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Es ist angerichtet: In Tampa wird der Super Bowl ausgetragen.
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Es ist angerichtet: In Tampa wird der Super Bowl ausgetragen.

Super Bowl in den Staaten

Momente der Demut

  • Sebastian Moll
    vonSebastian Moll
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Einst galt der Super Bowl im Football als Ritual der nationalen Einigung, doch davon ist nichts übrig geblieben – die US-Amerikaner haben ganz andere Sorgen.

Würde man auf den Straßen der USA nachfragen, wer im Jahr 1991 den Super Bowl gewonnen hat, dann würde man in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle wohl einen ratlosen Blick ernten. Abgesehen von eingefleischten Football-Fans und älteren New Yorkern könnte sich wohl niemand mehr so genau daran erinnern, dass die New York Giants damals gegen die Buffalo Bills die begehrteste Trophäe in Amerikas liebstem Sport geholt haben.

Wesentlich mehr US-Amerikaner würden sich hingegen daran erinnern, wie vor dem Spiel im Stadion von Tampa, just da, wo an diesem Wochenende der Super Bowl zwischen den Tampa Bay Buccaneers und den Kansas City Chief ausgetragen wird, Whitney Houston das Mikrofon in die Hand nahm und mit ihrem Vortrag der Nationalhymne eine Vorstellung für die Ewigkeit ablieferte. Bis heute bekommen Millionen US-Amerikaner Gänsehaut, wenn sie sich auf Youtube das Video anschauen.

Die Performance war damals allerdings nicht alleine wegen Whitney Houstons Jahrhundertstimme und ihrer schnörkellosen Interpretation des Star Spangled Banner so wuchtig. Houston vermochte es, zumindest für einen Moment, eine zerrissene Nation zusammenzubringen. Die USA hatten gerade den ersten Golfkrieg angezettelt, und die Hälfte des Landes war über die Sinnlosigkeit der Expedition entrüstet. Die andere Hälfte forderte bedingungslosen Patriotismus. Erinnerungen an die Vietnam-Ära wurden wach, doch Houston überbrückte mit der Kraft ihrer Musik die Gräben.

Der Super Bowl erfüllte damals trefflich seine Funktion als Ritual der nationalen Einigung. 30 Jahre später scheinen die Zentrifugalkräfte des Landes jedoch selbst für den Super Bowl zu gewaltig geworden zu sein.

Bereits im letzten Jahr demonstrierte der Super Bowl eigentlich nur die Unversöhnlichkeit Amerikas mit sich selbst. Das Spiel war eingerahmt von einem politischen Werbeclip des amtierenden Präsidenten auf der einen Seite und eines seiner Herausforderer, Michael Bloomberg, auf der anderen. In der Mitte stand die Halbzeit-Show von Jennifer Lopez, die sich als einzige Künstlerin von einer Liga beschäftigen ließ, die sich weigerte, dem Bürgerrechtler Colin Kaepernick einen Job zu geben. Doch auch J-Lo blieb nicht brav. Sie nutzte ihren Vortrag, um auf die Situation von eingesperrten und isolierten Kindern an der mexikanischen Grenze aufmerksam zu machen.

Wiederum ein Jahr später wirkt sogar der Rückblick auf damals wie die Erinnerung an eine bessere Zeit. Die Staaten haben sich noch lange nicht von dem Schock des Sturms auf das Kapitol erholt. Die wirtschaftliche Not im Land wird mit jeder Woche der Pandemie und des Zanks im Kongress größer. Und die skandalöse Zahl der Corona-Opfer ist eine nationale Schande. So werden die USA in diesem Jahr einen Super Bowl erleben, wie es ihn noch nie gegeben hat. Es wird ein Super Bowl, der eher leise und bescheiden daher kommt. Für das übliche Brustgetrommel und das hemmungslosen Ausleben der großen Leidenschaften – dem Kommerz und dem Militär – ist es nicht die richtige Zeit.

Duell der Stars

Es ist das große Generationen-Duell der zwei wohl talentiertesten Quarterbacks der NFL-Geschichte. Tom Brady ist mit seinen sechs Super-Bowl-Siegen bereits zur Legende aufgestiegen. Seit 21 Jahren ist er in der Liga, 20 davon verbrachte er bei den New England Patriots. Mit 43 Jahren wagte Brady ein neues Abenteuer und führte die Buccaneers – die zuletzt 2007 in den Playoffs standen – auf Anhieb in den Super Bowl. Der Meister seines Fachs ist aber noch lange nicht fertig und geht in seinem zehnten Endspiel – das erste überhaupt im heimischen Stadion – auf die Jagd nach seinem siebten Ring.

Ihm gegenüber steht das derzeitige Aushängeschild der NFL. Patrick Mahomes, der im vergangenen Jahr einen Zehn-Jahres-Vertrag über knapp 450 Millionen Dollar (397 Millionen Euro) in Kansas unterschrieben hat, peilt mit den Chiefs den zweiten Super-Bowl-Triumph nacheinander an. Mahomes führt die beste Offensive der Liga an, was nicht zuletzt an der Passgenauigkeit des 25-Jährigen liegt. Das letzte Duell vor zwei Monaten entschied Mahomes knapp mit 27:24 für sich – auch dieses Mal erwarten sich viele Experten einen offenen Schlagabtausch der beiden Quarterback-Superstars.

Den Super Bowl können Football-Fans im frei zu empfangenden Fernsehen schauen. ProSieben überträgt das Finale der NFL in der Nacht zu Montag ab 0.30 Uhr. Die Vorberichterstattung beginnt bereits am Sonntag um 22.40 Uhr. sid/dpa

Das Zurückfahren des Exzesses beginnt schon bei der werbenden Wirtschaft, die ansonsten bereit ist, für das TV Spektakel tief in die Taschen zu greifen. Trotz des stolzen Preises von 5,5 Millionen Dollar pro 30 Werbesekunden hatten die Sendenetzwerke in der Vergangenheit keine Probleme damit, die vier Stunden Sendezeit auszubuchen. In diesem Jahr sind hingegen noch reichlich Plätze zu haben. Selbst treue Stammkunden wie Coca Cola, Pepsi und Budweiser sitzen diesen Super Bowl aus.

Das liegt zum einen an knappen Kassen. Eine große Rolle spielt jedoch auch die komplizierte Stimmung in der Bevölkerung. So gab ein Werbeexperte gegenüber preis, dass zur Zeit jeder Kunde Angst davor habe, irgendjemanden vor den Kopf zu stoßen. Entsprechend sind die Werbeclips, die vor dem Super Bowl bereits an die Öffentlichkeit gedrungen, brav und belanglos.

Auch im Stadion bemüht man sich in diesem Jahr verzweifelt darum, den richtigen Ton für diesen Moment zu treffen. Die Football-Liga NFL versucht sich betont heilend für die geschundene nationale Seele zu geben. 7500 Freikarten wurden an geimpfte Krankenpfleger und Ärzte vergeben. Die sollen nun im zu zwei Drittel leeren Stadium für Stimmung sorgen.

Die Nationalhymne wird diesmal von dem Duo Eric Church und Jazmine Sullivan vorgetragen – einem Country Sänger und einer Rhythm-and-Blues-Künstlerin. Die Wahl soll versinnbildlichen, dass die Kulturen des Landes – weiß und südlich, schwarz und urban – etwas gemein haben.

Kurz danach wird der neue Superstar Amanda Gorman auftreten und erstmals in der Geschichte des Super Bowl ein Gedicht vortragen. Die junge Poetin aus Los Angeles hatte bei der Amtseinführung von Joe Biden die Nation mit ihrer Botschaft der Hoffnung zu Tränen gerührt. Nun soll ihr Ähnliches gelingen.

Die neuartige Verbindung von Football und Lyrik sagt vielleicht am meisten über diesen nationalen Moment der Demut aus. Ganz verkneift sich allerdings der Super Bowl am Ende doch nicht das Säbelrasseln. Man verzichtet auch in diesem Jahr nicht auf das obligatorische Flyover von Kampfjets als Kontrapunkt zu Gormans Kunst. Immerhin – die Luftwaffe entsendet diesmal in einer Geste der Inklusion ausschließlich weibliche Kampfpiloten.

Ob diese neuen Töne der NFL in den US-amerikanischen Haushalten ankommen, ist unsicher. Die Einschaltquoten für Football waren die gesamte Saison über eher schwach. Einzig das Conference-Finale von Tom Bradys Buccaneers gegen die Green Bay Packers lockte die Menschen vor die Bildschirme. Ansonsten hatte man andere Sorgen.

So wird wohl auch die klassische Super-Bowl-Party mit Chicken Wings und Dosenbier in Covid-19-Zeiten in den meisten Teilen des Landes eher ausbleiben. Football ist im Moment schlicht nicht sehr weit oben auf der Prioritätenliste des Landes. Gleich, welche Botschaft von Tampa aus ins Land versendet wird.

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