinsikone Thomas Schaaf konnte den verfahrenen Karren nicht mehr aus dem Dreck zerren, am jetzt letzten Spieltag in der Ersten Bundesliga. Machtlos stand der 60-Jährige am Spielfeldrand beim 2:4 gegen Borussia Mönchengladbach.

Nach diesem Schock und der sich gleich anschließenden ersten Aufwallung von Trauer mischt sich bei den treuen Fans nun auch Ärger hinzu. Viele in der Hansestadt fragen sich bang – und kriegen keine Antwort: Wird das wieder was, SV Werder, zumal in einer Zweitligasaison mit Schalke, dem HSV und noch ein paar weiteren Dinosauriern alter Tage?

Der 1899 gegründete Sportverein gehörte insgesamt 56 Jahre der Bundesliga an. Nicht mal der FC Bayern – erst recht nicht Borussia Dortmund - können mit so vielen Jahren prahlen. Aber nach nun 1934 bewegten Bundesligaspielen ist erstmal Schluss für Werder, für den Dritten der Ewigen Bundesligatabelle.

Es genügt der Blick zur großen Nachbarstadt Hamburg, um sich zu verdeutlichen, was jetzt droht. Sofortiger Wiederaufstieg ist kein Automatismus. Dass es 2018 die Hamburger und drei Jahre später die Bremer aus der höchsten deutschen Spielklasse katapultiert hat, ist bezeichnend: An der Elbe wollten sie mit allen Mitteln die erfolgreiche Vergangenheit wiederbeleben, an der Weser wollten sie mit aller Ruhe zu alter Stärke zurückfinden. Die einen wechselten zu schnell die Funktionsträger aus, die anderen holten vielleicht zu wenig Hilfe von außen dazu.

Eine Familie soll zusammenhalten, und nirgendwo sonst ist diese Familienbande so eng geknüpft wie in Bremen, wo der Ex- Erfolgstrainer Schaaf sich nicht zu schade war, dem Nachwuchscoach zu assistieren, ehe er die „Mission Impossible“ anging und nach 90 Minuten scheiterte. Wo der Präsident schon vor 44 Jahren die E-Jugend betreute, wo der Stadion-Geschäftsführer vor 35 Jahren Amateurmeister wurde, der Schatzmeister vor 21 Jahren die A-Jugend zur Deutschen Meisterschaft coachte, der stets treu gebliebene Aufsichtsratsvorsitzende 2002 Vize-Weltmeister wurde, der Sportchef Kapitän der Meistermannschaft 2004 war und der vor dem letzten Spieltag geschasste Chefcoach Florian Kohfeldt jahrelang in der dritten Mannschaft das Tor hütete.

Es gibt noch ein Dutzend und mehr solcher Geschichten. Der Tenor ist immer der gleiche: Bei Werder halten sie zusammen. Das Credo, aus der Geborgenheit gegenseitiges Vertrauen und Kraft zu saugen, wollten sie niemals aufgeben. Das wäre doch auch irgendwie Verrat an sich selbst gewesen. Erst recht jetzt, in diesen schweren Zeiten. Aber die Opposition, angeführt vom berühmten Sportmoderator Jörg Wontorra, unterstützt von Ehemaligen um den einstigen Manager Willi Lemke, hat sich auch längst formiert. Draußen vorm Weserstadion, das die Spieler am Samstagabend in Vans durch den Hinterausgang verließen, forderten die Fans Rücktritte.

Torschütze Bernd Hobsch (SV Werder) jubelt nach seinem Siegtreffer gegen den VfB Stuttgart 1993.

Frank Baumann, der wankende Sportchef, bekundet dennoch trotzig, den Neuaufbau mit Rückendeckung des Aufsichtsrates und dessen Chef, Ex-Nationalspieler Marco Bode, gestalten zu wollen. „Unser Ziel muss es sein, direkt wieder aufzusteigen. Wir treten allerdings in einer extrem starken zweiten Liga an.“ Der 45-Jährige bezeichnete den Abstieg jetzt als „unnötig“, deshalb verspüre er neben „brutaler Enttäuschung“ auch „ein Stück weit Wut“. Nur ein einziges Mal stand Werder in dieser Saison auf einem direkten Abstiegsplatz: in den letzten Minuten des letzten Spiels, als der 1. FC Köln die Bremer durch sein 1:0 gegen Schalke 04 überholte.

Der finale Pfiff kam um 17.25 Uhr von Schiedsrichter Felix Brych – und anschließend herrschte im Weserstadion fast Totenstille. Mit einer in jeder Hinsicht bodenlosen Darbietung verabschiedete sich der SV Werder im zehnten Spiel ohne Sieg nacheinander.

Der dienstälteste Erstligist verbuchte in diesem Zeitraum nur noch einen einzigen Punkt: Ein Negativtrend, den der bedauernswerte Schaaf so kommentierte: „Es hat nicht gereicht, was wir geliefert haben. Es ist eine Riesenenttäuschung und Leere bei mir“, gestand der einstige Meistertrainer. „Ich habe es versucht und hatte gehofft, dass ich der Mannschaft noch so viel mitgeben kann, dass es reicht.“ Schaaf weiß genau, welche Zäsur das für Stadt wie Verein bedeutet; allzu gerne hätte er noch einmal den Rettungsanker und Identitätsstifter gegeben. Seine Abschiedsworte klangen brüchig.

Es hatte ja auch viele bessere Zeiten gegeben: So lieferten sich der HSV und Werder 2009 vier epische Duelle, in denen es in drei Wettbewerben um zwei Titel und die Champions League ging. Seitdem, sagt Sportchef Baumann, damals selbst noch Spieler, sei „unheimlich viel passiert“ in der Bundesliga – und offenbar war da nicht immer nur Gutes dabei. Durch Mäzene groß gemachte Klubs wie die TSG Hoffenheim, neu geschaffene Marken wie RB Leipzig haben den „Verdrängungswettbewerb“ (Baumann) gnadenloser gemacht. Was Werder Bremen erlebt, haben Eintracht Frankfurt und Hertha BSC, der 1. FC Köln oder VfB Stuttgart in den Zehner-Jahren alle schon durchgemacht.

Die Alten wissen, wie es früher war. Sie haben das Dasein als graue Maus (70er Jahre), die Rehhagel-Ära (80er und 90er Jahre) bis hin zum Bayern-Rivalen (2000er Jahre) aus verschiedensten Perspektiven wahrnehmen können. „Was ist grün und stinkt nach Fisch? Werder Breeemeeen!“ So geht die Verunglimpfung in Fankurven bei Gastspielen. In dem Schmähgesang steckte aber immer auch ein bisschen Anerkennung: Die Menschen an der Küste sind ein bisschen eigen, aber ihre bodenständige Art verkörpert eine Verlässlichkeit, die in vielen Lebensbereichen verloren gegangen ist. Werder Bremen lebt solche Werte.

Die Sympathien sammelte der Verein mit seiner Strategie ein, die über die Jahrzehnte eigentlich immer dieselbe war: mit klug eingesetzten Bordmitteln den geldwerten Vorteilen der Konkurrenz die Stirn zu bieten. 1988, als Karl-Heinz Riedle die Bremer im Frankfurter Waldstadion zur ersten Meisterschaft unter Otto Rehhagel köpfte, hatte Werder vorher seinen Torjäger Völler nach Rom verkauft. 1993, als Bernd Hobsch im Stuttgarter Neckarstadion die Hanseaten zum nächsten Titel schoss, begannen die Bayern bereits, alle Stars der Liga einzusammeln. Und 2004, als Ailton im Münchner Olympiastadion bitterlich weinte, weil er schon einen Vertrag auf Schalke unterschrieben hatte, stieg dem Bayern-Manager Uli Hoeneß die Zornesröte ins Gesicht, weil Werder in den längst zu Kult gewordenen grün-orangefarbenen Papageien-Trikots mit Johan Micouds filigranen Füßen in der Zentrale den viel schöneren Fußball spielte. So war das mal. So unendlich weit weg wirkt das jetzt alles.

Werder-Fans gedenken dem 1982 von Hooligans zu Tode geprügelten Adrian Maleika.

Und das ist nicht alles „nur“ Sport oder „nur“ Geschäft. Es trifft einen veritablen Leuchtturm des Nordens, der mit seiner sozialen Verantwortung und gesellschaftlichen Verankerung zur Stadt gehört wie der Roland zum dortigen Marktplatz. Wie sagte der ehemalige Manager Willi Lemke? „Bremen ist international nicht wegen der Stadtmusikanten bekannt, sondern mit Werder.“ Der vierfache Meister, sechsfache Pokalsieger und Europapokalsieger von 1992 strandet in einer zweiten Liga.

Deren letzter Meister waren auch die Bremer, die den Betriebsunfall ihres bislang einzigen Abstiegs 1980 so reparierten. Doch damals waren die Vereine noch keine Kapitalgesellschaften oder Kommanditgesellschaften auf Aktien – diese Form gab sich der SV Werder mit dem Mutterverein als alleiniger Gesellschafter 2003. Bis heute widerstanden die Verantwortlichen der Versuchung, Anteile an Investitionsinteressierte zu veräußern. Aber ehrlicherweise muss man sagen: Es gab auch keine verlockenden Angebote in einer lässigen und liebenswerten Stadt, die ökonomisch darbt, aber auch neue Kraft entwickelt. Am alten Becken des Europahafen und am zugeschütteten Überseehafen schießen heuer teure Eigentumswohnungen und Start-ups geradezu wie Pilze aus dem Boden.

Vor vier Jahrzehnten hatte der viel zu früh verstorbene Manager Rudi Assauer noch in der Nacht nach dem verpassten Klassenerhalt den direkten Wiederaufstieg avisiert. Damals waren die wirtschaftlichen Folgen eines Abstiegs nicht so verheerend wie heute, wo allein beim Fernsehgeld jetzt mal eben so 30 Millionen Euro wegbrechen. Kein Pappenstiel für einen Klub, der ohnehin finanziell nicht so überzeugend wirkt. Vor 40 Jahren waren Privatfernsehen oder Pay-TV noch nicht erfunden, die Gehälter geringer, die Bindungen größer. Sogar der beliebte Nationaltorwart Dieter Burdenski blieb, stieg mit Kameraden wie Erwin Kostedde oder Klaus Fichtel umgehend auch wieder auf – und Werder kam schillernder, prächtiger, stärker als je zuvor zurück. Die Erneuerung in der zweiten Liga, erst mit Kuno Klötzer, dann mit Glücksgriff Otto Rehhagel, sollte der Startschuss zur erfolgreichsten Epoche der Kicker an der Weser werden.

2021 funktioniert Gesundung über Schrumpfung aber nicht mehr, erst recht nicht in Corona-Zeiten. Die Kostenstruktur des Kaders muss drastisch reduziert werden, denn die Verträge in der zweiten Liga erhalten Abschläge zwischen 30 und 50 Prozent. Was die Zahlen nicht ausdrücken können: Wie viel Stolz bei vielen in Bremen und drumherum verloren geht.

In kaum einer anderen Region Deutschlands ist der örtliche Profiklub derart tief bei den Menschen verwurzelt wie in Bremen. Die Identifikation hat ein paar Kratzer bekommen, in dem vergangenen Jahrzehnt fortwährender Abstiegskämpfe. Aber der Klebstoff zwischen Werder und den Menschen – der hält.

Noch immer ist Werder Bremen eine Marke mit überregionaler und – verblassender, weil zunehmend historischer – internationaler Ausstrahlungskraft. Die flirrenden Europapokalnächte mit Größen wie Wynton Rufer, Klaus Allofs, Uli Borowoka, Johan Micoud, Ailton, Miroslav Klose, Tim Wiese, Per Mertesacker, Diego, Mesut Özil ... die haben eine ganze Generation von Fußballfans im Land verzaubert. Wer gegen die Bayern war, war für Werder Bremen, den Underdog, der den Mächtigen und Reichen die Stirn bot. Vergangene Zeiten.

Auch für Susanne Siedentopf ist Werder ein Klebstoff des Lebens. Bleibt er auch, ist ja keine Frage. Mit dem Fanclub „Die Treuen“, zu dem auch Adrian Maleika gehörte, pflegt sie eine unverbrüchlich enge Beziehung. Der Junge war gerade 16, als er 1982 im Hamburger Volkspark von einem Stein aus den Händen Hamburger Hooligans am Kopf getroffen wurde und tags darauf im Krankenhaus Altona an einer Gehirnblutung verstarb. Susi Siedentopf ist jedes Jahr am Todestag am Grab auf den Friedhof Huckelriede. „Ich trauere sehr um Adrian“, sagt sie. „Und um Werder nur ein bisschen.“

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