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München und die European Championships: „Etwas, das wir nur alle 50 Jahre erleben“

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Von: Günter Klein

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Hohe TV-Quoten, volle Tribünen: Die European Championships entpuppten sich als Zuschauermagnet.
Hohe TV-Quoten, volle Tribünen: Die European Championships entpuppten sich als Zuschauermagnet. © dpa

Die European Championships begeistern in München das Publikum. In ihrer Bilanz freuen sich die Veranstalter über ein Paradebeispiel für Nachhaltigkeit und Fannähe.

Kim Bui, die Turnerin, hatte ihren großen Abschied von der Bühne des Sports am ersten Sonntag der European Championships gehabt, in der Olympiahalle wurde sie abgefeiert wie nie in ihrer nun beendeten Karriere. Danach ist sie heim nach Stuttgart gefahren, hat sich auch „eine Wellness-Maßnahme“ gegönnt, aber gemerkt, dass sie doch nur immer den Fernseher oder einen Stream hat laufen lassen. Zum zweiten und letzten Sonntag ist sie also nochmals nach München gereist – sie kam nicht los von der Veranstaltung, die sie über alle Maßen lobte: „Sensationell, was hier auf die Beine gestellt wurde.“ Konstanze Klosterhalfen war nicht minder begeistert. Nach ihrem Goldlauf über die 5000 Meter am Donnerstagabend schwebte sie die weiteren Tage durch den Park und versicherte: „Solch ein lautes Stadion habe ich noch nie erlebt.“ Die Zeit ab Montag, als die Hotelzimmer geräumt wurden, bezeichnete sie vorab als „Entzug“.

Dieter Reiter, Münchens Oberbürgermeister, machte die Größe des Erfolgs an zwei Beobachtungen fest: Ihm fielen „viele lächelnde Polizisten“ auf, und vor allem: „Die European Championships sind das erste Ereignis in meinen neun Jahren als OB, über die sich gar niemand beschwert hat.“ Marion Schöne, Geschäftsführerin der Olympiapark GmbH, lieferte die Daten, die den Erfolg belegen. „On sight und on screen hatten wir fantastische Zahlen“, sagt sie auf Mediendeutsch. Übersetzt: Vor Ort wurde bereits am viertletzten Tag die Marke von einer Million Zuschauenden überschritten, bei den verkauften Tickets kam man an die 400 000 heran, weil die Leichtathletik, anfangs schwächelnd, mächtig anzog. ARD und ZDF übermittelten gute Quoten: Marktanteile bis zu 20 Prozent für die Übertragungen aus München, vier Millionen Menschen an den TV-Geräten.

„Unsere Vision ist übertroffen worden“, sagt Marion Schöne, „wir haben das ,Big picture‘ erreicht.“ München wollte eine Geschichte erzählen: die beispielloser Nachhaltigkeit, die des Geists von 1972, der im Olympiapark unter der Zeltdachkonstruktion noch immer und jeden Tag aufs Neue zu spüren ist, „uns mitreißt und inspiriert“. 2022 war sehr viel kleiner als die von der gesamten Welt beachteten Olympischen Sommerspiele 1972 (mit zum Vergleich rund drei Millionen verkauften Eintrittskarten), aber ganz in deren Sinne. Marion Schöne wird sportpolitisch: „Das Ziel war, zu zeigen, dass Großveranstaltungen für die Massen da sind – und nicht für die Funktionäre.“

Kein 2022 ohne 1972

Alles fügte sich zusammen zu einem stimmigen Bild in den elf Championships-Tagen: Spektakel-Sportarten (BMX, Klettern) verbanden sich mit traditionellen Disziplinen, die Siegerehrungen auf der Seebühne, dem Schauplatz prominent besetzter Gratis-Konzerte, waren Signale, die die Leichtathletik über das Stadionrund hinaus sendete, und bei den Siegerehrungen kamen häufig Olympia-Teilnehmende von 1972 zum Einsatz. Nicht jeder und jede damals mit Medaillen dekoriert, nun aber vom Publikum umjubelt. Wie der ehemalige bundesrepublikanische Turner Walter Mössinger, der am Sonntag auf dem Podium inmitten der Olympiahalle stand und mit großer Geste seinen immer noch perfekt sitzenden Original-Ausgehanzug von vor fünfzig Jahren vorführte.

Das war einer der Momente, in denen sich das Gestern und das Heute der Anlage verbanden und klar wurde, dass 2022 ohne die Vorleistung von 1972 nicht denkbar gewesen wäre und die Moderne eine Geschichte aufnahm und sie weitererzählte. Schöne gibt wieder, was sie ihrem Championships-Team von an die 300 Angestellten gesagt hat: „Es kann sein, dass wir so etwas nur alle 50 Jahre erleben.“

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